Paulina Czienskowski – Taubenleben

Paulina Czienskowski Taubenleben
Paulina Czienskowski – Taubenleben

Ein kleiner Fehler, der vielleicht böse Folgen hat, aber bis sie die Ergebnisse des Aids Tests hat, muss Lois warten. In den Tagen bis zur Entscheidung über Zukunft oder Ende, setzt sich die junge Frau mit ihrer Vergangenheit auseinander – ihrem Vater, der früh gestorben ist, sie kehrt zurück in das Hochhaus ihrer Kindheit und besucht ihre Mutter, die immer distanziert und kalt war und denkt an ihre Kindheitsfreunde Mirabel und Heinrich, mit denen sie durch gute und schlechte Zeiten ging. Sie fragt sich, ob das Leben, wie sie es führt, überhaupt einen Sinn hat und wenn ja, welchen?

Paulina Czienskowski schildert das Lebensgefühl einer neuen Lost Generation, die in Wohlstand und mit vermeintlich glorreicher Zukunft aufwuchs und sich, gerade im Erwachsenenalter, plötzlich in fragilen Beziehungen wiederfindet oder von einem One-Night-Stand zu nächsten wandernd, und sich voller Ängste und Hoffnungslosigkeit der Versprechungen für ihr Leben beraubt sieht. Die Sinnsuche wird entweder durch oberflächliche Internetwelten oder der Betäubung durch Drogen aller Art ersetzt oder führt sie geradewegs in eine manifeste Depression und Suizidgedanken.

„Und jetzt bin ich nicht tot und habe mich trotzdem umgebracht.“

Lois wandelt durch ihr Leben ohne sich lebendig zu fühlen. Nicht nur der fehlende Partner reißt ein Loch, vor allen die Ziel- und Bedeutungslosigkeit ihres Daseins lässt sie so sehr zweifeln, dass die Option selbiges zu beenden zur realen Möglichkeit wird. Wie eine Taube, die in den Verkehr gerät und getötet wird, deren Dasein aber keine Spuren hinterlässt und die nicht vermisst wird, fürchtet sie, könnte auch ihr Leben enden. Wozu war es dann gut?

„Früher sagte mir meine Mutter oft, ich sei tatsächlich besonders. Nicht, weil ich so einzigartig wäre für sie. Sie fand mich bloß besonders merkwürdig.“

Das Verhältnis zu ihrer Mutter scheint schwierig, abweisend und desinteressiert an ihrer Tochter erlebt man sie. Es fehlen beiden die passenden Kommunikationsmittel, zu verschiedenen scheinen die beiden Frauen auch, um eine gemeinsame Ebene zu finden. Je mehr Lois jedoch über den Tod ihres Vaters erfährt, desto nachvollziehbarere wird auch die Haltung und der Gemütszustand der Mutter, deren Leben ebenfalls nicht hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte.

Es gelingt der Autorin, den emotionalen Ausnahmezustand der Protagonistin nachvollziehbar zu gestalten, leider fällt es jedoch schwer, diese sympathisch zu finden. Passiv erwartet sie, dass das Leben zu ihr kommt und alles vor ihr ausbreitet, einen eigenen Beitrag zum Gelingen scheint sie nicht bereit zu leisten und Verantwortung für das eigene Dasein übernimmt sie nicht. Zu schön hat sie es sich auch in ihrer Depri-Ecke eingerichtet, von der aus sie die Schuld auf andere verteilt. Beziehungsfähig kann man in dieser extrem Ich-bezogenen Haltung kaum werden und so muss jede Verbindung zu einem anderen Menschen zwangsweise scheitern.

Sollte der Roman als Anklage dieser Erwartungshaltung gedacht sein, dann überzeugt er – ob dies jedoch bei der Zielgruppe gelingt, darf bezweifelt werden – wollte Czienskowski für Verständnis werben, hat sie dies zumindest bei mir nicht geschafft.

Lisa Taddeo – Three Women – Drei Frauen

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Lisa Taddeo – Three Women – Drei Frauen

Drei Frauen, drei Geschichten, drei Schicksale. Über viele Jahre hinweg hat Lisa Taddeo sie begleitet, immer mehr über sie erfahren, Urteile gelesen und sie letztlich zum Inhalt ihres Buchs gemacht. Maggie ist noch minderjährig als sich ihr Lehrer ihr zuwendet. Zunächst ist es nur die Aufmerksamkeit, die sie bei ihren alkoholsüchtigen Eltern nicht erhält, bald schon glaubt sie in ihn verliebt zu sein und kurz danach verfällt sie ihm völlig und gibt sich in totale Abhängigkeit. Lina wird als junges Mädchen Opfer einer K.O. Tropfen Vergewaltigung, doch statt dass sie Mitleid bekäme, wird sie beschimpft und geächtet. Viele Jahre später findet sie sich in einer toxischen Beziehung wieder, aus der sie aufgrund ihrer emotionalen Abhängigkeit und Blindheit nicht mehr herauskommt und auch nicht heraus will. Auch Sloane trägt seit ihrer Jugend Dämonen in sich, die sie viele Jahrzehnte begleiten werden und die sie lange davon abhalten zu erkennen, wer sie ist und was sie braucht, um glücklich zu sein.

Häppchenweise werden die Geschichten der drei Frauen präsentiert, immer wieder wird dadurch die Erzählung unterbrochen, was jedoch sehr gut passt, um zu unterstreichen, dass es sich nicht um Episoden, sondern um bisweilen jahrelange Martyrien handelt. Was Taddeo besonders gut gelungen ist, ist das Gedankenkonstrukt, in dem alle drei gefangen sind, ein Gefängnis, das sie sich selbst geschaffen haben und aus dem es kein Entkommen gibt. Sie sind intelligent, auch oftmals reflektiert, aber dennoch können sie nicht wie der Leser als Außenstehender ihre Lage erfassen und so handeln, wie es für ihre psychische und auch physische Gesundheit gut wäre.

Für mein Empfinden ist der Klappentext irreführend. Die drei Geschichten sind keine Schilderungen von Begehren und Lieben, sondern ganz im Gegenteil: die dargestellten Beziehungen sind auf Macht und Machtmissbrauch aufgebaut, emotional wie körperlich wird die Abhängigkeit – sei es wegen des Lehrer-Schülerinnen-Verhältnisses, wegen der einseitigen Zuneigung oder der stärkeren psychischen Konstitution – von den Männern ausgenutzt. Zwar glauben alle drei Frauen zu lieben, sind dankbar für jede Minute, die der Mann ihnen schenkt, für jede noch so abfällige Bemerkung, die sie sich als Zuneigung umdeuten, die Grundvoraussetzungen der Liebe sind jedoch nie gegeben. Es sind keine Beziehungen auf Augenhöhe, keine Ausgewogenheit der Machtverhältnisse und ganz offenkundig ist den Männern ihr Wohlergehen ziemlich egal. Ganz besonders bitter: die gesellschaftlich-soziale Komponente: die Frauen werden durch das Umfeld ein zweites Mal zum Opfer bzw. sogar zum Täter und böswilligen Lügner und Verbreiter falscher Anschuldigungen gemacht.

Die Bandbreite der Kritiken könnte kaum größer sein, von fulminanter Begeisterung bis totalem Zerriss findet sich so ziemlich jede Stimme zu dem Buch. Einige Kritikpunkte kann ich nachvollziehen, die Autorin hat nur weiße heterosexuelle Frauen portraitiert, hier klafft sicher eine große Lücke, wenn sie umfassend toxische Beziehungen darstellen wollte. Sie wird oft sehr explizit in ihrer Darstellung, ob dies unbedingt immer erforderlich ist, sei dahingestellt, auch erscheint die positive Beschreibung einiger Handlungen bisweilen etwas unpassend, auch wenn die betroffenen Frauen sie in diesem Moment so empfunden haben mögen. Andererseits wirkt alles auf mich authentisch und es werden ganz klar die Widersprüche auch innerhalb der Frauen, aber besonders die Folgen, die diese Erlebnisse für sie haben, aufgezeigt.

Nach inzwischen mehreren Jahren #metoo Debatte und zahlreichen prominenten Gerichtsverfahren stellt sich jedoch schon die Frage, welchen Beitrag dieses Buch zu den spezifischen Anliegen der Frauen liefert. Für mich ist es nicht das Buch mit der großen neuen Erkenntnis, aber ganz sicher ein lesenswertes Steinchen in dem Gesamtbild, das nochmals unterstreicht, dass die Welt überwiegend aus Grautönen in zahlreichen Schattierungen besteht und ganz sicher nicht aus schwarz und weiß. Und manchmal lohnt es sich einfach, wenn auch bekannte Fakten nochmals wiederholt werden.

Amélie Nothomb – Frappe-toi le cœur

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Amélie Nothomb – Frappe-toi le cœur

Diane ist ein sensibles und hochbegabtes Mädchen. Von ihrer Mutter Marie wird sie vom ersten Tag an mit strenger Härte und ohne Zuwendung erzogen, denn ihre Liebe benötigt diese für Dianes Bruder und Schwester. In der Schule findet sie jedoch eine gute Freundin, deren Familie sie nach dem Tod ihrer Eltern aufnimmt. Für Diane ist schon in jungen Jahren klar, dass es nur einen Beruf geben kann: den des Arztes, genaugenommen kann sie nur Kardiologin werden, denn das Herz, das sie in ihrer eigenen Familie vermisst hat, fasziniert sie zeitlebens. An der Universität trifft sie auf die Dozentin Olivia, die sie bewundert und der sie nacheifert – nicht ahnend, dass der Preis für die Bewunderung, die sie der Frau entgegenbringt, hoch sein wird.

Amélie Nothombs Bücher sind immer etwas überraschend und auf ihre ganz eigene Weise treffen sie ins Schwarze, das sich genau da befindet, wo es besonders weh tut. Wie auch schon in anderen Romanen schreibt sie in „Frappe-toi le cœur“ von Beziehungen, die nicht gelingen oder gar als Nicht-Beziehungen bezeichnet werden könnten. Das Böse, Kaltherzige des Menschen bringt sie zum Vorschein, ebenso wie die große Einsamkeit, der dieses Mal ihre junge Protagonistin ausgesetzt ist.

Es braucht nicht viel, um Diane ins Herz zu schließen, ein sensibles Mädchen, das in einem kalten familiären Umfeld aufwächst. Es verwundert nicht, dass sie in Olivia eine Frau findet, die das verkörpert, was ihre Mutter nicht ist. Die sie ermutigt, ihre Stärken sieht und fördert und die Zuwendung entgegenbringt, zu der Marie nie fähig war. Diane hätte die Gefahr womöglich sehen können, basierend auf ihren Kindheitserfahrungen, aber was blendet man nicht alles aus, wenn der Blick vernebelt ist.

Die belgische Schriftstellerin kreiert immer wieder psychologisch interessante Konstellationen in ihren Romanen. Dieses Mal sind es die schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, die sie unter die Lupe nimmt und seziert. Männer sind weitgehend abwesend, nur am Rande treten sie in Erscheinung, aber für die Handlung sind sie irrelevant. Vor allem die jungen Frauen sind gefordert, Diane ebenso wie Olivias Tochter, sie müssen sich befreien und ihren Weg finden. Und dieser liegt erfreulicherweise nicht im plötzlich auftauchenden Prinz Charming, den sie passiv erwarten und der sie errettet.

Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

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Milena Michiko Flašar – Herr Katō spielt Familie

„Er gibt sich den Anschein, ein Ziel zu haben. Mit großen Schritten geht er los, als ob dort, wohin er geht, jemand warten würde und es von höchster Dringlichkeit wäre, rechtzeitig hinzugelangen. Müßig spazieren zu gehen, einfach so, um des Gehens willen, hat er probiert – kann er nicht.“

Frisch im lange ersehnten Ruhestand wird er nicht mehr gebraucht, hat kein Ziel mehr, keine Eile mehr. Schmerzlich wird ihm auch bewusst, dass ihn nichts mehr mit seiner Frau verbindet, schon lange schlafen sie in getrennten Zimmern und Interesse am Alltag des anderen können sie auch kaum mehr aufbringen. Eine zufällige Begegnung auf dem Friedhof jedoch ändert die Leere der Tage: Mie, Chefin einer Agentur, die Schauspieler vermittelt, die im privaten Bereich Lücken füllen, wird auf ihn aufmerksam und verhilft ihm zu seinem ersten Job: er soll Herrn Katō spielen und seine vermeintliche Tochter und ihren Sohn besuchen. Er soll Familie spielen und die Personen ersetzen, die, warum auch immer, nicht da sind. Ein ganz neuer Blick auf Familie, vor allem auch seine eigene, eröffnet sich ihm.

Immer wieder ist mir im letzten Jahr Milena Michiko Flašars kurzer Roman begegnet. Die österreichische Autorin mit japanischer Mutter, die für ihren Debüt Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ mehrfach ausgezeichnet wurde, schafft hier einen sehr typisch fernöstlichen Roman, der jedoch im Kern ein Thema hat, das auch hierzulande wichtig ist und nachdenklich macht. Was kommt nach der Arbeit, wenn man nicht mehr gebraucht wird; wie verändern sich unsere Beziehungen unbemerkt und was bleibt von einem Paar, wenn über Jahre Arbeit, Hausbau und Kinder die Zweierbeziehung immer mehr in den Hintergrund schieben?

Die Idee einer Agentur, die mietbare Familienmitglieder anbietet, klingt zunächst abstrus. Auch der Protagonist hat seine Zweifel, die sich jedoch schon mit dem ersten Auftrag und der Begegnung mit dem kleinen Jordan verflüchtigen. Er merkt, dass er nicht nur eine Lücke füllt, sondern tatsächlich ein emotionales Loch stopfen kann. Dies macht nicht nur etwas mit den Menschen, die er besucht, sondern auch mit ihm. Vor allem die Hochzeit, bei der alle Gäste gemietet sind, stimmt ihn nachdenklich. Kein Familienmitglied wollte die Feierlichkeit der todkranken Frau unterstützen.  Als unerwartet seine hochschwangere Tochter vor der Tür steht, ist das für Herrn Katō die Chance, auch in seinen realen Beziehungen etwas zu ändern. Doch so schnell kann er nicht aus seiner Haut, er würde gerne, aber noch ist er nicht so weit.

Ein leiser Roman, dessen Erzählstimme hervorragend mit dem Protagonisten harmoniert, der so gerne etwas sagen würde, aus sicher herausgehen würde. Aber der Schatten, über den er springen müsste, ist zu groß. ER traut sich nicht einmal, eine Grußkarte mit seinem Namen zu dem Blumenstrauß zu geben, den er seiner Frau zukommen lässt. Die Diskretion und Angepasstheit des Herrn Katō lässt ihn Schweigen, in sich zurückziehen und das Leben beobachten statt es zu leben. Erst in seinen Rollen kommt er aus seinen Haut heraus, die er liebend gerne abstreifen würde. Mit Schreckend erkennt man sich oftmals selbst und muss sich die Frage stellen: verharren im Ist oder mutig weitergehen?

Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

Maenner die sich schlecht benehmen von Joshua Ferris
Joshua Ferris – Männer, die sich schlecht benehmen

„Was tut ein Mann – und ich meine einen echten Mann, also, was tut ein echter Mann –, wenn er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat?”

Dies ist eine der Fragen, die sich die Figuren in Joshua Ferris Geschichten stellen. Es geht um Beziehungen, meist zwischen Männern und Frauen, manchmal aber auch zwischen Männern und ihrer Umwelt im Allgemeinen, und all den Hürden, die diese tagtäglich mit sich bringen. Muss man die Freunde des Partners automatisch auch mögen und diverse gemeinsame Abende aushalten? Wie kommt man auf einer VIP Party am besten an, steht nicht blöd da und überwindet seine Menschenscheu? Wie erklärt man den Schwiegereltern einen Seitensprung und dass einem die eigene Frau gerade offenkundig verlassen hat? Leicht haben sie es alle nicht, aber ganz unverschuldet sind sie aber auch nicht in die kurzen Ausschnitte ihres Lebens geraten.

Joshua Ferris‘ Kurzgeschichtensammlung war mir nach Erscheinen im Original bereits aufgefallen, wo man sich allerdings mit „The Dinner Party and Other Stories“ für einen weitaus passenderen und nicht ganz zu verschreckenden Titel entschieden hat. „Männer, die sich schlecht benehmen“ hat einen Preis für nicht nur unglaublich schlechte Passung zum Inhalt, sondern auch für marktschreierisches Fishing for Aufmerksamkeit verdient, was das Buch eigentlich nicht verdient hat.

Im Zentrum der Geschichten stehen Männer und oft auch Frauen gemeinsam, denn die Beziehung, die sie verbindet, befindet sich an einem kritischen Scheidepunkt: geht es doch hoch gemeinsam weiter oder werden sich die Wege trennen? Die bestehenden Konflikte sind einem als Leser oftmals gut bekannt: Erwartungen, die der Partner nicht erfüllen kann; der Wunsch nach einem Leben, das einfach anders ist als das, in dem man sich gefangen fühlt. Die Figuren sind nicht immer Sympathieträger, ganz im Gegenteil, der Autor straft sie und ihr Verhalten oftmals auch mit feiner Ironie ab. Eine gewisse Neurotik und Selbstbezogenheit kann man kaum übersehen, aber dies macht die Figuren auch verwundbar und an dieser Stelle trifft Ferris sie und er wählt gerade einen der verletzlichsten Momente aus, der in der jeweiligen Geschichte dargestellt wird.

Nicht alle Geschichten konnten mich gleichermaßen überzeugen, mit mancher Konstellation konnte ich mehr anfangen als mit anderes, auch die Figuren sprechen mal mehr an, mal weniger. Insgesamt aber eine kurzweilige Sammlung, die vor allem durch die scharfe Beobachtungsgabe und treffsichere Umsetzung des Autors überzeugt.

Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

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Anneliese Mackintosh – Verdammt perfekt und furchtbar glücklich

Ottila McGregor hat sich viel vorgenommen für 2014, sie will nicht nur vom Alkohol loskommen, sondern glücklich werden, verdammt glücklich. Doch das Leben macht es ihr nicht einfach, zum einen wird ihre Schwester in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie hochgradig selbstmordgefährdet ist und Ottila sich fragt, inwieweit ihr Verhalten dazu geführt hat, dass Mina nicht mehr leben möchte. Zum anderen muss sie feststellen, dass sie eine Affäre mit der Schwester von Thales, ihrer aktuellen Flamme, hatte. Mit Hilfe ihres „Kleinen Buchs vom Glück“, in dem sie ihren Alkoholkonsum und ihre Gedanken notiert, und ihrer Therapeutin will sie alles auf die Reihe bekommen, aber so einfach wie gedacht ist das nicht.

Ottila McGregor erinnert zunächst stark an Bidget Jones, die ihre kleinen Sorgen und Nöte mit ihrem Tagebuch teilt und ebenfalls in einer unglücklichen Affäre mit ihrem Chef feststeckt und viel zu gerne viel zu viel Alkohol konsumiert. Noch stärker jedoch als bei Helen Fieldings Heldin gestaltet Anneliese Mackintosh ihren Debütroman jedoch als Kaleidoskop verschiedenster Textsorten – Tagebucheinträge, E-Mails zwischen Mutter und Tochter, Textnachrichten, Transkripte der Therapiesitzung etc. – aus denen sich erst die Handlung konstruiert. Und auch wenn humorvolle Passagen und urkomische Dialoge vorkommen, dominieren für mich in „Verdammt perfekt und furchtbar glücklich“ doch die ernsthaften Aspekte.

In erster Linie sind es Ottilas schwierige Beziehungen, zum einen mit ihrem Vater bzw. dem nicht verarbeiteten Tod des Vaters. Aber auch zu ihrer psychisch kranken Schwester und der Frage, ob sie etwas für sie hätte tun können oder gar die Situation durch ihr Verhalten verschlimmert hat. Vorwürfe, die sie sich selbst macht und die nur bedingt entkräftet werden können. Auch die Therapieformen, die Mina ausgesetzt wird, werden durchaus kritisch angesprochen, vor allem der Aspekt, dass die Angehörigen zwar informiert werden, aber letztlich doch passiv zuschauen müssen, hat einen etwas faden Beigeschmack. Wie viele Frauen Anfang 30 will Ottila eigentlich nur eine funktionierende Beziehung, die ihr Stabilität und Sicherheit gibt, doch den passenden Partner zu finden scheint ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Art, wie Mackintosh den Leser in Ottilas Leben blicken lässt, gestaltet Roman authentisch und lebendig. Die Protagonistin ist sympathisch, gerade weil sie weit davon entfernt ist, perfekt zu sein und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt. Sie hätte nur gerne ein kleines Stück vom Glück – wer würde ihr das übelnehmen wollen?

Lucy Fricke – Töchter

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Lucy Fricke – Töchter

Martha und Betty sind seit 20 Jahren befreundet, so lange teilen sie bereits Kummer und Leid, aber auch Freude und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Martha Betty bittet sie zu begleiten und den letzten Wunsch ihres Vaters Kurt zu erfüllen: er möchte in die Schweiz fahren, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen. Es beginnt ein bizarrer Road Trip, der die beiden Frauen über Glück und Unglück, über ihre Familien, aber auch ihre eigenen Ziele sinnieren lässt. Die Reise, die mit einem ganz klaren Ziel begannt, verändert ihre Route und auch die Absichten, mit denen die beiden Frauen in Norddeutschland das Auto bestiegen hatten. Plötzlich ist nicht mehr das Ende, sondern ein möglicher Neuanfang das, das sie quer durch Europa führt.

Lucy Fricke gelingt etwas, das in der deutschen Literatur eher ungewöhnlich ist: sie greift gleich mehrere ernsthafte Themen auf, die auch durchaus von den Figuren diskutiert werden, sie lässt diese aber auch Humor haben und das Leben manchmal einfach leicht sehen oder, da sie ohnehin nicht zu beseitigen sind, die Sorgen einfach vergessen trinken. So wie man die ernsthaften Momente nachdenklich verfolgt, kann man sich mit „Töchter“ auch schlichtweg auf sehr hohem Niveau amüsieren.

Ist man zu Beginn noch schockiert und verunsichert, da man nicht weiß, wie die Autorin mit dem Thema Sterbehilfe bzw. geplanter Selbstmord umgehen wird, nimmt sie einem diese Angst recht schnell. Es geht nicht ums Sterben, sondern ums Leben und vor allem die Frage, wie man lebt. Martha und Betty erfüllen beide nicht die Erwartungen ihrer Eltern und nehmen den Druck war, der auf ihrer Generation lastet:

 

„Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. Wir sollten unsere Träume verwirklichen, wir mussten welche haben, das Scheitern wurde uns zugestanden, aber erst nachdem alles, wirklich alles versucht worden war auf dem Weg zum Glück, Psychoanalyse eingeschlossen.“

 

Aber haben die Mütter und Väter die Erwartungen erfüllt? Martha kann die Entscheidungen ihres Vaters nicht nachvollziehen, Betty hingegen hatte nur temporäre Väter, die jeweils aktuellen Partner ihrer Mutter eben, die sie immer wieder auch verlassen haben. Vor allem Ernesto vermisst sie auch nach Jahrzehnten noch, weshalb sie sich auf die abenteuerliche Suche nach ihm begibt. Ist es da ein Wunder, dass beide keine Kinder haben? Ob gewollt oder ungewollt ist dabei fast egal.

Es sind Ironie und Heiterkeit, die über die Nachdenklichkeit hinwegtrösten, aber dafür auch keine Antworten liefern, die muss man als Leser schon selbst finden. Eine Welt, in der einem alles offen steht, in der es keine vorgefertigten Muster mehr gibt, die man einfach kopieren könnte, muss man sich selbst und seine Beziehungen erfinden und gestalten – und mit dem Ergebnis leben.

Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

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Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

Schon seit ihrer Kindheit sind Clementine und Erika befreundet. Doch das, was sie Freundschaft nennen, gleicht mehr einer seltsamen Abhängigkeit, die einst von Clementines Mutter auferlegt wurde: da Erika aus einem armen und schwierigen Elternhaus kam, musste Clementine mit ihr befreundet sein. Erika bewunderte sie und ihre Familie, was durchaus schmeichelhaft war. Doch nun wird ihre Freundschaft vor eine schwere Probe gestellt: erst die Bitte, von Erika und ihrem Mann Oliver völlig unvorbereitet geäußert, und dann die Ereignisse am selben Abend, als sie bei Erikas Nachbarn Vid und Tiffany zum Grillen eingeladen waren und ein dramatisches Ereignis die gelöste Stimmung schlagartig durchbrach.

Liane Moriarty konnte mich vor einigen Jahren mit „Little Lies“ unglaublich faszinieren, der zweiten Roman, den ich von ihr gelesen habe – „The Husband’s Secret“ –, konnte schon nicht mehr an das Debut nicht heranreichen und leider hat mich auch „Truly Madly Guilty“ nicht ganz gewinnen können. Womöglich liegt es daran, dass die Autorin sehr auf ein Erzählschema festgelegt ist, das beim dritten Versuch nicht mehr so überzeugen kann wie beim ersten. Auch in diesem Roman gibt es wieder zwei Erzählzeitpunkte, die eine am Tag des dramatischen, alles verändernden Ereignisses, die zweite danach bzw. auch davor in der Erinnerung daran, wie die Dinge waren, bevor es dazu kam. Alles läuft auf den einen Moment in der Handlung hinaus, der sehnsüchtig erwartet wird.

Hier genau lag für mich bei dem Roman eines der Probleme: das Hinauszögern soll die Spannung steigern, funktioniert auch bis zu einem gewissen Maße, ist dies jedoch ausgereizt, wird es nur noch nervig und man wünscht sich sehnsüchtig, endlich die erlösende Stelle zu erreichen. Es war einfach keine Spannung und gebannte Erwartung mehr da, zu sehr ging mir das künstliche immer wieder Verschieben auf die Nerven. Die Idee, kleine Zwischenhöhenpunkte einzuschieben, war durchaus nicht schlecht, aber so entsteht auch der Eindruck, zu viel in einen Roman gelegt zu haben, was am Ende auch als Fazit bleibt. Ein Drama hätte gereicht, das hätte die Handlung auch gestrafft und so die Spannung besser abgestimmt.

Hinzu kamen die Figuren, von denen leider keine als wirklicher Sympathieträger taugt. Man hatte bisweilen den Eindruck, dass die Autorin ihre Figuren hasst, so sehr werden sie alle immer wieder durch ihre Fehler und Unzulänglichkeiten charakterisiert: Oliver und Erika sind kleinkariert, besserwisserisch und extrem angepasst; ihre Nachbarn Vid und Tiffany das extreme Gegenteil, wobei ihr protziger Reichtum und die Vernachlässigung der Tochter auch keine Pluspunkte bringen; Clementine und ihr Ehemann bestechen durch andauernde Gereiztheit und Streitigkeiten, die nur schwer zu ertragen sind.

So wird die durchaus überzeugende Grundidee zu einer Tour de Force, die sich nur sehr langsam dem Ziel entgegenschleppt.

Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

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Nadja Spiegelman – Was nie geschehen ist

Die Geschichte ihrer Familie, genauer gesagt, die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat Nadja schon immer fasziniert, zu viele weiße Stellen, Ungereimtheiten und unglaubliche Begebenheiten hat sie gehört, weshalb sie als Erwachsene beginnt, nachzufragen, zu forschen und sie aufzuschreiben. Entstanden ist das Bild einer Frau, die nie geliebt wurde, die Außenseiterin in der eigenen Familie war und früh die Flucht ergriffen hat. Doch es gibt auch eine andere Seite, die Geschichte der Großmutter, die ebenfalls unter ihrer eigenen exzentrischen Mutter gelitten hatte. Mehrere Generationen Frauen, die nie ausgesprochen haben, was geschehen war und sich nun in diesem Buch ihrer Vergangenheit stellen.

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Art Spiegelman, der seinerseits für „Maus“ den Pulitzer Prize gewonnen hat, einem Comic, der ebenfalls die Familiengeschichte erzählt. In diesem Kontext ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, dass eine junge Frau eine doch schmerzliche Biographie ihrer Mutter vorlegt, die noch lebt und sich ihrer eigenen Geschichte stellen muss. Dadurch, dass Spiegelman die Lebensgeschichte mit ihrer eigenen verwebt, zeigt sie immer wieder Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf, die auch durch unterschiedliche Länder und Zeiten stabil sind.

Vieles in Spiegelmans Familiengeschichte ist auch für den Leser schmerzlich und man fragt sich, wie Familienmitglieder auf diese Weise miteinander umgehen können. Vor allem das wiederkehrende Motiv der Mütter, ihre Töchter auf ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten zu reduzieren ist augenfällig. Auch die Dichotomie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, wenn es um den Körper geht, fand ich eher seltsam gelöst in der Familie, was auch zu erheblicher Unsicherheit der jungen Frauen führte. Vor allem Françoise leidet unter der Ablehnung und fehlenden Zuneigung ihrer Mutter. Die ältere Schwester wurde immer bevorzugt, was die jüngere durch extreme Leistungen versucht zu kompensieren, um so Aufmerksamkeit zu erringen.

Ein weiterer Aspekt der Erzählung schwebt über dem gesamten Bericht und stellt vieles immer wieder in Frage: wie historisch korrekt sind die Erinnerungen, die die Menschen haben? Haben sich die Ereignisse wirklich so zugetragen oder wird durch die Zeit und die eigene Perspektive das Erlebte verfälscht und fügt sich zu einem stimmigen Bild, das womöglich gar nicht der Realität entspricht? Immer wieder steht Nadja vor diesem Problem: Einzelne Aspekte passen zeitlich und örtlich nicht, das Gesamtbild ist nicht stimmig und Mutter und Großmutter erinnern dasselbe Ereignis gänzlich verschieden. An dieser Stelle stritt Erzählen an Erinnern – dies kann versöhnen und das eigene Leben für die jeweilige Person erträglicher machen.

Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

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Torsten Schulz – Skandinavisches Viertel

Als Junge schon ist er durch das Skandinavische Viertel Berlins gestreift, hat auch diejenigen Straßen mit nordischen Namen versehen, die keinen solchen trugen. Zwischen der elterlichen Wohnung und jener der Großeltern hat er sich das Leben ausgemalt, da sein eigenes trist und ereignislos war. Wie die Leben seiner Eltern, das des Onkels, das der Großeltern. Haben sie überhaupt gelebt? Sie sind irgendwann alle gestorben, aber waren sie davor lebendig? Matthias lässt die Gedanken schweifen, denkt an die Geheimnisse, die es in seiner Familie gab und die meist erst kurz vor dem Tod erstmalig offen ausgesprochen wurden. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass alle von einem anderen Leben geträumt haben, es aber nie leben konnten.

Torsten Schulz nähert sich in seinem Roman vielen Themen. Er beginnt in Ostberlin, unmittelbar an der Mauer, die jedoch unüberwindbar bleibt und nur zum Träumen taugt. Er skizziert die Zeit nach der Wende, als der Lebensraum im Osten rücksichtlos von Spekulanten erworben wird und seine Seele zu verlieren droht. Er spricht über Familien, die mehr Zweckgemeinschaften sind als Lebensgemeinschaften, wo Geheimnisse und Nichtgesagtes herrschen und zwischen den einzelnen Mitgliedern keine Vertrautheit und kein Vertrauen entsteht. Und er schickt den Protagonisten über mehrere Kontinente, wobei dieser doch nur erkennt, dass er flüchtet vor Beziehungen, vor Bindungen, vor Menschen und deren Nähe.

Der Roman zeichnet ein trauriges Bild von enttäuschten und unglücklichen Menschen. Selbst in Momenten der akuten Verliebtheit kommt kein positives Gefühl beim Leser auf. Die Sprachlosigkeit der Figuren, ihre Distanziertheit überträgt sich auch auf den Leser, was es sehr schwer macht, eine Beziehung zur Geschichte aufzubauen. Ich fand viele interessante Aspekte, gerade die Familienkonstellation und ihre Auswirkung auf die Figuren eröffnete unheimliche Spielräume, aber der Roman konnte mich nicht wirklich packen. Zu weit weg blieb der Protagonist. Vielleicht hat ihm der Ausbruch gefehlt, der ihn menschlicher hätte erscheinen lassen. So war er lebendig tot, wie auch der Rest seiner Familie. Einzig die Mutter hatte eine kurze Phase des Aufblühens, die das Schicksal dann jäh zunichtegemacht hat. Eine Seelenreinigung durch offenes Reden erkennen die Figuren auch nicht als probates Mittel der Flucht aus ihrer Schockstarre – zu machtlos fühlen sie sich, um ihrem Leben selbst eine Wendung zu geben.

Die Übertragung des emotionslosen, nüchternen Ertragens des Daseins von den Figuren auf den Leser ist geglückt. Das macht das Buch zu keinem emotionalen Highlight, sondern zu einer schweren Lektüre.