Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

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Catherine Ryan Howard – Ich bringe dir die Nacht

Nichts hat Alison weniger erwartet als Besuch von der Polizei. Von der irischen Polizei und das, wo sie seit zehn Jahren in den Niederlanden lebt. Nach den schrecklichen Vorfällen war sie geflohen und hat sich mühsam ein neues Leben aufgebaut und versucht zu vergessen. Doch jetzt beginnt alles scheinbar von Neuem. Der so genannte Kanalkiller von Dublin hat wieder zugeschlagen, aber eigentlich sitzt dieser doch im Gefängnis? Sie selbst hatte auch keine Zweifel mehr an der Schuld ihres Freundes Will, nachdem dieser die Morde an den Studentinnen gestanden hatte. Doch nun werfen die neuerlichen Tötungen Fragen auf und Will möchte reden, aber nur mit einer einzigen Person: mit Alison. Ist er womöglich doch unschuldig?

Catherine Ryan Howards zweiter Krimi war einer der erfolgreichsten Titel im angloamerikanischen Raum 2018. Es braucht nur wenige Seiten, um dies nachvollziehen zu können: die Autorin packt einem vom ersten Moment und man ist derart gefesselt von der Geschichte, dass man den Roman kaum beiseite legen möchte. Ein Thriller, der zwar durchaus bekannte Muster zeigt, aber dennoch überraschen kann und unerwartete Wendungen aufbietet.

Auf zwei Zeitebenen werden die Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt. Interessant dabei bleibt, dass manche der Figuren doch so zweideutig und vage bleiben, dass man bis zur letzten Seite nicht sicher ist, ob man ihnen trauen kann oder ob sie ein falsches Spiel spielen. Die Protagonistin Alison bleibt dabei als 19-jährige Studentin etwas unbedarft und naiv und ist auch zehn Jahre später nicht viel weiter. Nichtsdestotrotz trägt die Figur die Handlung überzeugend und man kann ihr emotionales Hin-und-Hergerissen-sein sehr gut nachvollziehen.

Der Fall ist plausibel konstruiert und clever spielt die Autorin mit den Wissenslücken und voreiligen Deutungen der Figuren, um so nicht nur ihre Charaktere in zweifelhaftem Licht erscheinen zu lassen, sondern auch dem Leser einige Fährten zu legen, denen man bereitwillig folgt.

Kein Thriller, der an die Grenzen der Nervenanspannung geht, aber der Schreibstil hält die Ungeduld und Vorahnung konstant oben und lässt sowohl das Setting wie auch die Figuren authentisch und glaubhaft wirken. Es braucht keine brutalen Szenen mit detailreichen Schilderungen von Verletzungen und dem Aussehen der Leichen, um spannungsreich gut zu unterhalten.

Ein herzlicher Dank geht an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autorin und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Don DeLillo – Weißes Rauschen

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Don DeLillo – Weißes Rauschen

Jack Gladney ist Professor an einem kleinen College im Mittleren Westen, wo er den Lehrstuhl für Hitler-Forschung innehat. Mit seiner aktuellen Frau und vier seiner Kinder führt er ein völlig durchschnittliches Leben zwischen Arbeit, Haushalt und gemeinsamen Fernsehabenden. Ein Störfall in einer nahegelegenen Chemiefabrik bringt das sorgfältig austarierte Gleichgewicht der Familie zum Wanken, denn fluchtartig müssen sie ihr Zuhause verlassen und sich vor einer unheilbringenden Wolke schützen. Nach zehn Tagen ist der Spuk vorbei und sie kehren in ihr Heim zurück. Doch der Zwischenfall hat Spuren hinterlassen und die sowohl bei Jack wie auch bei Babette vorhandene latente Todesangst wird immer manifester. Während Babette mit Tabletten versucht ihr Herr zu werden, versucht Jack aktiv zu werden, erst durch unzählige Untersuchungen, dann durch die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod.

Das lange erste Kapitel fokussiert auf das Familien- und Campusleben in der amerikanischen Kleinstadt. Die Welt ist überschaubar – auch wenn Jack Gladneys Frauen und zahlreiche Kinder nicht ganz leicht zu überblicken sind – man begegnet seinen Kollegen auf der Arbeit und im Supermarkt und die Wahrheit über die Welt kommt per Übertragung aus dem heimischen Fernsehgerät. DeLillos Roman erschien erstmals 1985 und er ironisiert an dieser Stelle sehr offenkundig den Werte- und Bildungsverfall: die Universität hat nicht einmal einen ordentlichen Namen, sondern ist schlicht das College-on-the-Hill, was nicht für ihren akademischen Ruhm spricht. Auch wenn Gladney selbst ein ernstes und relevantes Forschungsfeld beackert, die Tatsache, dass er kein Deutsch spricht als Hitlerexperte und dass sein Kollege über Popkultur und Themen wie Autounfälle in Kinofilmen doziert, verdeutlicht die pseudowissenschaftliche Degenerierung. Dass Jacks 14-jähriger Sohn Heinrich noch mit dem größten Fach- und Sachwissen aufzuwarten vermag, ist hier nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch die Kritik an der Konsumorientierung wird bei Jacks regelmäßigen Einkäufen mehr als deutlich. Der Supermarkt wandelt sich vom Ort der notwendigen Versorgung zum Ereignistempel und das Umstellen der Regale führt zu ernstzunehmenden psychischen Störungen. Der Störfall reißt alle Bewohner aus dem üblichen Trott und stellt den bis dato unbändigen Technikglaube in Frage und konfrontiert die Figuren nicht nur mit einer extremen Ausnahmesituation, sondern auch damit, dass es manchmal keine eindeutigen oder eben gar keine Antworten auf ihre Fragen gibt.

„Weißes Rauschen“ tritt in vielen Wissenschaften auf, eine Anwendung ist die Behandlung von Tinnitus, wo man das störende Ohrgeräusch durch das weiße Rauschen versucht zu überlagern. Für Jack und Babette ist die Todesangst der Tinnitus, allgegenwärtig und aus dem Inneren heraus von beiden nicht bekämpfbar. Babette löst das Problem durch Medikamente, Jack sucht Erlösung dadurch, dass er zum Mörder wird und so die Oberhand über den Tod gewinnt.

Wie immer bei Don DeLillo ein Buch voller Referenzen, kultureller Bezüge und ausufernder Gesellschaftskritik. Man merkt dem Roman sein Alter in keiner Weise an und würde man den Fernseher durch Handys und das Internet ersetzen, wäre die Aussage heute ebenso aktuell wie Mitte der 1980er Jahre.

Christine Mangan – Nacht über Tanger

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Christine Mangan – Nacht über Tanger

Es ist ihr Mann John, der darauf drängt nach Tanger zu ziehen, Alice Shipley ist wenig begeistert davon und fühlt sich in Marokko sichtlich unwohl. Sie wurde auf ihrem Mädchen-College in Neuengland auch nicht auf ein solches Leben vorbereitet, überhaupt sollte eine junge Frau in den 1950ern in geordneten Verhältnissen leben. Alice ist einsam und unglücklich als plötzlich ihre ehemalige Zimmergenossin Lucy vor ihr steht. Schnell blüht sie auf, verlässt das Haus, doch mit Lucy sind auch die bösen Erinnerungen zurückgekehrt und Alice weiß, dass sie ihrer vermeintlichen Freundin nicht trauen darf. Die Vergangenheit hat sie eigentlich gelehrt, möglichst viel Abstand zwischen sich und Lucy zu bringen – doch nun sind sie auf engstem Raum und Alices schlimmste Befürchtungen sollen sich bewahrheiten.

Christine Mangan hat mit „Nacht über Tanger“ einen Roman geschrieben, der unerwartete Züge eines Psychothrillers entwickelt. Atmosphärisch überzeugt er auf jeder Seite und man hat von Beginn an den Eindruck, zurückversetzt in die 50er Jahre zu sein und kann die Hitze Afrikas regelrecht spüren. Neben den psychologisch interessant gezeichneten Figuren war es vor mich vor allem Tanger in Mangans Darstellung, das nicht nur glaubwürdig, sondern nahezu greifbar erscheint.

Der Reiz der Geschichte liegt im psychologisch geführten Kampf zwischen den beiden Frauen. Zunächst erscheinen sie als Freundinnen, doch bald wird durch ihre Erinnerungen klar, dass dem nur bedingt während der Studienzeit so war und dass es ein dramatisches Ende gegeben haben musste, dass sie entzweite. Diese Wissenslücke an sich sorgt schon für Spannung, viel raffinierter und eindrucksvoller jedoch ist das Vorgehen Lucys bei dem man sich letztlich nur noch fragt, wie weit sie bereit ist tatsächlich zu gehen. Und dann geht sie noch einen Schritt weiter.

Tanger war einer der Sehnsuchtsorte von Amerikanern und Europäern gleichermaßen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, doch die Flucht nach Afrika hat nicht alle Probleme beseitigt, die es zuvor gab und so stellt Youssef fest:

„Ein Dummkopf (…) bleibt ein Dummkopf, ob zu Hause oder hier. Gerät man zu Hause in Schwierigkeiten, sollte man sich nicht wundern, wenn man auch hier in Schwierigkeiten gerät. Man bleibt ja überall derselbe Mensch. Tanger mag zwar etwas Magisches an sich haben, aber Zauberkräfte besitzt diese Stadt auch nicht.“

Es ist etwas Magisches, das bei der Beschreibung der Kasbah durchscheint, aber auch dies kann nicht überdecken, was die Figuren mit sich bringen und wovor sie versuchen zu fliehen. Auch wenn Tanger im Roman für fast alle zum Alptraum wird, selten konnte ein Handlungsort einen solchen Reiz verströmen wie bei Christine Mangan. Ganz sicher neben der Figurenzeichnung und dem Handlungsaufbau die größte Stärke der Autorin.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal und die Verlagsgruppe RandomHouse für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Ariel Kaplan – We Regret to Inform You

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Ariel Kaplan – We Regret to Inform You

Mischa Abramavicious is the perfect student: she has all the grades it needs to get into the best colleges, her list of extracurricular activities is impressive and her single-parent mom will be proud of her. But on Admission Day, she only gets rejections. None of the schools has admitted her, not even the local safety college. But how come? Mischa doesn’t dare to tell her mother but starts investigating instead. Together of the Ophelia Club, a bunch of tech-wise girls of her school, and her friend Nate, they discover that marks and letter of recommendation have been changed – but why, and especially: be whom?

“We Regret to Inform You” is a well-written novel about today’s teenagers and the pressure they are under. Only when the whole world falls apart for Mischa does she realize that she actually has no hobbies, not even an interest but that she has spent the last for years only working for her résumé and to fulfil her mother’s expectations. The later, too, also put much in her daughter’s future, invested money she didn’t have to get her into an expensive private school which promised the best starting point for an Ivy League University.

I really liked Ariel Kaplan’s style of writing. Even though a major catastrophe is happening to the protagonist, the novel is not really depressing but quite entertaining since there are many comic situations and ironic dialogues. The novel concentrates on the positive side which I liked a lot, Mischa doesn’t give up, but her focus shifts and she finally gets to understand herself better. She makes the best of it and fights for her rights – but not at the expense of everything else. So, it still is a young adult novel even though there are some underlying very serious issues.

R.O. Kwon – The Incendiaries

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R.O. Kwon – The Incendiaries

When Will comes to Edwards University at Noxhurst, he has a lot of things to hide from his fellow student: he does not come from a prestigious background, quite the opposite with his mother an addict and his father bullying the family, he is ashamed of his constant lack of money and the fact that he left a Christian college since he lost his faith is also something he’d rather keep for himself. When he meets Phoebe, he immediately falls for the girl of Korean descent. Soon they cannot live one without the other, but they both keep some things for themselves. Phoebe, too, has things to hide but the feeling of having to share them is growing inside her. It is John Leal and his group where she feels confident enough to talk about her past. But the enigmatic leader is not just after the well-being of his disciples and it does not take too long until he comes between Will and Phoebe.

R.O. Kwon’s debut is a rather short read which nevertheless tackles quite a number of very relevant topics: love and loss, faith and cult, abuse and how to deal with it and last but not least abortion. A lot of issues for such a novel and thus, for my liking, some were treated a bit too superficially and I would have preferred less.

In the centre of the novel, we have the two protagonists Phoebe and Will who, at the first glance, couldn’t hardly be more different than they are. But when looking closer at them, it is obvious what brings them together: as children and teenagers, they had a kind of constant in their lives which gave them orientation and lead them. For Phoebe, it was music, for Will, his Christian believe. When they grew older and more independent, they lost that fixed point and now as students they are somehow orbiting around campus searching for their identity and guidance.

Opposing them is the charismatic leader of the Jejah group. The way he precedes is quite easy to see through from the outside, but it also clearly illustrates why he can be that successful nonetheless. He offers to Phoebe exactly what she needs at that moment and thus it is not too complicated to put a spell on her. John always remains a bit mysterious, but there is no need to reveal all about him, that’s just a part of being a strong leader of a cult, keeping some mystery and fog around you.

“The Incendiaries” is one of the most anticipated novels of 2018 and I was also immediately intrigued by the description. I definitely liked Kwon’s style of writing a lot, it is lively and eloquent. Also the development of the plot and her characters are quite convincing. However, I think she could have gone into more depth, especially towards to end.

Sarah Henstra – The Red Word

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Sarah Henstra – The Red Word

For a conference, Karen returns to the town she attended college many years before. It is not a pleasant return since the place is connected to sad memories. Going back there brings it all again to her mind. Her roommates, nice girls at first, whose plan got completely wrong. Her then boy-friend and his fraternity GBC who always treated her nicely but also had another, darker side. The teacher they all admired in their gender studies classes. And the scandal that shock the whole town.

Sarah Henstra’s novel tells different tales with only one story. First of all, we have the strong protagonist Karen who as a Canadian always stands a bit outside her fellow students’ circles. She doesn’t have the same background; neither does she have the rich parents who provide her with all she needs not does she come with the intellectual package that most of the others seem to possess. The need to earn money to support herself keeps her from leading the same life as they do. This also brings her into the special situation between the groups who soon find themselves at war.

The central topic, however, is how college students deal with sex. On the one hand, we have the partying during which much alcohol and all kinds of drugs are consumed which makes the young people reckless and careless. On the other hand, we have the planned drugging of young women with Rohypnol to abused them. There is a third perspective, represented by the academic intelligentsia: the classic image of the woman as victim, portrayed in history and literature throughout the centuries and which did not change in more than two thousand years.

“The Red Word” could hardly be more relevant and up-to-date in the discussions we have seen all over the word about male dominance and indiscriminate abuse of their stronger position. Sarah Henstra does not just foreshadow what happens at the student houses, she openly talks about the rape that happens there. And she does provide a credible picture of what happens afterwards, of how women are accused of having contributed or even asked for it, of lame excuses for the male behaviour and of the psychological effect these experiences have on the students – both, male and female. It is not just black and white, there are many shadows and motives behind their actions, Henstra integrates them convincingly.

A felicitous novel with a very important story to tell.

Jean Hanff Korelitz – The Devil and Webster

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Jean Hanff Korelitz – The Devil and Webster

She has never strived for this job, but Naomi Roth has become the first female president of Webster College almost 20 years ago. With her daughter Hannah she has moved to the small place and turned the school into a competitor of the Ivy League Colleges. Admittedly, she was proud when also her daughter decided not to choose one of the big names but her college for her studies. When the popular lecturer Nicholas Gall is denied tenure track, students organize protest against the college’s administration. What Naomi welcomes first as a sign of caring and standing up for your believes gradually transforms into the worst crisis the college has ever seen.  The leader of the student group is a young Palestinian student, Omar Khayal, who not only is charismatic and can thus easily gather people behind him but also has a history which is embraced by the media to cover the story: he fled the Israeli bombings which killed his family and made his way to one of the top schools, and now they want to expel him because he is fighting for his teacher – who is of African-American descent. A scandal is quickly produced and Naomi not only has to sail against the wind of the board but also of her own daughter who positions herself on the opposite side.

Jean Hanff Korelitz’s novel starts slowly, we get a thorough picture of Naomi and Hannah’s life and relationship and also an idea of how Naomi’s situation at Webster was before the crisis. She appears to be strong and clever and cannot easily be shaken. Yet, this situation brings her to the brink of professional destruction and personal despair. The way the relationships become increasingly complicated is narrated in a convincing way. It is not only between mother and daughter, but also between Naomi and long-time friends that things get ever more difficult until all the years of their friendship are questioned. I really liked the protagonist because she is depicted as a complex character who is not without flaws but has clear convictions and a strong sense of justice and objectivity. On the other hand, she is also doubting and asking herself if she really can live up to her ideas and actually treats the students in a fair way.

Apart from his interesting study in the characters, the most striking aspect of the novel is how the truth can be bent according to one’s necessities. It is clear from the beginning that Nicholas Gall not only is culpable of plagiarism but also lacks all academic standards, neither did he publish something nor does he show adequate behaviour. Yet, Naomi’s morals hinder her from revealing anything of the secret tenure track process and she does not want to publish the lecturer’s misconduct. Without this knowledge, things seem to be quite different for the students and the media.  However, the witch-hunt really starts with the story of the poor, heart-breaking Palestinian who had to go through so much in life and deserves to be supported not to be thrown out – but again, the public is not aware of Omar’s poor academic results and like in any other case, the college has to take action. Who can you defend your decisions if your strongest arguments cannot be said out aloud?

It wouldn’t a novel by Jean Hanff Korelitz if there wasn’t a lot more to be revealed. Towards the end, the author has some nasty surprises for the reader which again offer another perspective on how things really are. I really appreciate her skill of playing tricks on the reader since it is great entertainment to uncover the different layers of the story.