Andrew David MacDonald – Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz


Andrew David MacDonald – Jeder Tag ist eine Schlacht, mein Herz

Zelda ist anders als andere junge Frauen. Sie interessiert sich nicht für ihr Aussehen oder Instagram Profile, sondern für Wikinger. Sie weiß alles über die längst versunkene Kultur und transformiert ihren Alltag nach den Gesetzen der Nordmänner. So gibt es klare Regeln in der Wohnung von Zelda und ihrem Bruder Gert und die Sippe steht immer an oberster Stelle. Gert würde alles für seine kleine Schwester tun, er weiß auch, dass er der einzige ist, der sie nach dem Tod der Eltern vor der bösen Welt draußen beschützen kann, alleine kann sie das nämlich nicht. Mit einem festen Netz an Unterstützern gelingt das meist auch – bis es Komplikationen gibt.

In seinem Debütroman hat Andrew David MacDonald ein außergewöhnliches Thema zum zentralen Aspekt der Handlung gemacht. Die Protagonistin Zelda leidet an einer ausgeprägten Form des fetalen Alkoholsyndroms und hat daher eine Entwicklung als gesunde Menschen genommen. Sie ist sich dessen bewusst, dass ihr Leben anders ist als jenes von Gleichaltrigen, aber sie ist nicht alleine, sondern hat Freunde in ähnlichen Situationen und mit ihrem Bruder auch jemanden, der für sie durchs Feuer gehen würde.

Diversität in der Literatur ist schon lange ein drängendes Thema und es ist ohne Frage eine begrüßenswerte Entwicklung, dass zunehmend Figuren geschaffen werden, die sich gesellschaftlich eher am Rand oder sogar von diesem verdrängt finden. Autismus-Spektrumsstörungen sind ja inzwischen gar nicht mehr so selten, auch psychische Erkrankungen wie Depressionen findet man recht häufig, das fetale Alkoholsyndrom erscheint mir jedoch ein echtes Novum. Dass der Autor seine Protagonistin zur Erzählerin macht, unterstreicht, dass er nicht über Menschen mit FAS schreiben möchte, sondern ihnen eine Stimme verleiht. Ob er ihr und anderen Betroffenen jedoch damit einen Gefallen tut, möchte ich mit einem großen Fragezeichen versehen.

Das Lesen war bisweilen ein Kraftakt, Zeldas Perspektive und Ausdrucksweise ist herausfordernd, um es positiv zu beschreiben. Ihre naive eingeschränkte Sichtweise und die extreme Fokussierung auf Wikinger sind womöglich recht realistisch dargestellt, was auch durchaus einen Blick in ihre Welt erlaubt. Auch ihr Vorhaben mit ihrem Freund das erste Mal zu begehen hat durchaus amüsante Seiten, die kritischen Fragen werden dabei jedoch ganz dezent nur leicht gestreift, um nicht wirklich zu problematisieren. Sie gerät dann doch noch in eine gefährliche Situation, aus der sie jedoch unbeschadet herauskommt und am Ende ist vieles Friede, Freude, Eierkuchen, weil sie einen Job hat und in ihrer eigenen Wohnung lebt.

Welcher Eindruck bleibt also? Ein liebenswertes Mädchen, dem dann doch alles gelingt, was es möchte. Leider stellt sich die Realität oftmals ganz anders dar und genau jene unterstützenden Strukturen, die Zelda retten, sind bei den FAS Betroffenen genau nicht vorhanden. Jede Ausprägung ist individuell, aber große Lesebegeisterung und Aneignung von neuem Wissen gehört nicht so wirklich typisch zu dem Syndrom. Wie bei vielen Retardierungen, die sich auf die Kognition auswirken, sind die Menschen hochgradig gefährdet und statistisch signifikant häufiger Opfer von Gewalt. Ob es da hilft, ein rosarotes Bild zu malen und vor allem auch die Alltagsschwierigkeiten so herunterzuspielen?

Das Urteil fällt daher gemischt aus: ein wichtiges Thema, durchaus oft auch amüsant zu lesen ist, aber die kritische Frage, ob hier nicht ein ziemliches beschönigtes Bild gezeichnet wird, das im schlimmsten Fall einen völlig falschen Eindruck der Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft vermittelt, muss auch gestellt werden.  

Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Raffaella Romagnolo – Dieses ganze Leben

Paola Di Giorgi ist ein typischer Teenager, sie findet sich hässlich, übergewichtig und mit einem Pferdegesicht. Mit ihrer Mutter liegt sie im Dauerclinch und mit den Mädchen aus der Schule kann sie auch nichts anfangen, weshalb sie einfach aufhört, mit ihnen zu reden. Nur ihr jüngerer Bruder, Riccardo genannt Richi, versteht sie, dabei versteht er eigentlich nicht so viel mit seiner Behinderung. Bei ihren täglichen Spaziergängen gehen sie auf die Suche nach dem wahren Leben, das sie in ihrer Villa nicht finden. So landen sie auch in der Margeriten-Siedlung, die Costa Costruzioni, die Firma ihrer Eltern, gebaut hat. Dort machen sie mit den Brüdern Antonio und Filippo nicht nur neue Bekanntschaften, sondern entdecken auch ungeahnte Geheimnisse ihrer Familie.

Raffaella Romagnolo hat einen coming-of-age Roman über ein wütendes Mädchen verfasst und greift dabei eine ganze Reihe für Jugendliche essentielle Themen auf: Schönheitsideale, Akzeptanz von sich selbst, Anderssein, Erwartungen der Eltern, aber auch gesellschaftlich relevante Fragen wie der Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Paola ist nicht immer einfach auszuhalten, zugleich tut einem das Mädchen aber auch leid, unverstanden und unsicher wie sie ist.

Lakonisch und idiosynkratisch – so das Urteil eines Psychologen, zu welchem Mutter Di Giorgi ihre Tochter wegen ihres selbstgewählten Mutismus zwingt. Zwischen den Generationen herrscht Schweigen, zu verstockt sind beide Seiten, was der Teenager jedoch nicht sehen kann, ist, dass auch die Mutter Sorgen mit sich trägt, die auch durch ein wohlhabendes Leben in Villa und scheinbar ohne beruflichen Stress nicht verschwinden, sondern schon seit Jahrzehnten belasten.

Richi ist nicht der Junge, den die Eltern sich gewünscht hatten, mit seiner Behinderung erfüllt er nicht die Erwartungen. In Filippo findet er unerwartet einen Freund, der in ihm schlicht den Jungen sieht, der er ist und ihn nicht über Äußerlichkeiten definiert. Die Eltern, insbesondere die Mutter, erscheinen grausam in ihrer Haltung, Paolas Unverständnis ist mehr als nachvollziehbar. Im Laufe der Handlung entwickelt sich jedoch ein differenzierteres Bild, denn so simples wie es zunächst scheint ist die Lage nicht.

Ein ganzes Leben – wann ist es vollständig, wann ist es wertvoll, wie geht man mit dem um, was einem in die Wiege gelegt wurde und mit der Familie, in die man hineingeboren worden ist? Ein Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über die Fähigkeit Empathie zu zeigen und über den eigenen Schatten zu springen. Nicht immer leicht zu lesen, aber man entwickelt immer mehr Sympathien für das wütende Mädchen, das lange Zeit nicht aus seiner Haut kann und eigentlich doch nur ein wenig Zuneigung bräuchte.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autorin finden sich auf der Verlagsseite.

Monika Held – Sommerkind

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Monika Held – Sommerkind

Nur ein paar Minuten Ruhe vor seiner Schwester und schon nimmt sein ganzes Leben eine andere Wendung. Weil er nicht auf das Mädchen aufgepasst hat, ist sie nun im Wachkoma. Die Familie zerstört, sein eigenes Leben sinnlos. Kolja versucht zu verstehen, was in Malu vor sich geht, genau wie auch Max, dessen Cousin ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Aus der Zufallsbekanntschaft wird Freundschaft, doch Koljas Suche nach dem Sinn im Dasein wird diese überschatten. Dreißig Jahre später begibt sich eine Frau auf die Suche nach ihren Erinnerungen, sie hatte einst das Mädchen aus dem Wasser gezogen, noch an eine wundersame Rettung geglaubt, doch dann reißt ihr innerer Film ab. Eine Suche nach Sinn und eine Suche nach dem, was wirklich war.

Monika Helds Roman hat kein leichtes Thema im Zentrum der Geschichte. Die Frage nach dem Umgang mit Schuld, nicht zugeschriebener, aber empfundener Schuld.  Mit Leid, das das Leben zerstört und Menschen kalt werden lässt. Mit dem Schicksal, das unbarmherzig zuschlägt und die Menschen ratlos zurücklässt. Wie geht man damit um? Der Vater verzweifelt, sucht sich ein neues Leben. Die Mutter fügt sich dem Schicksal und findet in anderen die Schuldigen, auf die sie ihren Hass richten kann.

Für mich die stärkste Passage der Umgang des jugendlichen Kolja mit dem Zustand seiner Schwester und den anderen Patienten der Klinik. Von der Außenwelt abgeschnitten leben sie in ihrer eigenen Welt, die niemandem Zugang gewährt. Kolja lebt vermeintlich in der Außenwelt, doch seine Eltern haben zwischen sich und ihm eine unüberwindbare Mauer errichtet und zunehmend ist auch ehr emotional isoliert. Er versucht den Zustand der Kinder nicht nur zu verstehen, sondern nachzuahmen – bis zum letzten Schritt. Die Extreme der Gefühle, vor allem der Schuld, und die Versuche des Freundes ihn nicht auch in eine Parallelwelt abdriften zu lassen – nicht oft gelingt es Autorin dies weder klischeehaft noch zu gefühlsduselig oder gar rührselig zu beschreiben.

Der Schreibstil ist es, der für mich den Roman zu einem echten Highlight werden lässt. Er spiegelt überzeugend die genaue Beobachtung Koljas und die Sensibilität für das Ungesagt, das nur minimal Wahrnehmbare wieder. Die Naturmetaphern, keine von ihnen abgedroschen, beschreiben die menschlichen Beziehungen, sie zeigen das Ausgeliefertsein der Naturgewalten gegenüber, gegenüber den Dingen, die der Mensch nicht verhindern und nicht beeinflussen kann.

Ein Roman, der die Balance zwischen tieftraurig und doch glücklich findet.