David Foenkinos – Lennon

Lennon von David Foenkinos
David Foenkinos – Lennon

John Lennon, ein Mann zwischen Genie und Wahnsinn. Als Kopf einer der erfolgreichsten Bands aller Zeiten wurde er weltberühmt, seine Musik hat Millionen von Menschen begeistert und ist heute noch genauso populär wie in den 1960ern. Aber nicht nur sein musikalisches Schaffen, sondern auch sein Privatleben fasziniert. Wer war die Frau an seiner Seite, die – so die globale Meinung – für das Ende der Beatles verantwortlich war? David Foenkinos lässt John Lennon selbst erzählen. In mehreren fiktiven Sitzungen bei einem Psychoanalytiker berichtet er von seiner Kindheit, den Anfängen der Beatles und der Faszination von Yoko Ono.

„Wir waren auch einsam. Einsam unter Millionen von Menschen. Wir lebten wie in einer Blase.“

David Foenkinos hat eine eher untypische Biographie geschrieben. Die Fakten sind recherchiert und belegt, aber die Ausgestaltung ist der Versuch sich dem Innenleben Lennons zu nähern, seine Psyche zu ergründen und vor allem die andere Seite des Stars darzustellen. Wer war der Mann, der mit „Imagine“ oder „Give Peace a Chance“ Hymnen für die Ewigkeit geschrieben hat?

Die ersten Sitzungen sind geprägt von Johns Kindheit in Liverpool. Die Mutter zu jung, der Vater auf See und damit mehr abwesend als präsent, wird er viel alleingelassen und zwischen den Erwachsenen hin und her geschoben. Erst als seine Tante Mimi dem Treiben ein Ende setzt und ihn endgültig bei sich aufnimmt, verläuft sein Leben in geregelten Bahnen. In den ersten Jahren mit der Band glaubt keiner an den großen Durchbruch, die kleinen Erfolge werden ausschweifend gefeiert und mit allerlei Drogen entfliehen sie der Realität. Dass sie plötzlich zum globalen Phänomen werden und überall hysterisch kreischende Mädchen auf sie warten, überfordert die vier Jungs vollends.  Doch so schnell wie ihr Aufstieg war, so schnell knirscht es auch zwischen ihnen und die Risse können immer weniger gekittet werden. Zunehmend entfernen sie sich voneinander und so kommt es zwangsläufig zur Auflösung.

„The guitar’s all right, John, but you’ll never make a living out of it.“

Diesen Satz hört John Lennon schon früh. Eine Karriere wie die seine ist eine Ausnahme und weder planbar noch absehbar. Foenkinos gelingt es den Menschen hinter dem Star hervorzubringen und ich fand vor allem den Fokus auf seine Herkunft und die unsäglichen Familienverhältnisse ungemein interessant. Hätte er diese Feinfühligkeit und Sensibilität entwickeln können, wenn er nicht unter diesen Umständen aufgewachsen wäre? Auch seine Faszination von Yoko Ono erklärt sich erst durch die Abwesenheit von Liebe und Verlässlichkeit in jungen Jahren. Dass Gefühl endlich nicht mehr allein zu sein auf der Welt, muss für ihn überwältigend gewesen sein.

David Foenkinos verleiht ihm einen leicht zynischen Ton, der für den erwachsenen Lennon sehr gut passt. Mit einer gewissen Bitterkeit, aus der auch viel Bedauern spricht, blickt er auf die Zeit der Beatles und das verdrießliche Ende, das die Band genommen hat. Gleichzeitig lässt er ihn aber auch reflektiert erscheinen, vor allem in Bezug auf sein Verhalten zu seinem ersten Sohn Julian und dessen Mutter Cynthia. Ob Lennon dies wirklich war, wird wohl nicht mehr geklärt werden können, aber Foenkinos Interpretation seines Charakters lässt dies durchaus möglich erscheinen.

Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

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Ijoma Mangold – Das deutsche Krokodil

Ijoma Alexander Mangold – deutscher Literaturkritiker, bekannt durch seine Rezensionen in der Süddeutschen und der Zeit sowie durch Literatursendungen im ZDF und SWR. „Das deutsche Krokodil“ ist eine Art Autobiographie, die jedoch den Fokus sehr stark auf die Frage, was eigentlich deutsch ist, was fremd ist und wo er seinen Platz dazwischen findet, legt. Aufgewachsen in Heidelberg als Sohn einer alleinerziehenden Psychotherapeutin, die ursprünglich aus Schlesien stammt, und eines nigerianischen Vaters, den er jedoch erst als Erwachsener kennenlernen sollte, nimmt er als Kind und Jugendlicher seine augenscheinliche Andersartigkeit gar nicht wahr. Die Diskriminierung von Schwarzen in den USA beispielsweise, über die er in der Schule lernt, bezieht er nicht auf sich, auch nahm er sich nie als Ausländer wahr – warum auch, war er doch genau wie die anderen im gutbürgerlichen Milieu der Universitätsstadt aufgewachsen. Erst als er beginnt die Welt zu entdecken, die USA, später auch das Heimatland seines Vaters, wird ihm bewusst, dass er unbewusst Verhaltensweisen verinnerlicht hat, die ihn vor dem Stigma des Ausländers schützen sollen und dass Familienkonzepte auch ganz anders sein können als in Deutschland.

Sicherlich ist wie bei allen Menschen Mangolds Familiengeschichte singulär und kaum übertragbar, dennoch macht er Erfahrungen, die viele andere auch kennen. Die Schlüsse, die die Menschen aus seinem Äußeren ziehen, die eigene Selbstwahrnehmung, die sich nicht immer mit jener anderer deckt und auch die unterschiedlichen Erwartungen, die von der Familie aufgrund der kulturellen Prägung an die Nachkommen gerichtet werden und die bisweilen schlichtweg unvereinbar sind, beschäftigen ihn und lassen ihn sich selbst betrachten.

Ich habe Ijoma Mangold mehrfach live als Literaturkritiker erlebt und verfolge auch seine Besprechungen im Feuilleton, weshalb ich wusste, dass er pointiert und unterhaltsam formulieren kann, was sich auch in seiner Autobiographie zeigt. Was ihm besonders gut gelingt, ist die einzelnen Phasen seines Lebens nachzuzeichnen und seine Selbstwahrnehmung dabei einzufangen. Auch das innige Verhältnis zu seiner Mutter, entstanden aus dem Umstand als Einzelkind und ohne Vater aufzuwachsen, wird immer wieder deutlich. Seine Mutter hatte eine eigene Erzählweise ihres Lebens, die nicht ganz zu den Fakten passt, die Mangold später zusammenträgt, aber er kann ihr ihre Geschichte lassen, akzeptieren, dass sie eine andere Version der Wahrheit gewählt hat, für die sie ihre Gründe hatte. Er rechnet nicht ab mit seinen Eltern, obwohl das genauso nachvollziehbar wäre, er ergründet viel mehr ihr Handeln und ihre Haltungen und trifft seine eigenen Entscheidungen im Leben, die auch mal eine Erwartung nicht erfüllen.

Nicht die ganz typische Autobiographie, allerdings dafür umso interessanter und kurzweilig zu lesen.

Anaïs Barbeau-Lavalette – Suzanne

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Anaïs Barbeau-Lavalette – Suzanne

Anaïs sieht ihre Großmutter nur einmal als Kind, als diese sie heimlich besuchen kommt und wieder davonschleicht. Jahre später wird sie sie mit ihrer Mutter nochmals aufsuchen, doch die Ablehnung der alten Frau ist deutlich und grausam. Sie will Tochter und Enkelin nie mehr sehen. Erst als Suzanne stirbt, wird Anaïs wieder ihre Wohnung betreten, dieses Mal entschlossen herauszufinden, wer diese Frau war. Suzanne Meloche wird 1926 in eine französischsprachige Familie im englischsprachigen Ottawa als eines von unzähligen Kindern geboren. Das Geld ist knapp, ebenso die Zuneigung der Eltern. Früh schon flieht sie aus dem Haus und schließt sich einer Gruppe von Malern, Bildhauern, Dichtern und Schauspielern an, entschlossen, die Welt zu verändern. Doch auch dort bleibt sie Außenseiterin und so wird sie ihr Leben lang auf der Flucht und der Suche sein, nach ihrem Platz.

Anaïs Barbeau-Lavalette zeichnet das Bild einer nicht nur einsamen, sondern auch immer gehetzten Frau nach. Niemand scheint Suzanne das geben zu können, was sie braucht. Die Mutter verwehrt ihr die Zuneigung, nach der sie sich sehnt. Das Klavier im elterlichen Haus, das eine magische Anziehung auf sie ausübt und das sie so gerne zum Erklingen gebracht hätte, bleibt für sie ein Tabu. Die Faszination, die die Freigeister und Künstler auf sie ausüben, ist leicht nachvollziehbar, jetzt scheint das Leben möglich, von dem sie so lange geträumt hat. Doch der Alltag holt sie ein, der Lebensunterhalt muss finanziert werden, bald auch schon die erste Tochter und die Zeit ist noch nicht reif für fortschrittliche Gedanken.

Suzanne irrt durch die Welt, nachdem sie ihre Kinder und den Mann verlassen hat. Doch weder in Europa noch bei den Rassekämpfen in den USA kann sie das finden, was sie sucht. Sie bleibt ihr Leben lang eine Frau auf der Flucht. Erst 1980 werden ihre Gedichte unter dem Titel Aurores fulminantes veröffentlicht, nachdem die Künstlergruppe Automatistes sich schon längst aufgelöst hat und ihr jedes Interesse an öffentlichem Ruhm fehlt. Der Originaltitel der Biographie „La femme qui fuit“ ist deutlich aussagekräftiger als nur der Vorname wie in der deutschen Ausgabe. Insgesamt ein lesenswerter Bericht über das Leben einer von der Geschichte vergessenen Frau.

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Deborah Feldman – Unorthodox

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Debora Feldman – Unorthodox

Die Welt von Deborah ist klar geordnet in Williamsburg vor den Toren von New York: als chassidische Jüdin wird der Rhythmus des Tages und des Lebens durch die Religion bestimmt. Sie geht wie alle Mädchen auf eine religiöse Schule, wo weltliche Fächer verpönt sind. Ebenso sind Bücher für sie Tabu. Ihre Großeltern und ihre strenge Tante achten auf die häusliche Erziehung nachdem die Mutter der Gemeinde den Rücken gekehrt hat und der Vater wegen psychischer Probleme nicht in der Lage dazu ist. Ihr Leben ist darauf ausgerichtet mit spätestens 17 verheiratete zu werden, mit einem jungen Mann der Gemeinde, der nach alter Tradition für sie ausgesucht wird. Auch das Leben als Ehefrau – durch entsprechenden Unterricht vorbereitet – hat keine Überraschungen für sie, denn ihre Aufgaben sind klar bestimmt. Doch nicht alles läuft nach Plan und mehr und mehr fragt sich die junge Frau, ob die Regeln, die ihr durch die strenge Religionsbeachtung auferlegt werden, wirklich richtig sind und ob es nicht auch ein Leben außerhalb dieser Gemeinde gibt, dass lebenswert ist.

Deborah Feldman schildert ihre eigenen Erfahrungen in der Satmar Gemeinschaft, die nach der Gründung in Südosteuropa in den USA erst richtig auflebte. Die Zahlen dieser Ultraorthodoxen schwanken stark zwischen 50.000 und 120.000 Anhängern, die größte Gemeinde jedoch lebt relativ abgeschottet von der Außenwelt in Williamsburg. Bei den Kindheitserinnerungen der Autorin dachte ich zunächst, dass sie in den 1930er Jahren aufgewachsen sein muss, bei der Beschreibung des Haushalts ohne Radio oder gar Fernsehen, bei den bescheidenen Wohnverhältnissen und der Kleidung. Als sie die Ereignisse des 11. September 2001 erwähnt, die kaum wahrgenommen und erst spät überhaupt dort bekannt werden, da man den Kontakt zur Welt der Ungläubigen vermeidet, war ich doch etwas erstaunt, wie sich diese Gruppe inmitten der westlichen, konsumorientierten Gesellschaft derart abschotten kann und sich ihre ganz eigene Welt schafft.

Als Aussteigerin ist sie kritisch, aber nicht alles, was ihre Kindheit und Jugend betrifft, wird negativ oder wertend geschildert. Sie träumt durchaus davon, dieses Leben zu führen und freut sich auf das Erwachsensein – wenn auch mit falschen Vorstellungen. Besonders interessant fand ich die Erzählungen zum Ehe-Vorbereitungskurs und auch erschreckend, wie wenig aufgeklärt die junge Frau über ihren eigenen Körper ist. Viele Regeln des ultraorthodoxen Lebens waren mir bekannt, da dies ja auch in Jerusalem noch gelebt wird: das Rasieren der Haare und Tragen einer Perücke, die Verpflichtung zahlreiche Kinder zu gebären, die Unterordnung der Frau unter dem Mann, die wenigen Bildungsmöglichkeiten, die Mädchen offenstehen und die Ablehnung von weltlichen Gütern wie beispielsweise der Literatur. Daher fand ich auch das Hochzeitsprozedere – Vermittlung durch Kupplerin und klare Regeln bei der Brautwerbung – nicht so befremdlich. Auch die Autorin steht den Traditionen und Gewohnheiten keineswegs ablehnend gegenüber, schließlich schließen diese eine Persönlichkeitsentwicklung nicht gänzlich aus. Ihre ersten Schritte in der westlichen Welt – interessant hierbei, wie wenig das Erlernen der englischen Sprache zählt, gemessen daran, dass die Gruppierung in den USA lebt – sind insbesondere erhellend, denn das, was für uns völlige Normalität und Alltagswissen ist, ist ihr völlig fremd. Angefangen bei Jeans, über nicht-koscheres Essen bis hin zu Fernsehsendungen.

Nach Erscheinen hat das Buch verständlicherweise große Wellen geschlagen. Die Einblicke in diese weitgehend abgeschottete Welt sind interessant bis erschreckend und lesen sich durch Feldmans angenehmen Erzählton, der sich passend zum Alter der Protagonistin von kindlich-naiv hin zu kritisch-hinterfragend entwickelt, wie der plaudernde Bericht einer Freundin. Für mich sowohl erzählerisch wie auch inhaltlich eines der Highlights des Jahres.

 

Robert Schneider – Premières Dames

 

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Robert Schneider – Premières Dames

 

Das wichtigste Amt im Staat: Monsieur le Président. Und an seiner Seite eine Frau ohne offizielle Funktion aber immer im Blick der Öffentlichkeit. Acht erste Damen gab es seit Gründung der V. Republik, die verschiedener kaum hätten sein können. Robert Schneider porträtiert sie und ihr schwieriges Verhältnis zum Amt des Mannes.

  • Yvonne de Gaulle – die nach den turbulenten Kriegsjahren gerne die ruhige und traute Zweisamkeit mit ihrem Mann gelebt hätte, der sich jedoch seiner Aufgabe für das Land stellen will. Bescheiden bleibt sie im Hintergrund und vermeidet überhaupt wahrgenommen zu werden.
  • Claude Pompidou – ein ganz anderes Kaliber, stellt sie die französische Version der Jacky Kennedy dar und zeigt, was die moderne Französin ausmacht. Unbeirrbar und durchsetzungsstark bleibt sie auch Jahrzehnte nach dem Tod des Mannes eine resolute Frau, die ihre Ziele beharrlich weiterverfolgt.
  • Anne-Aymone Giscard d’Estaing – geborene Prinzessin hat sie das Amt immer gehasst und die Medien dazu, die an ihr kaum ein gutes Haar ließen. Schon Jahre vor Ende der Amtszeit bekannte sie, auf keine Wiederwahl ihres Mannes zu hoffen.
  • Danielle Mitterrand – kann eine Frau mehr Stil beweisen als bei der Beerdigung des Gatten dessen Geliebte und uneheliche Tochter am Sarg dabei zu haben? Überzeugte Sozialistin muss sie schnell erkennen, dass sie machtlos ist und nur durch Provokation etwas erreichen kann.
  • Bernadette Chirac – lange Jahre im politischen Betreib haben sie auf ihre Aufgabe vorbereitet. Eine Ehe gegen den Wunsch der Familie, hat sie doch früh das Potenzial des Gatten erkannt.
  • Cécilia Sarkozy – unabhängig und eigenwillig wäre sie beinahe nie Première Dame geworden und ist es auch nur fünf Monate geblieben. Wer verlässt schon einen Präsidenten? Nur eine sehr eigene Frau.
  • Carla Bruni – Glamour zieht in den Elysée Palast ein. Einer der reichsten italienischen Familien entstammend, gebührende Bildung und eine Karriere als Sängerin und Model, dass diese Frau dem Mann die Show stiehlt, ist klar. Und doch ordnet sie sich anstandslos unter.
  • Valérie Trierweiler – Première Petite Amie, da nie mitFrançois Hollande verheiratet. Sie hat als moderne Frau mit Beruf und Karriere die größten Schwierigkeiten und den vermutlich ebenfalls größten Skandal bei der Trennung. Hoffnungsvoller Höhenflug zu Beginn und kläglicher Absturz.

Interessante Einblicke, geheime Details, ein Leben zwischen privatem Glück/Unglück und der Öffentlichkeit, was sich nur schwer vereinbaren lässt. Unterhaltsam geschrieben und gleichsam informativ, werden die Porträts zu einer interessanten Lektüre. Querverbindungen und Vergleiche schaffen Verbindungen und erlauben einen tiefen Einblick in die Maschinerie der französischen Politik. Bleibt die Frage, wer in weniger Monaten als nächste Première Dame den Palast betritt oder ob es ein Wiedersehen mit einer Bekannten gibt.

Alice Pung – Ungeschliffener Diamant

Die Ich-Erzählerin Alice lebt in Australien, wo ihre Eltern nach der Flucht aus China und Kambodscha bzw. Vietnam ein neues Leben anfangen wollen. Die ersten Eindrücke der neuen Kultur sind überwältigend und für die Mutter bisweilen überfordernd. Die Anwesenheit der Schwiegermutter macht es für die junge Frau nicht einfacher und auch Töchterchen Alice ist hin und her gerissen. Doch nach und nach schafft die Familie den Aufstieg und das Kind aus schlichten Verhältnissen schafft es einen Studienplatz für Jura zu ergattern.

Alice repräsentiert die zweite Generation Asiaten in Australien. Zwar stellt ihr das Land all seine Möglichkeiten offen, doch der familiäre Rahmen ist eng gesetzt. Sie steckt zwischen den beiden Kulturen, will es ihren Eltern recht machen und die asiatische Kultur und Tradition auch bewahren, andererseits merkt sie, dass sie keinen Zugang zur Jugendkultur hat und beispielsweise bei ihrem ersten Date völlig überfordert ist.

Über weite Teilen schwankt das Buch zwischen zwei Extremen: mit viel Humor werden die Erfahrungen der Asiaten im neuen Land geschildert, gleichzeitig verschweigt Pung auch die Grausamkeiten nicht, die die Familienmitglieder erlebt haben und das streng geordnete hierarchische Familiensystem mit all seinen Regeln. Entfremdung der Kinder durch die neue Kultur, auftauchende sprachliche Barrieren im neuen Land aber auch zwischen den Generationen, Verständnislosigkeit und falsche Vorstellungen von den Kulturen, all das gelingt es Alice Pung in ihrem biographisch angelegten Roman unterzubringen.

Ein Buch, dass sehr viele Einblicke in eine fremde Kultur und in das innerste der Familien erlaubt. Als besonderes Extra noch ein Nachwort von Olga Grjasnowa, die ähnliche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht hat.

*****/5

Mirjam Pressler – Ein Buch für Hanna

Mirjam Pressler zeichnet den Lebensweg von Hanna nach. Angelehnt an wahre Begebenheiten wird die Geschichte eines jungen, jüdischen Leipziger Mädchens erzählt, die sich mit ihren Freundinnen noch kurz vor den exzessiven Gewaltausbrüchen der Nazis nach Dänemark retten kann. Lebt sie zunächst in einer Art Sommercamp, wo sie trotz der Trennung von der Mutter fast ausgelassen den Sommer genießen kann, wird sie im Anschluss bei einer wohlhabenden Kopenhagener Familie untergebracht, die sie fast wie eine ihrer Töchter behandeln. Die Lage spitzt sich auch in Dänemark immer weiter zu, so dass die Freundinnen schon bald die Stadt verlassen müssen und aufs Land zu Familien ziehen. Da Leben dort ist hart und anstrengend, doch auch hier gelingt es Hanna und ihrer besten Freundin Mira das Beste daraus zu machen. Mit dem Angriff auf das Nachbarland hat das Naziregime auch dort die Situation für die jüdische Bevölkerung unmöglich gemacht und unausweichlich fallen die Mädchen den Soldaten schließlich in die Hände und werden nach Theresienstadt gebracht. Für manche die letzte Station ihres jungen, permanent von Flucht und Angst geprägten Lebens.

Die Lebensgeschichte Hannas, sicherlich beispielhaft für viele der damaligen Zeit, geht dem Leser sehr nah. Die Beschreibungen in Theresienstadt sind unglaublich und erschreckend. Schön zu wissen, dass es trotz allem aber auch positive Momente und Erfahrungen gab, die jedoch vielfach in den Personen selbst begründet liegen. Ein nachdenklich Stimmendes Zeugnis der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte.

*****/5

Elizabeth Wurtzel – Prozac Nation/Verdammt schöne Welt

Elizabeth Wurtzel berichtet von ihrem Leben mit der Depression. Sie zeichnet ihre (noch) glückliche Kindheit nach bis plötzlich während der Pubertät ihr Leben aus den Fugen gerät und auf zunächst unerklärliche Weise Trägheit, Antriebslosigkeit, Weinkrämpfe, Angstzustände und Panik ihren Tagesablauf bestimmen. Eine Odysse zwischen Unverständnis ihres Umfelds und der Familie, verschiedenen Psychologen und Psychiatern, diversen Medikamenten und Therapien beginnt. Jedoch tritt keine Besserung ein. Bis sie ganz am Ende ist und jede Form von Lebenswillen verloren hat – die junge, talentierte und auch erfolgreiche Frau. In ihrem Fall kommt zum richtigen Zeitpunkt Prozac auf den Markt, was ihr ein relativ normales Leben mit Auf und Ab in erträglichen Dosen ermöglicht.

Das Buch lässt einem sehr intensiv nachvollziehen, wie es Menschen mit dieser Krankheit geht. Warum „sich einfach mal zusammenreißen“ oder „aufraffen“ eben nicht funktionieren kann. Eine schonungslose Abrechung mit sich selbst, der eigenen Familie, den Ärzten, aber auch der Gesellschaft und ihrem Umgang sowohl mit der Krankheit Depression, aber auch mit der inzwischen inflationären Verschreibungspraxis von Psychopharmaka.

Unbedingt empfehlenswert für alle, die Verständnis für das entwickeln wollen, was in depressiven Menschen vor sich geht. Und ein klares Zeichen für alle, die mal ein wenig durchhängen und sich selbst bemitleiden. Wer das Leid von Elizabeth Wurtzel gelesen hat, merkt, wie gut es einem geht und wie wenig krank man ist. Glücklicherweise.

*****/5

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