Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

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Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

Schon seit ihrer Kindheit sind Clementine und Erika befreundet. Doch das, was sie Freundschaft nennen, gleicht mehr einer seltsamen Abhängigkeit, die einst von Clementines Mutter auferlegt wurde: da Erika aus einem armen und schwierigen Elternhaus kam, musste Clementine mit ihr befreundet sein. Erika bewunderte sie und ihre Familie, was durchaus schmeichelhaft war. Doch nun wird ihre Freundschaft vor eine schwere Probe gestellt: erst die Bitte, von Erika und ihrem Mann Oliver völlig unvorbereitet geäußert, und dann die Ereignisse am selben Abend, als sie bei Erikas Nachbarn Vid und Tiffany zum Grillen eingeladen waren und ein dramatisches Ereignis die gelöste Stimmung schlagartig durchbrach.

Liane Moriarty konnte mich vor einigen Jahren mit „Little Lies“ unglaublich faszinieren, der zweiten Roman, den ich von ihr gelesen habe – „The Husband’s Secret“ –, konnte schon nicht mehr an das Debut nicht heranreichen und leider hat mich auch „Truly Madly Guilty“ nicht ganz gewinnen können. Womöglich liegt es daran, dass die Autorin sehr auf ein Erzählschema festgelegt ist, das beim dritten Versuch nicht mehr so überzeugen kann wie beim ersten. Auch in diesem Roman gibt es wieder zwei Erzählzeitpunkte, die eine am Tag des dramatischen, alles verändernden Ereignisses, die zweite danach bzw. auch davor in der Erinnerung daran, wie die Dinge waren, bevor es dazu kam. Alles läuft auf den einen Moment in der Handlung hinaus, der sehnsüchtig erwartet wird.

Hier genau lag für mich bei dem Roman eines der Probleme: das Hinauszögern soll die Spannung steigern, funktioniert auch bis zu einem gewissen Maße, ist dies jedoch ausgereizt, wird es nur noch nervig und man wünscht sich sehnsüchtig, endlich die erlösende Stelle zu erreichen. Es war einfach keine Spannung und gebannte Erwartung mehr da, zu sehr ging mir das künstliche immer wieder Verschieben auf die Nerven. Die Idee, kleine Zwischenhöhenpunkte einzuschieben, war durchaus nicht schlecht, aber so entsteht auch der Eindruck, zu viel in einen Roman gelegt zu haben, was am Ende auch als Fazit bleibt. Ein Drama hätte gereicht, das hätte die Handlung auch gestrafft und so die Spannung besser abgestimmt.

Hinzu kamen die Figuren, von denen leider keine als wirklicher Sympathieträger taugt. Man hatte bisweilen den Eindruck, dass die Autorin ihre Figuren hasst, so sehr werden sie alle immer wieder durch ihre Fehler und Unzulänglichkeiten charakterisiert: Oliver und Erika sind kleinkariert, besserwisserisch und extrem angepasst; ihre Nachbarn Vid und Tiffany das extreme Gegenteil, wobei ihr protziger Reichtum und die Vernachlässigung der Tochter auch keine Pluspunkte bringen; Clementine und ihr Ehemann bestechen durch andauernde Gereiztheit und Streitigkeiten, die nur schwer zu ertragen sind.

So wird die durchaus überzeugende Grundidee zu einer Tour de Force, die sich nur sehr langsam dem Ziel entgegenschleppt.

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

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Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

Als Junge schon ist er durch das Skandinavische Viertel Berlins gestreift, hat auch diejenigen Straßen mit nordischen Namen versehen, die keinen solchen trugen. Zwischen der elterlichen Wohnung und jener der Großeltern hat er sich das Leben ausgemalt, da sein eigenes trist und ereignislos war. Wie die Leben seiner Eltern, das des Onkels, das der Großeltern. Haben sie überhaupt gelebt? Sie sind irgendwann alle gestorben, aber waren sie davor lebendig? Matthias lässt die Gedanken schweifen, denkt an die Geheimnisse, die es in seiner Familie gab und die meist erst kurz vor dem Tod erstmalig offen ausgesprochen wurden. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass alle von einem anderen Leben geträumt haben, es aber nie leben konnten.

Torsten Schulz nähert sich in seinem Roman vielen Themen. Er beginnt in Ostberlin, unmittelbar an der Mauer, die jedoch unüberwindbar bleibt und nur zum Träumen taugt. Er skizziert die Zeit nach der Wende, als der Lebensraum im Osten rücksichtlos von Spekulanten erworben wird und seine Seele zu verlieren droht. Er spricht über Familien, die mehr Zweckgemeinschaften sind als Lebensgemeinschaften, wo Geheimnisse und Nichtgesagtes herrschen und zwischen den einzelnen Mitgliedern keine Vertrautheit und kein Vertrauen entsteht. Und er schickt den Protagonisten über mehrere Kontinente, wobei dieser doch nur erkennt, dass er flüchtet vor Beziehungen, vor Bindungen, vor Menschen und deren Nähe.

Der Roman zeichnet ein trauriges Bild von enttäuschten und unglücklichen Menschen. Selbst in Momenten der akuten Verliebtheit kommt kein positives Gefühl beim Leser auf. Die Sprachlosigkeit der Figuren, ihre Distanziertheit überträgt sich auch auf den Leser, was es sehr schwer macht, eine Beziehung zur Geschichte aufzubauen. Ich fand viele interessante Aspekte, gerade die Familienkonstellation und ihre Auswirkung auf die Figuren eröffnete unheimliche Spielräume, aber der Roman konnte mich nicht wirklich packen. Zu weit weg blieb der Protagonist. Vielleicht hat ihm der Ausbruch gefehlt, der ihn menschlicher hätte erscheinen lassen. So war er lebendig tot, wie auch der Rest seiner Familie. Einzig die Mutter hatte eine kurze Phase des Aufblühens, die das Schicksal dann jäh zunichtegemacht hat. Eine Seelenreinigung durch offenes Reden erkennen die Figuren auch nicht als probates Mittel der Flucht aus ihrer Schockstarre – zu machtlos fühlen sie sich, um ihrem Leben selbst eine Wendung zu geben.

Die Übertragung des emotionslosen, nüchternen Ertragens des Daseins von den Figuren auf den Leser ist geglückt. Das macht das Buch zu keinem emotionalen Highlight, sondern zu einer schweren Lektüre.

Eric Nil – Abifeier

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Eric Nil – Abifeier

Eigentlich hat sich das Leben nach der Scheidung ganz gut eingerenkt. Nachdem er Basel und seine Familie verlassen und in Hamburg ein neues Leben samt neuer Partnerin begonnen hat, läuft für den Ich-Erzähler alles in ruhigen Bahnen. Auch als seine Tochter Nora zu ihm zog, hatte nicht viel verändert. Die Patchwork Familie hat ihren eigenen Rhythmus gefunden, in dem die Ex-Partner ihren festen Platz am Rand haben. Jetzt allerdings steht der Abiball an und daran sollen natürlich alle Familienmitglieder teilnehmen. Doch wie kann man alte und neue Familie arrangieren, ohne dass sich jemand auf die Füße getreten fühlt? Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Der kurze Roman greift eine recht typische Situation unserer Zeit auf: Beziehungen beginnen und enden und gehen mit irgendwelchen Fragmenten in neue über. Familien entstehen neu, bilden temporäre Zweck- und Lebensgemeinschaften, bis sie sich wieder auflösen. Irgendwie gelingt es den meisten dabei sich zu arrangieren und einen halbwegs tragbaren Kompromiss zu finden. Bis auf die Ausnahmesituationen althergebrachter Rituale, zu denen die modernen Lebensformen nicht passen und die von allen beteiligten das Äußerste verlangen.

Der drohende Abiball versetzt den Ich-Erzähler in eine maximale Stresssituation. Allein schon die Frage, in welcher Konstellation gemeinsam am Tisch gesessen werden soll, bereitet ihm Kopfschmerzen. Ganz zu schweigen davon, wie die Ex- und neuen Partner miteinander bekanntgemacht werden sollen. Man kann das Grübeln über diese eigentlich banalen Fragen gut nachvollziehen, es gibt schließlich kein Patentrezept und hochgradig peinliche Momente drohen, gerät man unvorbereitet in eine solche Situation. Nur wie will man sich darauf ernsthaft vorbereiten?

Der Grundkonflikt des Romans ist offenkundig, allerdings hatte ich mit einem etwas amüsanteren Text gerechnet. Eric Nil jedoch verleiht dem Erzähler eine ausgesprochen grüblerisch-negative Stimmung, die keinen Raum für Humor und Gelassenheit lässt. Seine etwas verklemmt-gehemmte Art verhindert jede Lockerheit im Umgang miteinander und macht das Lesen bisweilen etwas anstrengend. Auch war mir das Lamentieren über die gescheiterte Vater-Sohn-Beziehung eher mühevoll zu lesen und ich hätte auf so manche Teenager-Beziehungstragödie verzichten können. Zwar wirkt der Ton so realistisch und authentisch – es ist leicht vorstellbar, wie sich viele Menschen ob einer solchen Lage den Kopf zermartern – aber bei mir konnte es nur begrenzt Begeisterungsstürme auslösen.

Ein Dank geht an Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

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Stuart Nadler – Die Unzertrennlichen

Eine Familie, drei Frauen, dreimal Probleme mit Männern: Henrietta Olyphant, die Großmutter, einst erfolgreiche Feminismus-Dozentin und Autorin, hat vor knapp einem Jahr ihren Mann verloren und muss nun das Haus verlassen, in dem sie über 40 Jahre gelebt haben und wo ihre Tochter zur Welt kam. Die Trauer überwiegt alles bis sie plötzlich mit Dingen konfrontiert wird, die das Bild von ihrem Mann gehörig ins Wanken bringen. Oona ist gerade wieder bei ihrer Mutter eingezogen, da sie sich von ihrem Mann Spencer trennen will. Als erfolgreiche Chirurgin kann sie nicht länger mit ansehen, wie er dauerbekifft seine Tage in Unproduktivität verbringt. Als der Paartherapeut ihr Avancen macht, scheint ein Neuanfang möglich. Die Jüngste im Bunde, Lydia, ist ebenfalls auf dem Weg nach Hause, weg aus ihren Luxusinternat, wo gerade ein Nacktbild von ihr die Runde macht, das ihr vermeintlicher Freund von ihrem Handy geklaut und verbreitet hat. So finden sie sich zusammen, jede mit ihren ganz eigenen Problemen und der Erkenntnis, dass sie einander mehr brauchen als sie dachten.

Was womöglich nach einem sehr seichten Frauenbuch klingt, ist tatsächlich ein wahrer erzählerischer Schatz, den man ob des unsäglich aussagelosen Covers leicht übersehen könnte – was vermutlich auch der Fall ist, denn mir ist der Roman bislang selten begegnet. Dabei hat der Roman wirklich viele Leser verdient, ist er doch die perfekte Symbiose aus ernsthafter Thematik, die in ihrer Komplexität auch überzeugend herausgestellt wird, und einem leichten, oftmals geradezu komischen Erzählton.

Die drei Frauenfiguren sind miteinander verwandt, damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Sie zeichnen sich jeweils als recht typische Vertreterinnen ihrer Generation aus ohne dabei stereotyp zu werden. Henrietta erscheint zunächst als klassische Großmutter, die ihren Beruf und Karriereträume für den Mann und die Familie geopfert hatte, weil es die Gesellschaft so von ihr erwartete. So einfach ist der Fall jedoch nicht. Es ist ihr gar nicht so schwergefallen, New York und die Universität zu verlassen und ein ganz anderes Leben zu leben als sie geplant hatte. Die Tatsache, dass sie als junge Frau ein Buch über den weiblichen Körper mit expliziten Zeichnungen veröffentlichte, das immer noch nachgefragt wird, lässt sie in einem interessanten Licht erscheinen. Heute ist ihr das Buch peinlich, vor allem gegenüber ihrer Tochter und Enkelin.

Letztere wiederum amüsiert sich geradezu über die großmütterliche Scham, hat sie im Internet schon weitaus Eindeutigeres gesehen. Das mindert aber in keiner Weise die Scham, die sie selbst empfindet ob der von ihr verbreiteten Fotos. Auch sie steckt in einem Zwiespalt, denn eigentlich mag sie Charlie, auch jetzt noch, obwohl er sie hintergangen hat. Auch hier wieder der Fall eines Mädchens, das in eine für ihre Generation recht typische Situation gerät und doch keine 08/15-Lösung sich anbietet. Zu komplex sind ihre Gefühle und die familiäre Lage mit den sich trennenden Eltern. Sie findet Unterstützung und Rat – aber sind der kiffende Vater und die gerade fremdgehende Mutter die besten Ansprechpartner in Beziehungsfragen?

Oona letztlich als Frau im mittleren Alter vereinigt ebenfalls die Komplexität von Beziehung, Familienbande und Beruf in einer Figur. Weder hasst sie ihren Noch-Mann, noch kann sie mit ihm so weiterleben. Sie will sowohl ihrer Mutter wie auch ihrer Tochter beistehen und das, wo sie selbst gerade im emotionalen Chaos steckt. Da hilft nur die sachlich-nüchterne Seite der Ärztin rauskehren, aber wenn man gerade eine Umarmung braucht, ist das auch nicht so hilfreich.

Das Buch lebt von seinen Figuren und ihren Dialogen. Sie sind Familie, da wird der Ton auch mal harsch und man mutet dem anderen mehr zu als man dies bei Fremden tun würde. Und doch: sie sind für einander da und wissen, was sie gerade brauchen. Und dabei verlieren sie auch Humor und Sarkasmus nicht. Ein in jeder Hinsicht gelungener Roman.

Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

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Jens Steiner – Mein Leben als Hoffnungsträger

Nachdem er seine Mechatronikerlehre abgebrochen hat, taumelt Philipp etwas planlos durchs Leben. Aus seiner WG ist er ebenfalls geflogen, sein Putzfimmel hat die Mitbewohner so sehr unter Druck gesetzt, dass sie im Rauswurf den einzigen Ausweg sahen. Eines Tages spricht ihn Uwe an und zeigt ihm den städtischen Recyclinghof, den er leitet. Philipp findet wieder Erwarten in dem ernsten Uwe, der Recycling als nicht nur wichtige, sondern auch sehr ernsthafte Sache begreift, seinen Mentor und mit den beiden portugiesischen Mitarbeitern João und Arturo zwei angenehme wenn auch eigenwillige Kollegen. Sein Leben gewinnt einen neuen Rhythmus und die kleine Zweckgemeinschaft wird bald durch ein aus dem Ruder laufendes Nebengeschäft Joãos auf eine ernste Probe gestellt.

„Mein Leben als Hoffnungsträger“ ist kein Buch, das einem sofort anspringt und sich aufdrängt – was ein echter Fehler ist. Das Cover erschließt sich nicht zwingend auf den ersten Blick, das Recylingzeichen ist zwar gut erkennbar, aber schon die andere Farbwahl, orange statt grün, schafft einen Bruch. Der Titel des „Hoffnungsträgers“ bezieht sich auf Philipp: zunächst war er der Hoffnungsträger für den Vater, dessen Erwartungen er jedoch in keiner Weise erfüllen konnte oder wollte. Später sieht Uwe in ihm den Recyclingnachwuchs, der mit demselben Elan wie er selbst die Abfallwirtschaft wird vorantreiben können.

Das Buch lebt von den Figuren, die liebevoll gezeichnet wurden und echte Persönlichkeit haben und sich nicht nur auf wenige Charakterzüge beschränken. Die Mischung auf dem Recyclinghof schafft eine besondere Spannung: der ernsthaften Chef, der fast pedantisch korrekt ist und in seiner Arbeit zugleich einen Bildungsauftrag an den Bürgern sieht; João, der den Hauptberuf als günstige Quelle für seine Nebengeschäfte nutzt; Arturo, der einfältige Gehilfe, der jedoch unerwartet über künstlerische Fähigkeiten und pragmatische Lösungen verfügt; Philipp, der eher zurückgezogene Träumer, der nicht genau weiß, was er im Leben möchte und sich mehr für Dinge als für Menschen begeistern kann. Diese Zweckgemeinschaft reibt sich immer wieder, zeigt jedoch im Moment der größten Not als funktionierendes Gespann, wo das Einspringen für den anderen und die notwendige Schützenhilfe selbstverständlich sind. Durch und durch menschlich erscheinen sie, keiner ohne Macke und Fehler und gerade dadurch so sympathisch.

Daneben sind es die kleinen Beobachtungen, die im Buch zutage treten und einem durchaus innehalten lassen: die Frage danach, in welchem Überfluss wir leben und es uns erlauben, sogar noch funktionstüchtige Apparate zu entsorgen. Die selbstverständliche Erwartung, dass jeder eine Karriere anstreben muss und das Einkommen als natürlicher Maßstab für Erfolg und Glücklichsein.

Philipp als Erzähler wurden von Jens Steiner auch passende Formulierungen in den Mund gelegt, die immer wieder zu einem Schmunzeln führen. Das holprige Deutsch der Portugiesen ist herrlich ohne diese zu verunglimpfen, wenn sie beispielsweise „die Sache von die Angelegenheit“ besprechen und sie den „Wegwerf rezikeln“.  Bisweilen wird es gar philosophisch und ernsthaft, denn mit Philipp hat Steiner einen beobachtenden Protagonisten geschaffen, der mit einer innerlichen Distanz unsere Welt betrachtet und infrage stell: „Die Niedertracht der Welt, in der ich lebte, bestand darin, dass jede Generation noch ein bisschen mehr aus sich herauszuholen hatte als die vorherige“ (S. 135)

Ein unterhaltsamer Roman, der durchaus auch zum Nachdenken anregt.