Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

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Wiebke Lorenz – Einer wird sterben

Wieder einmal ist Stella allein zu Hause, aber das ist der Preis, den sie als Gattin eines Piloten zahlen muss. Dafür hat sie es in der Villa in der ruhigen Wohngegend schön eingerichtet. Doch dann geschehen Dinge, die sie verunsichern. Erst fährt ein Wagen vor und parkt in der Straße, zwei Personen sitzen drin und bewegen weder sich noch das Auto. Dann streiken im Haus verschiedene Geräte, bis sie nachts an der Mülltonne überfallen wird und offene Drohungen erhält. Hat es etwas mit dem unheilvollen Datum zu tun? Jahre zuvor war die Sommersonnenwende der einschneidende Markstein in ihrem und Pauls Leben: bei einem Unfall wurden sie schwer und Pauls Exfrau tödlich verletzt. Paul saß am Steuer, hätte mit diesem Bekenntnis aber seine Karriere riskiert, weshalb Stella die Schuld auf sich nahm. Kann jemand davon wissen und bedroht sie nun nach all den Jahren? Und gerade jetzt ist Paul nicht nur nicht da, sondern auch kaum erreichbar und wenn sie ihn am Telefon hat, scheint er den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Doch die Bedrohung ist real.

Der Plot hat alles, was ein Psychothriller braucht: lange verborgene Geheimnisse, die auch nach zig Jahren noch lauern und nur darauf warten, endlich ihr brisantes Potenzial zu entfalten; Zeichen, die vielfältig deutbar sind und durch die Unklarheit nur zu noch mehr Verunsicherung führen; eine Frau, die sich alleine in einer Villa befindet und dem Schicksal ausgeliefert ist. Doch leider führen diese Zutaten nicht zu einem spannenden Thrill, der beim Leser eine Gänsehaut auslöst; im Gegenteil, die Handlung schleppt sich so dahin und die Protagonistin wird einem von Kapitel zu Kapitel unsympathischer, so dass man ihr fast ein böses Ende wünscht.

Stella ist leider genau die Art von Figur, die ich nur schwer ertragen kann: das hilflose Dummchen, das alleine kaum überlebensfähig ist. Wie diese Figur jemals als Lehrerin gearbeitet haben soll, ist mir schleierhaft. Sie ist kaum zu einfachsten Tätigkeiten in der Lage, weshalb sie auch nur für den Besuch des Yoga Kurses zuständig ist und ansonsten offenbar untätig in der Villa rumliegt, Putzen übernimmt glücklicherweise eine Haushälterin. Unsozial wie sie zudem ist, pflegt sie auch keine Kontakte zu anderen Menschen, schon gar nicht zur Nachbarschaft. Hierzu wird sie nun aber gezwungen, weil eine aufwändige und völlig überzogene Nebenhandlung diese unmittelbar involviert und so weitere unglaubwürdige und nervige Figuren in die Handlung einbringt. Dies führt weder zu Spannungsaufbau, noch zur reizvollen Nebenhöhenpunkten, sondern wirkt konstruiert und hölzern.

Die Auflösung hat dann zwar nochmals eine vermeintliche Wendung gebracht, die jedoch so vorhersehbar war, dass man im letzten Viertel des Romans nur noch sehnsüchtig darauf gewartet hat, dass alles möglichst bald zu Ende ist. Spannende Unterhaltung geht anders.

Christian von Ditfurth – Ultimatum

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Christian von Ditfurth – Ultimatum

Der Ehemann der Kanzlerin wird in Berlin entführt. Die Forderung der Geiselnehmer: erst die Freilassung des Verbrechers Bob Wedenstein, dann die Entlassung des Innenministers, als letztes den südlichen Euroländern die Schulden erlassen – die Forderungen werden immer drastischer, mit der Hand des First Husband untermauern sie ihre Ernsthaftigkeit. Die Regierung und die Ermittlungsbehörden stehen unter Druck, da interessiert sie der verdächtige Tod der russischen Kulturattachée nur mäßig. Als sich in Paris ein paralleles Szenario anbahnt, ist klar, dass der Angriff größer ist und sich nicht nur gegen die Kanzlerin und Deutschland richtet. Einzig Kommissar Eugen de Bodt, dem es gelingt den Gatten der Kanzlerin zu befreien, scheint einen klaren Kopf zu bewahren und die Absicht der Terroristen zu durchschauen. Aber auch er ahnt noch nicht, was sie sich tatsächlich ausgedacht haben.

Das Szenario klang vielversprechend, eine Gruppe von schlagstarken und entschlossenen Terroristen versetzt Deutschland und Frankreich in Angst und Schrecken. Die Methoden tragen unverkennbare Parallelen zum Agieren der RAF und es scheint kaum ein Mittel zu geben, um sie aufzuhalten. Glücklicherweise jedoch verfügt Kommissar de Bodt über die Gabe, sich in die Gedankenwelt der Verbrecher zu versetzen und so deren Vorgehen und Pläne zu antizipieren – dies macht ihn, neben seiner Leidenschaft für philosophische Sprüche, bei seinen Vorgesetzten nicht unbedingt beliebter.

Der vielversprechende Ansatz stolpert jedoch für mein Empfinden gleich über mehrere Schwächen. Die überzeugende Grundidee gerät insgesamt zu groß, zu sehr aufgeblasen, um glaubwürdig zu sein. Irgendwann verzettelt sich das Szenario und hat mich dann leider auch verloren. Auch wenn de Bodt mit seinem Team arbeitet, bleibt er doch der alleinige Held, von dem alles abhängt. Superhelden passen gut in das Marvel Universum, für realistische Geschichten sind sie meist zu wenig menschlich und können mich nicht wirklich für sich gewinnen – zugegebenermaßen haben mich seine Sprüche auch mehr genervt, als dass ich ihnen etwas abgewinnen hätte können. Ähnlich wie die Handlung war auch die Erzählweise ziemlich aufgebläht; immer wieder endlose Dialoge, die letztlich die Geschichte selten vorangebracht haben und stattdessen eher noch die Spannung haben abflachen lassen, so waren sie für einen rasanten Thriller eher hinderlich als bereichernd.

Fazit: leider große Enttäuschung, da die hohen Erwartungen so gar nicht erfüllt wurden.

Melanie Raabe – Der Schatten

Der Schatten von Melanie Raabe
Melanie Raabe – Der Schatten

Nach der Trennung von ihrem Freund sucht sich Norah nicht nur eine neue Wohnung, sondern nimmt auch ein Jobangebot in Wien, weit entfernt von Berlin, an. An einem ihrer ersten Tage begegnet der Journalistin eine Bettlerin, die ihr prophezeit, am 11. Februar einen Mann namens Arthur Grimm töten zu werden. Dies an sich wäre schon verstörend genug, aber der 11.2. ist zudem just der Tag, an dem ihre beste Freundin Valerie Selbstmord begangen hatte. Norah ist bestürzt und als in ihrer neuen Wohnung ominöse Dinge vor sich gehen – Gegenstände verschwinden, dafür tauchen andere auf – und sie sich zudem von Arthur Grimm, den sie zwischenzeitlich ausfindig gemacht hat, latent bedroht fühlt, kommt sie mehr und mehr zu der Überzeugung, dass die Bettlerin nicht gesponnen hat, sondern etwas Wahres an der Geschichte sein muss. Der Countdown läuft und das Datum nähert sich unheilvoll – würde sie wirklich einen Mord begehen können? Aber warum?

Melanie Raabes dritter Thriller spielt einmal mehr mit Wahrheit und Fiktion und vermischt geschickt Wirklichkeit und Einbildung. Was deuten wir nur in einer bestimmten Weise, weil wir regelrecht darauf konditioniert sind, alles in ein passendes Schema zu packen, und was ist eigentlich in der Realität ganz als wir es uns erklären? Ihre Protagonistin Norah läuft genau in diese Falle und wir als Leser rennen ihr hinterher.

Die Spannung des Romans wird vor allem durch zwei Aspekte befeuert: zum einen ist offenkundig, dass jemand Norah bedroht, jedoch bleibt bis zum Ende im Dunkeln, woher diese Bedrohung kommt und welche Motivation die Person hierfür hat. Auch zu welchen drastischen Taten sie bereit sein wird, ist nicht klar; sind die Unfälle wirklich nur Unglücke oder steckt doch mehr dahinter? Der zweite Faktor ist die Zeit. Die Handlung spielt innerhalb weniger Tage und läuft zielgerichtet auf das unheilvolle Datum zu. Man weiß, dass etwas geschehen wird, nur was genau bleibt unklar.

Die Lösung des Falls kam für mich mit einiger Überraschung, war jedoch nachvollziehbar motiviert und konstruiert. Insgesamt eine stimmige Geschichte, die zahlreiche Gedankenspiele zulässt, wie sich alles in ein stimmiges Bild fügen könnte und es schafft, lange mit der tatsächlichen Auflösung zu warten. Vermutlich wäre ich noch einen Tacken mehr gepackt gewesen, wäre die Protagonistin mir sympathischer gewesen, leider fand ich sie von Beginn an ziemlich überheblich und egoistisch, was mein Mitgefühl mit ihrer Lage nicht allzu groß werden ließ. Melanie Raabe gelingt eine deutliche Steigerung zum Vorgänger und lässt die Erwartungen an weitere Roman steigen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Titel und Autorin finden sich auf der Seite der Verlagsgruppe Random House.

Jan Weiler – Eingeschlossene Gesellschaft

Eingeschlossene Gesellschaft von Jan Weiler
Jan Weiler – Eingeschlossene Gesellschaft

Freitagnachmittag nach Unterrichtsende, nur noch wenige Lehrkräfte sind in der Schule und eigentlich auch schon auf dem Weg ins Wochenende, als es an der Tür des Lehrerzimmers des städtischen Gymnasiums klopft. Ein Vater bittet Klaus Engelhardt, einen strengen Pauker, um ein Gespräch, denn sein Sohn wird die Zulassung zum Abitur nicht bekommen, wenn er nicht von just diesem Lehrer einen Punkt mehr bekommt. Der Vater lässt sich nicht abwimmeln und als er merkt, dass die Kooperationsbereitschaft der Pädagogen recht überschaubar ist, greift er zu einer Waffe, um so seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Unter dem Druck der Situation zeigen plötzlich alle ihr anderes Gesicht, das sie normalerweise hinter der professionellen Fassade verstecken.

Nachdem ich das Hörspiel zu Jan Weilers Pubertier nur mäßig lustig fand und entnervt mittendrin ausgeschaltet habe, war ich etwas skeptisch. Dies war jedoch bei der Eingeschlossenen Gesellschaft völlig unbegründet. Das Hörspiel überzeugt durch boshaften Witz, herrliche Dialoge und einer ins Schwarze treffenden Anklage der vorgeblich besseren Gutmenschen.

Die Figuren, die zunächst als unscharfe Charaktere nur durch ihren Beruf als Lehrer gekennzeichnet sind, entwickeln sich im Laufe der Handlung zu fein ausgearbeiteten Individuen, die allesamt nicht nur überraschen können, sondern eine riesige Bandbreite von gesellschaftlichen und persönlichen Verfehlungen aufbieten können, die einerseits erschreckt, bei genauerem Hinsehen aber eigentlich nur glaubwürdig und lebensnah wirkt. Jeder einzelne muss sich dem Urteil der kleinen Gemeinschaft stellen und aus der vorher noch herrschenden Solidarität wird schnell purer Egoismus, jeder will seine eigene Haut retten und zeigt schnell mit dem Finger auf die anderen.