Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

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Bernhard Stäber – Vaters unbekanntes Land

Nach einem schrecklichen Vorfall verlässt der Psychologe Arne Eriksen Berlin, um in der norwegischen Heimat seines Vater Entspannung und Abstand zu finden. Doch kaum ist er angekommen, wird er um Mithilfe in einem Mordfall gebeten: der Sohn des wichtigsten Zeitungsverlegers wurde ermordet aufgefunden. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck, kann jedoch keine nennenswerten Spuren finden. Arne soll sie mit einem Täterprofil unterstützen, doch der Psychologe wird immer wieder durch seine Panikattacken gelähmt. Er muss erst diese überwinden, um wieder klar sehen und die Lösung für den Fall erkennen zu können.

Nachdem ich vor einigen Monaten bereits den dritten Band der Reihe um Arne Eriksen gelesen hatte, der mich mit interessanten Charakteren und spannenden Handlung überzeugen konnte, habe ich mir nun den Auftakt der Serie gegönnt. Leider ist dieser etwas holpriger als Band drei geraten.

Der Kriminalfall, zu dem der Protagonist etwas überraschend kommt, ist vom Ende her gesehen, überzeugend konstruiert, glaubwürdig motiviert und wird sauber gelöst ohne irgendwelche Fragen offen zu lassen. Dass neben der Suche nach einem Mörder hier auch übersinnliche bzw. paranormale Phänomene einen Platz finden, hebt die Reihe ein wenig aus der Masse skandinavischer Krimis ab und ist für mich nachvollziehbar mit der besonderen Umwelt Nordnorwegens durchaus gut vereinbar.

Ärgerlich fand ich jedoch zahlreiche Unstimmigkeiten im Roman. Mal stammt Arnes Vater aus Oslo, dann wiederum aus Bergen. Zu Beginn betont Arne immer wieder, dass er zwar ganz gut Norwegisch verstehen, es aber kaum sprechen kann. Dies hält aber weder ihn noch die Polizei davon ab, ihn an komplexen Ermittlungen, die eine hohe sprachliche Kompetenz gerade von einem Psychologen erfordern, zu beteiligen. Allerdings treten die mangelnden Sprachkenntnisse nach den ersten Seiten nie mehr zu Tage und er kommuniziert reibungslos und ausgesprochen differenziert mit allen Beteiligten. Der Protagonist erscheint als geschätzter Psychologe, verhält sich aber diametral zur guten Praxis seines Berufsstandes – auch ohne ein traumatisierendes Erlebnis wäre Supervision bei seinem Job zwingend erforderlich und würde auch von jedem halbwegs professionellen Psychologen selbstverständlich angenommen. Daneben unsinnige Wortschöpfungen wie „Mitkommilitone“, die einem beim Lesen stolpern lassen. Zwar kann die Handlung überzeugen, diese Nachlässigkeiten sind jedoch schon ein Ärgernis.

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

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Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

Eine Frau wird zum Werwolf, zerreißt ihren Mann und hinterlässt die beiden Zwilligskinder sich selbst. Iselin bleibt in Norwegen, versucht das, was ihre Eltern ihr mitgegeben haben, zu vergessen und wird Mitglied einer lokalen Terrorzelle, die jedoch lange Zeit wenig erfolgreich ist. Erst als Moira zu ihr stößt, wird es gefährlich. Die beiden Frauen treffen sich nicht zufällig, Moira hat dies geplant, denn sie kennt Iselins Familiengeschichte und fühlt eine Seelenverwandtschaft. Der Bruder Edvard hingegen verschwindet in den Schutz der sozialistischen Sowjetunion, wo er sich mit seinem Freund und Geliebten auf die Reise ins entfernte Afghanistan begeben will. Dazwischen liegen unzählige Ereignisse und Daten und Fakten, die einem den Kopf über diese abstruse Geschichte verlieren lassen.

Jakob Noltes Roman hat mein Interesse durch die Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2017 geweckt. Schon die Kurzbeschreibung hatte mich eher abgeschreckt, das Cover machte mich ratlos. Aber nun gut, man soll ja seine Vorurteile nicht pflegen, sondern hinterfragen und so habe ich das Buch dennoch aufgeschlagen.

Diesen Roman zu fassen, ist nicht einfach. Wir haben die Geschichte – oder eher Geschichten – der beiden Geschwister. Sowie ein paar Vorinformationen der Eltern, die ganz und gar nicht irrelevant sind, aber eher Randnotizen bleiben. Dann wird Moiras Geschichte eingeschoben, die nicht minder interessant, nein eigentlich sogar wie ich finde, die spannendere Geschichte ist. Dazwischen verliert sich der Autor völlig in seinem Roman. Einzelne Begriffe scheinen ihn abzulenken und reißen einem aus der Handlung raus, um pseudowissenschaftliche Fakten zu referieren. Die wechselt sich mit den historischen Realitäten der Gewaltvollen 70er Jahre ab.

Es ist vor allem die Darstellung von Gewalt, die so nebenbei geschieht und doch brutal deutlich präsentiert wird, die einem verstört:

[als] „später als Licht den Mond erreichte, und dieser Mond, der nicht wirklich ein Planet ist und nicht wirklich ein Stern, sondern ein Mond, voll erleuchtet am Himmel stand, erblickte ihn die Mutter von Iselin und Edvard Honik, war erfasst von seiner Sanftmut, verwandelte sich in ein wölfisches Wesen, biss ihrem Gatten den Nacken durch, zerfleischte Teile seines Oberkörpers und schlief wieder ein.“

Auch Moira alias Sofia wird gewalttätig, aber sie ist nicht vor sich selbst erschrocken, sondern fasziniert von den Auswüchsen der menschlichen Seele. Sie fühlt sich bewohnt von einem Tier, das sie leitet und ihr Befehle erteilt. Diese Aufspaltung ermöglicht ihren blitzgescheiten Verstand, sich von ihrer dunklen Seite zu trennen und auch keine Schuld zu empfinden.

Die Kinder hingegen haben Angst, dem selben Schicksal wie die Eltern zu erliegen und flüchten sich daher in ihre eigenen Welten, die sie sich schaffen:

„Um sich nicht eines Nachts in ein Unheil und Schrecken verbreitendes Ungetüm zu verwandeln, versuchte er, so wenig wie möglich zu empfinden. Er dachte, dass das Eindämmen seiner Gefühle ein Überborden derselben praktisch unmöglich machen würde. Denn das, glaubte er, war die Tierwerdung seiner Mutter — ein bis in die Absurdität oder Absolutheit des Extremen übertriebenes Überborden von Gefühlen.“

Viele Formulierungen sind pointiert, exakt treffen sie in Schwarze und lassen einem erstaunen ob der Sprachgewalt des Autors. Auch die Konstruktion, ausgesprochen eigenwillig und daher eher gewöhnungsbedürftig, schließt sich am Ende und ist durchaus gelungen. Ein Roman wie eine Collage, vieles kennt man aus anderen Zusammenhängen, es wird von Nolte neu arrangiert. Fast surreal treffen die Versatzstücke aufeinander und ergeben so etwas Neues, das für sich steht und vom Leser über die Bausteine entschlüsselt werden muss.