Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen

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Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen

4. Januar 2013. Ein neues Jahr, erster Termin bei seinem Psychotherapeuten Yves Niederegger. Die unvermeidliche Frage danach, welche Pläne er für das neue Jahr habe, mündet für Frank Stremmer in einer Wette: wenn es ihm gelingt, in jedem Monat des neuen Jahres eine Frau zu „verbrauchen“ ohne dafür Geld auszugeben, darf er sich am Ende des Jahres umbringen. Ein durchaus ambitionierter Plan, aber er wird in Angriff genommen, so hat Frank wenigstens etwas zu tun, denn sein Job in der Kommunikationsabteilung von GEF in Genf ist wenig spannend und sicher nicht arbeitszeitfüllend. Im Projekt „Valparaiso“ arbeitet er an der fiktiven Biographie von Raphael Gonzales-Blanco, dem Executive Chairman (EC) der Firma mit politischen Ambitionen. Dies ist nicht nur eine sehr kreative Arbeit, da die Faktenlage eher dünn ist und so vieles aus dem Leben des EC aus der Feder von Frank und seinen Kollegen stammt, sondern auch noch mit regelmäßigen Reisen verbunden, was wenigstens die Chance auf Frauenkontakte erhöht.

Der Grundansatz des Buches birgt zweifellos die Gefahr des Abdriftens in sehr flache Gefilde bei der Suche nach Frauen, um die Wette mit dem Therapeuten zu gewinnen. Christoph Höhtker gelingt es jedoch problemlos diese Gefahr zu umschiffen und völlig zurecht wurde er dafür auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 nominiert.

Wer sind sie nun, die Bekanntschaften, die Frank durch das Jahr 2013 begleiten? Die schwedische Künstlerin Malin Nordström; die Brasilianerin Adela, die in Europa ein besseres Leben sucht; eine Flughafenbekanntschaft; eine Bedienung einer mallorkinischen Bar; eine Internetbekanntschaft – der Autor lässt sich einiges einfallen für seinen Protagonisten, wobei keine der Begegnungen unmotiviert und nicht nachvollziehbar wäre und Frank Stremmer ebenfalls nicht plötzlich zum begehrten Frauenhelden mutiert. Die Partnerinnen für das jeweils recht kurze Intermezzo ergeben sich ihm nicht einfach, bisweilen muss er sogar sehr kämpfen, um seinen Plan zu realisieren und sie behalten nicht selten auch die Oberhand in ihrer Zweisamkeit.

Auch wenn die titelgebenden Frauen sicher das Leitmotiv des Romans sind, der wie das Jahr in zwölf Kapitel untergliedert ist, so bleibt doch noch genug Raum für das zwei Thema: Franks Arbeitsplatz. Mit viel Ironie, die bisweilen in Sarkasmus driftet, wird das äußert wichtige Dasein in einer Genfer Agentur geschildert. Eigentlich scheint niemand so genau zu wissen, was sie eigentlich tun, wenn sie nichts tun, hat dies auch keine weiteren Folgen. Zwischen Kaffeetrinken und Schwätzchen auf dem Flur gibt es nur kurze Momente der Tätigkeit, die sich in Frank Stremmers Fall auf das Erfinden der Biographie des Firmenchefs beschränkt. Allein dieser Umstand ist schon grotesk genug und wird hier und da detailreich völlig ad absurdum geführt – beispielsweise in Form das erfundenen BBC Interviews oder den globalen Wohltaten des Herren.

Zwischen der Suche nach Frauen und dem kreativen Schaffen liegen immer wieder Besuche beim Psychologen, der an seinem Patienten bisweilen zu verzweifeln droht, wobei die Besuche oftmals weniger dem therapeutischen Bedürfnis geschuldet zu sein schein als der Tatsache, dass einen Therapeuten zu haben zum Lebensstil der Genfer Expat-Community gehört.

Der Roman lebt jedoch nicht nur von seinen zwei bizarren Leitgedanken, sondern vor allem von der Sprachgewandtheit Christoph Höhtkers. Er schont seinen Protagonisten nicht und findet einen Erzählton, der Absurditäten in der Agentur und die Unzulänglichkeiten Stremmers noch unterstreicht. Lebendige Dialoge wechseln sich mit herrlichen Kurzbiographien der Nebenfiguren ab, so dass das Lesen ein herrlicher Spaß ist, der in ein unerwartetes, aber vollends passendes Finale mündet.

Im Vergleich zu anderen Nominierten des Deutschen Buchpreises ein Buch, das heiter und beschwingt daherkommt ohne die darunterliegenden ernsten Aspekte zu verleugnen. Dadurch wirklich eine rundum überzeugende Lektüre.