Schweizer Buchpreis 2019

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Nachdem die deutsche Longlist und inzwischen auch Shortlist veröffentlicht sind und auch die Österreicher ihre diesjährigen Kandidaten nominiert haben, haben jetzt auch die Schweizer nachgelegt. Eine tolle Auswahl wie ich finde.

Die Preisverleihung findet am 10. November 2019 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Gerhard Roth – Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier

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Gerhard Roth – Die Hölle ist leer – die Teufel sind alle hier

Emil Lanz arbeitet als literarischer Übersetzer. In seinem Leben sieht er aber schon lange keinen Sinn mehr und so beschließt er, diesem ein Ende zu setzen. Lange macht er sich Gedanken, wo und wie er dies am besten bewerkstelligen kann, ohne zu unangenehm für seine Umwelt und ihn selbst zu werden. Mit einer Waffe gewappnet, betrinkt er sich zunächst und schläft dann unerwartet ein. Geweckt von lauten Geräuschen beobachtet er einen Mord und ist sich nicht sicher, ob er tatsächlich noch am Leben ist und das, was er meint zu sehen, wirklich geschieht, oder ob sein Plan doch erfolgreich war und er sich irgendwo in einer Paralleldimension aufhält. Schnell merkt er jedoch, dass er sich in größter Gefahr befindet und mit ihm die rätselhafte Julia Ellis, die offenkundig in die mafiösen Strukturen verwickelt zu sein scheint, deren Weg er unfreiwillig gekreuzt hat.

„Noch am Vortag hatte er Selbstmord begehen wollen, und jetzt war er sogar bereit, um sein Leben zu laufen.“

Venedig – schon immer Sehnsuchtsort der literarisch und kulturell Bewanderten und Interessierten. Völlig überladen nicht nur die Erwartungen, sondern auch real die engen Gassen der Lagunenstadt. Mit den unzähligen Kanälen und Inseln natürlich ein hervorragender Schauplatz für allerlei Geschichten. Diese monumentale Umgebung kann schon einmal verführen der Phantasie freien Lauf zu lassen. Dies tut Gerhard Roth in seinem Roman und schickt seinen Protagonisten auf eine abenteuerliche Gaunergeschichte, bei der man bald als Leser auch nicht mehr weiß, was man welcher Dimension zurechnen soll.

„Er begriff jetzt auch das, was ihm widerfahren war, als Rätsel, und sogar im Augenblick, als er das dachte, befand er sich, der selbst ein Rätsel war, in einem geradezu unendlichen Rätsel. Er war in einen Irrgarten hineingeboren worden, dachte er, aus dem er sein gesamtes Leben vergeblich einen Ausgang suchte.“

Man kann einen Heidenspaß mit dem Buch haben – die Beschreibung Venedigs, die Anspielungen, Literatur und Kultur überall, Palazzi hier, vieldeutige Symbole da – und dann kommen Flüchtlinge, die Mafia, Morde und ein humorloser Commissario als brutaler Gegenwartskontrast. In welcher Welt die Handlung sich befindet ist selten so wirklich klar und die aberwitzigen Verfolgungen und Begegnungen sollte man nicht zu stark an der Realität messen, wenn man seine Freude an der Lektüre haben möchte. Auch der Übersetzer hadert ein wenig mit den Welten und Roths Spiel mit den Dimensionen reizt selbiges schon ziemlich aus.

„Der zeitliche Ablauf seines Sterbens war nicht chronologisch vor sich gegangen.“

Sprachlich ist der Roman kaum zu übertreffen, man kann ihn kaum ohne gezückten Bleistift zum Markieren der bemerkenswerten Stellen lesen. Vor allem auch ist es eine Hommage an Shakespeares „The Tempest“ (immer noch und immer wieder mein persönlicher Favorit), der allgegenwärtig ist und dem Roman auch zu seinem Titel verhalf. Die Magie, die in Shakespeares Stück eine wesentliche Rolle zukommt, ist zwar bei Roth nicht ganz so präsent, aber dass es eine unsichtbare lenkende Hand gibt, die die Figuren hin und her schiebt, ist offenkundig. Ohne Frage hat sich der Roman seine Nominierung auf der Longlist für den Österreichischen Buchpreis mehr als verdient.

Tanja Raich – Jesolo

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Tanja Raich – Jesolo

Andrea und Georg, beide Mitte 30 und mit beiden Beinen im Leben stehend. Sie machen Urlaub in Jesolo, weil sie immer Urlaub in Jesolo machen. Sie kennen das Hotel, den Stand mit den immer gleichen Liegen, die Umgebung und wissen, worauf sie sich einlassen. Doch statt entspannter Tage verbringen sie die schönste Zeit des Jahres mit Streitigkeiten. Ein wiederkehrendes Thema ist Andreas Weigerung, mit Georg zusammenzuziehen. Sie will ihre Freiheit nicht aufgeben, er will und kann sie nicht verstehen. Im Haus seiner Eltern ist genügend Platz, sie können die Miete sparen, haben Unterstützung. Für Andrea die Vorhölle. Doch dann teilt ihr Arzt ihr mit, dass sie schwanger ist. Sie denkt über Abtreibung nach, sagt Georg nicht Bescheid, bis sie die vermeintlich freudige Nachricht doch teilt und sich für das gemeinsame Leben entscheidet. Ein Leben, das nicht ihres ist, das sie nie wollte und das sie schon hasst, bevor es beginnt.

Tanja Raich bringt in ihrem Roman das Dilemma der heutigen Frau auf den Punkt. Jahrelang schildert man ihr die Illusion der beruflichen Selbstverwirklichung, lässt sie zur Karriere ansetzen und suggeriert ihr, dass sie die ganze Welt haben kann. Doch dann wird sie 30 und aus der ganzen Welt wird plötzlich Kinder, Küche, Kirche. Wer sich sträubt, muss den Gegenwind aushalten, Alternativen zum tradierten Rollenverständnis gibt es nicht. Ihr Erstlingswerk hat ihr die Nominierung auf der Shortlist Debüt 2019 des Österreichischen Buchpreises beschert, einer Auszeichnung, der man aufgrund ihrer Sprachversiertheit nur uneingeschränkt zustimmen kann.

Vom Ende her betrachtet, beginnt der Roman interessanterweise geradezu mit dem Auflösen der Beziehung der beiden Protagonisten. Man wundert sich, dass sie den finalen Schritt nicht endlich tun, so quälend sind ihre Auseinandersetzungen. Sie verletzten sich gegenseitig absichtlich, nichts scheint sie mehr zu verbinden. Nur nach außen erhalten sie noch den Schein. Die Zäsur kommt durch die Schwangerschaft. Lange war ich überzeugt, dass Andrea sich gegen das Kind, gegen Georg und gegen das gemeinsame Leben entscheidet. Doch dann kommt es anders und genau das, wovor sie immer Angst hatte, tritt ein. Noch stellt sie Bedingungen an das gemeinsame Leben, doch mit dem Heranwachsen des Kindes schwindet ihr Widerstand und mit ihm verschwindet Andrea:

„Das ist nur der Anfang. Dieser Strudel wird uns immer weiter nach unten ziehen. Aber vielleicht zieht dieser Strudel nur mich nach unten, während du sorglos an der Oberfläche weiterschwimmst.“

Georg realisiert seinen Traum vom Haus, von der Familie, von der Idylle auf dem Land. Immer beratend an seiner Seite: seine Eltern. Andrea ist nur ein Möbelstück, ein Accessoire, das aber bitte nicht reinreden soll:

„Was weiß ich schon von diesem neuen Leben. Darüber weißt du besser Bescheid.“

Und bald schon erkennt sie in sich die Kopie ihrer Schwiegermutter, die wartet, dass der Gatte nach Hause kommt, um ihm dann das heiße Essen zu servieren.

Wenig deutet zu Beginn des Buchs auf das hin, was Andrea widerfährt. Aber so ist nun mal das Leben und Tanja Raich schildert authentisch, wie Frauen in diese Rolle hineingedrängt werden, zunächst ganz sachte, sich irgendwann ergeben und einfach machen, was man von ihnen erwartet. Widerstand ist zwecklos bzw. der Zeitpunkt, um einen anderen Weg einzuschlagen, wurde einfach verpasst. Sie können daran verzweifeln oder sich einreden, dass das auch ihr Traum ist. Ist ja auch alles ganz toll. Nur halt nicht das, was sie vom Leben erwarteten, wovon sie träumten, was aus ihnen hätte werden können.

Dramaturgisch überzeugend, sprachlich stark – ein Debut, das mich schnell überzeugen konnte und das in seiner Aktualität nicht unterschätzt werden sollte, denn diese Generation wir irgendwann ausbrechen wollen und sich das zu holen, was man ihr versprochen hatte.

Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

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Matthias Senkel – Dunkle Zahlen

Es gibt Bücher, die einem von der ersten Seite an faszinieren und in den Bann ziehen. In einem Rutsch liest man sie durch und ist dann traurig, wenn sie zu Ende sind. Dann gibt es welche, bei denen man nach wenigen Seiten schon weiß, dass man sie entweder nie beenden wird oder man sie nur pflichtbewusst halbherzig durchliest und schon drei Seiten weiter vergessen hat, was eigentlich drinne stand. Ach ja, dann sind da noch die irgendwie okayen Bücher, die weder besonders beeindrucken noch unsäglich banal sind, aber sicher keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und dann ist da Matthias Senkel Roman „Dunkle Zahlen“, bei dem ich mich schon während des Lesens fragte, ob das ein schlechter Witz ist, irgendwie völlig innovativ oder schlichtweg zu hoch für mich.

Worum geht es? Ja, schon allein diese Frage zu beantworten ist nicht ganz einfach. Zum einen erleben wir die Kubanerin Mireya, die 1985 zur Programmierer-Spartakiade kommt. Leider ist der Rest ihrer Nationalmannschaft verschwunden und sie weiß nicht so recht, was sie jetzt tun soll. Dass sie sich allein auf die Suche in Moskau begibt, war so nicht vorgesehen, aber wo eine Gelegenheit da auch eine beherzte junge Frau. Parallel dazu verläuft die Entwicklung der sowjetischen Computertechnik seit den 1950er Jahren. Nicht dass beides stringent chronologisch oder überhaupt logisch erzählt würde, immer wieder überlagern sich die Geschichten, werden unterbrochen, springen hin und her.

Hat man endlich aufgegeben, eine nachvollziehbare Struktur zu suchen, liefert der Autor plötzlich Definitionen über Definitionen für seinen Titel, unter anderem aus der Numerologie, wo die dunklen Zahlen für die finsteren Mächte stehen und mit dem Tod assoziiert werden oder der Computertechnik, wo hinter einer vorgeblichen (abgerundeten) Null doch noch Werte versteckt sind. Ahhhh, sollte sich hinter dem Buch etwa doch ein noch verborgener Sinn verstecken?

Als sei das nicht genug, folgt irgendwann ein Glossar – Mitten im Buch:

KB – Konstruktionsbüro (Kонструкторское бюро)

KGB – Komitee für Staatssicherheit (Комитет государственной безопасности)

KJuR – siehe: SKJuRPro

KLM – Krutow, Larionow, Makarow (Крутов, Ларионов, Макаров)

KMP – Club junger Programmierer (Клуб молодых программистов)

Aber nicht nur dies, auch Folgendes findet sich:

Wiederkehrende Figuren

Adynatajew, Anton Antonowitsch – Parteisekretär in Wosduchogorsk

Afonja – Barbiergeselle im Hotel Rossija und modebewusster KGB-Mitarbeiter

Akselrod, Maxim Wilenowitsch – Informatiktalent, Reservekader der SBOMOPS

BBajun – mächtiger schwarzer Kater

Letztlich entsteht tatsächlich doch noch so etwas wie ein Gesamtbild: der russische Fortschrittsdrang, die Konkurrenz mit den Amerikanern um die Künstliche Intelligenz. Dass die Spartakiade, die anfangs im Zentrum stand, nur ein Mittel zum Zweck war, verwundert da auch nicht mehr weiter, ebenso wenig die Tatsache, dass beinahe der dritte Weltkrieg ausgelöst worden wäre. Auch die Frage, ob eine Fliege eine Fliege ist oder nicht, wird nebenbei pragmatisch gelöst. Aber ob das alles wahr ist, bleibt letztlich Spekulation, denn die ganze Geschichte ist ja nur eine Rekonstruktion der Literaturmaschine GLM-3.

In russischer Tradition mit großem Repertoire an Figuren, dazu Spionage- und Agententhriller mit Schmuggelei und verschwundenen Personen und Geheimdiensten, einem ganz großen Durchbruch in Richtung Weltherrschaft – es gibt nicht viel, was Matthias Senkel auslässt. Dafür wurde er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, die Begründung der Jury lautet: „Anarchisch, ironisch, eine sprachlich schillernde Hommage an den Unernst.“. Das fasst es ziemlich gut zusammen, alternativ würde ich es als Vertreter eines post-sowjetischen Dadaismus bezeichnen.