Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

stewart-onan-stadt-der-geheimnisse
Stewart O’Nan – Stadt der Geheimnisse

Nachdem er das Lager überlebt hat und seine ganze Familie ausgelöscht wurde, macht der jüdische Lette Jossi Brand sich auf nach Jerusalem, um den alten Traum seiner Eltern zu realisieren. Die Situation im noch gegründeten Israel ist fragil, schnell schließt sich Brand der Untergrundorganisation Hagana an, um für ein freies Land zu kämpfen. Die Kontaktperson seiner Zelle ist Eva, die nebenbei als Edelprostituierte arbeitet und in den besten Hotels der Stadt verkehrt. Brand verdient sich seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer, meist für ausländische Touristen, gelegentlich um die Anschläge seiner Zelle mit Transportdiensten aller Art zu unterstützen. Er kam mit Wunsch, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, doch immer wieder holt sie ihn ein und was als Aufbruch in eine neue Zukunft gedacht war, wird immer mehr zur Sackgasse aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt.

Stewart O’Nan ist seit Mitte der 90er Jahre eine feste Größe in der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Meist schreibt er über die Schattenseiten des American Dream, über die Verlierer und von Schicksalsschlägen Gebeutelten. Auch die Figuren in der „Stadt der Geheimnisse“ haben Erwartungen und Träume, die jedoch in Heiligen Land ebenfalls nicht erfüllt werden.

„Er war nicht so schwach, um sich umzubringen, aber auch nicht so stark, dass er es nicht wollte. Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit.”

Obwohl es auf der Handlungsebene meist um die Vorbereitung und Durchführung von Anschlägen geht, dreht sich eigentlich doch alles um Brand. Immer wieder holen die Erinnerungen ihn ein und lassen ihn nicht los. In Eva sieht er seine ermordete Frau Katja, obwohl beide offenbar kaum etwas gemeinsam haben. Vor allem aber das Wissen um das, was er in Gefangenschaft getan hat, um zu überleben, ist es, das ihn quält:

„Die Lager hatten einen egoistischen, argwöhnischen Menschen aus ihm gemacht. Dass jetzt jemand Gutes über ihn dachte, war ihm unangenehm, weil er die Wahrheit kannte. Er war nach Jerusalem gekommen, um sich zu ändern, sich zu bessern. (…) Nachdem er so lange ein Tier gewesen war, glaubte er nicht, je wieder ein Mensch sein zu können, doch wenn sie an ihn glaubten, war es vielleicht möglich.”

 

Die schwache Hoffnung auf einen Neubeginn mit der kühlen und trotz der gemeinsam verbrachten Nächte unnahbaren Eva hält ihn am Leben, auch wenn das Gewesene nicht abstreifen kann.

Ein dichtes Buch, das sowohl die angespannte Stimmung im Jerusalem des Jahres 1947 überzeugend darstellt wie auch die Zerrissenheit zwischen gestern und morgen, in der sich der Protagonist befindet. Der Krieg ist zu Ende, aber in den Menschen tobt er weiter.

Assaf Gavron – Achtzehn Hiebe

Achtzehn Hiebe von Assaf Gavron
Assaf Gavron – Achtzehn Hiebe

Eitan Einoch verdient seinen Unterhalt als Taxifahrer in Tel Aviv. So hat er noch genügend Zeit für seine Tochter Noga, die zwischen ihm und seiner Exfrau pendelt. Eine charmante ältere Dame, die er zu einer Beerdigung fährt, ist von seinem Fahrstil und der netten Unterhaltung im Auto so angetan, dass sie ihn als regelmäßigen Fahrer engagiert, denn täglich macht sie sich auf zum Grab des jüngst Verstorbenen. Eitan ist neugierig, was es mit Lotta Perl und dem Briten, der gerade erst nach Israel kam und dennoch dort beerdigt werden wollte, auf sich hat. Lotta erzählt ihre Lebensgeschichte, die Liebe zwischen ihr und dem Soldaten zu Zeiten des britischen Mandats und wie diese unheilvoll auseinanderbrach. Aber Lotta erzählt nur einen Teil der Geschichte, den Rest müssen Eitan und sein Freund ermitteln, schnell zeigt sich nämlich, dass der betagte Ex-Soldat keines natürlichen Todes gestorben ist und dass es bald noch weitere Leichen geben wird.

Assaf Gavron vermischt in seinem aktuellen Roman eine spannende Kriminalgeschichte mit der Geschichte der Gründungszeit Israels. Er wechselt durch die Erzählungen der Figuren zwischen der Gegenwart und den Ereignissen mehr als sechs Dekaden zuvor. So entsteht eine lebendige Erzählung, die jedoch hauptsächlich von ihren Figuren lebt. Der Protagonist Eitan liebt das Leben und weiß es sich gutgehen zu lassen. Sein Privatleben leidet jedoch unter der Trennung und eine neue Partnerin zu finden ist gar nicht so einfach, obwohl die Frauen ihm sehr deutliche Avancen machen. Interessanter ist jedoch Lotta Perl, eine Frau mit Geschichte, die clever die Geschehnisse lenkt und nur preisgibt, was ihr sinnvoll und nützlich scheint. Einerseits sympathisch, ist sie doch auch gerissen und so schwankt man als Leser, ob man sie mögen soll und Verständnis für ihr Handeln hat oder sie wegen ihres Egoismus doch eher verachtet. Ihr Gegenspieler aus alten Zeiten steht ihr dabei in nichts nach.

„Achtzehn Hiebe“ greift nicht nur eine schwierige Episode in der israelischen Geschichte auf, es ist auch eine Hommage an Gavrons Heimat. Sein Protagonist kurvt durch sein geliebtes Tel Aviv und lässt den Leser an der Geschichte und der Schönheit der Stadt teilhaben. Der unverwechselbare jüdische Humor, auch die Fähigkeit über sich selbst zu Schmunzeln, darf natürlich nicht fehlen und verleiht dem Roman eine eigene Note. So erscheint der Roman trotz der ernsthaften Thematik leichtfüßig und unterhaltsam. Assaf Gavron konnte mich leicht als Leserin gewinnen und neugierig auf seine weiteren Bücher machen.

Ein Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen Titel und Autor finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.