Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

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Elizabeth Harrower – Die Träume der anderen

Als der Vater von Laura und Clare unerwartet stirbt, steht die Mutter mit den beiden Mädchen alleine da. Sie konnte noch nie viel mit ihnen anfangen und beabsichtigt auch jetzt nicht, sich um sie zu kümmern. Laura, die Ältere, soll auf eine Hauswirtschaftsschule, der Traum vom Medizinstudium oder als Opernsängerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, soll sie halt aufgeben. Die Jüngere hat noch keine Träume und als sie in das Alter kommt, welche zu entwickeln, wird auch ihr die Entscheidung abgenommen. Die Mutter beschließt Australien trotz des wütenden 2. Weltkrieges gen England zu verlassen und da Lauras Chef ohnehin noch Bedarf an einer Gattin hat, kann er das Mädchen ja heiraten und sich auch gleich um Clare kümmern. So kommen die beiden aufgeweckten und neugierigen Frauen von einem Haushalt, in dem sie von jung an auf sich alleine gestellt waren in die Fänge eines kontrollsüchtigen und jähzornigen Eigenbrötlers.

Elizabeth Harrower wurde 1928 in Sydney geboren und hat bis Ende der 1960er vier Romane verfasst, von denen jedoch bislang nur einer in deutscher Sprache verfügbar war. „Die Träume der anderen“ ist die zweite Übersetzung, die mehr als 50 Jahre nach der Veröffentlichung entstand. Bemerkenswert – und auch erschreckend – daran ist, dass die Autorin den Zeitgeist damals ebenso wie heute eingefangen hat und das Buch quasi keinerlei Aktualität eingebüßt hat.

„‘Aber gibt es nicht irgendetwas, was du gern sein möchtest?‘ Das Mädchen betrachtete sie. Laura zwang sie unglücklich zu sein. Aber das wollte sie nicht sein. Und wenn doch, dann in ihrem eigenen Tempo und aus ihren eigenen gründen.“

Die Schwestern und ihre Träume bilden den Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Interessanterweise beginnt das Buch mit der Präsentation einer recht unabhängigen Frau. Die Mutter der beiden ist hochgradig selbstbestimmt, dies geht sogar so weit, dass sie die Mutterrolle einfach ablegt und sich nicht verantwortlich erklärt. Sie verlässt ihre Töchter, um ihren eigenen Ideen nachzujagen und taucht auch später nicht mehr auf. Die vermeintlichen Freiheiten der Töchter werden jedoch durch die finanzielle Situation massiv eingeschränkt und so müssen sie sich dem Schicksal letztlich fügen.

Musste Laura früh schon die Last für ihre kleine Schwester mittragen nachdem die Eltern ausgefallen waren, drängt sie ihrerseits die Jüngere nun in die Zwangsgemeinschaft und fordert von ihr, das Leid im neuen Haushalt des Chefs mitzutragen. Es ist weniger Böswilligkeit aus dem Gedanken, dass die anderen nicht haben soll, was sie nicht bekommen konnte, als das Wissen, alleine das Leben an der Seite von Felix Shaw nicht ertragen zu können. Doch Clare kann und will sich nicht einfach einfügen und beginnt ihre Rebellion.

Der Roman leidet für meinen Geschmack unter etlichen Längen und dreht sich wiederholt im Kreis. So mühsam das Lesen an diesen Stellen wird, so beschwerlich gestaltet sich auch das Leben der Mädchen. In dieser Hinsicht ist die Passung sehr gut, überzeugt mich jedoch nicht wirklich. Auch fand ich es etwas schade, wie die Figur von Laura, die mir im ersten Teil sehr gut gefallen hat, so viel an Persönlichkeit verliert und immer mehr zur Puppe verkommt, die von Schwester und Ehemann nur noch benutzt und hin und her geschubst wird. Sicherlich war Emanzipation und völlige Entscheidungsfreiheit 1966 für junge Frauen eher im Bereich der Utopie angesiedelt, aber wäre es nicht gerade da wünschenswert gewesen, wenn die Literatur Ideen geliefert hätte und Modelle zur Orientierung hätte bieten können? Ein toller Anfang, den jedoch dann der Mut verlässt und mich am Ende etwas unglücklich mit der Geschichte zurücklässt.

Jane Harper – Lost Man

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Jane Harper – Lost Man

Since they have not heard from their brother Cameron who was due to meet them, Nathan and Bub set out for the remote border of their land in the Australian outback. They find Cameron dead, obviously from dehydration and close to the grave of the legendary stockman. His car about 9 miles away. The whole scene doesn’t make sense to them, yet, there must be a reason. When they return home, the news is greeted with silence, nobody really seems to be too sad, but nobody wants to tell Nathan what had happened the weeks before, obviously, there was something that had troubled Cameron. The deeper Nathan digs, the more secrets he uncovers that had been buried for a long time.

I have read novels from Jane Harper before and had certain expectations. “The Lost Man” however, did not make it easy for me. I expected some crime novel with a lot of suspense, but it took more than two thirds into the novel until I finally found it interesting and at least a bit exciting.

What made it most difficult was the fact that I hated all the characters. None of them was sympathetic and I was always fighting internally whom to hate most. We mainly meet elderly men, frustrated, eaten away by hatred and therefore harassing the people around them. It was just awful to follow them when they recklessly and egoistically do their own thing. More than once was I close to giving up because I didn’t see any progress in the plot and hardly could stand the characters’ lamentations.

Looking at it from the end, there is a clever crime plot that I could really appreciate, but it is a very long and hard way to get there. The novel certainly transports the hardship of farmers in the far away outback.

Liane Moriarty – Nine Perfect Strangers

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Liane Moriarty – Nine Perfect Strangers

Tranquillum House, ein Gesundheits- und Wellness Resort in der australischen Pampa, verspricht die völlige Transformation. Genau das, was Frances Welty jetzt braucht. Gerade hat ihr Verlag ihr aktuelles Buch abgelehnt und auch ansonsten läuft es nicht so gut. Zehn Tage ohne Handy, Internet und nur auf ihr Wohlbefinden ausgerichtet, scheinen perfekt. Auch die anderen Gäste haben Erholung nötig: der Lehrer Napoleon, der mit seiner Frau Heather und der Tochter Zoe den Tod des Sohnes verarbeiten will; Carmel, die mit vier Töchter plötzlich alleingelassen dasteht; der Scheidungsanwalt Lars, der nicht weiß, ob er mit seinem Partner wirklich ein Kind will und grundsätzlich nur Frauen vertritt; Ben und Jessica, die schon nach kurzer Ehe vor einem Scherbenhaufen stehen und Tony, ex Football Star, der seinem Hund nachtrauert. Sie alle begeben sich in die heilenden Hände von Masha und ihrem Team, auf der Suche nach der ultimativen Heilung. Doch der Trip wird zum bösen Erwachen führen.

Nachdem mich das letzte Buch von Liane Moriarty – „Truly, Madly, Guilty“ – nur mäßig begeistern konnte, hat sie nun mit „Nine Perfect Strangers“ wieder genau meinen Nerv getroffen. Nicht nur, weil sie bösartige Charaktere geschaffen hat, denen man mit größter Freude zusieht, sondern auch, weil sie perfekte Spannung aufbaut durch Andeutungen („NIEMAND verlässt uns vorzeitig…“), die die Vorfreude auf die Handlung nur steigen lassen.

Das Setting ist perfekt gewählt: fernab der Welt, ohne Zugang zu Telefon und Internet und mit lauter Figuren, die alle ihre Geschichte mitbringen, von der die anderen nichts ahnen und die sich erst nach und nach einander offenbaren. Dass die Chefin des Resorts völlig gestört ist, merkt man recht schnell und dass die Transformation ihrer Gäste sicherlich aus dem Ruder läuft, ist auch absehbar. Natürlich ist vieles völlig überzogen – die Gesundheitssmoothies, die Noble Silence während der jede Form von Gespräch verboten ist – wobei man sich durchaus vorstellen kann, dass es so etwas in der Realität auch gibt.

Beste Unterhaltung durch eine virtuose Verbindung von Spannung und ironischem Humor, genau das, was ich bei Liane Moriarty schätzen gelernt habe.

Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

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Liane Moriarty – Truly Madly Guilty

Schon seit ihrer Kindheit sind Clementine und Erika befreundet. Doch das, was sie Freundschaft nennen, gleicht mehr einer seltsamen Abhängigkeit, die einst von Clementines Mutter auferlegt wurde: da Erika aus einem armen und schwierigen Elternhaus kam, musste Clementine mit ihr befreundet sein. Erika bewunderte sie und ihre Familie, was durchaus schmeichelhaft war. Doch nun wird ihre Freundschaft vor eine schwere Probe gestellt: erst die Bitte, von Erika und ihrem Mann Oliver völlig unvorbereitet geäußert, und dann die Ereignisse am selben Abend, als sie bei Erikas Nachbarn Vid und Tiffany zum Grillen eingeladen waren und ein dramatisches Ereignis die gelöste Stimmung schlagartig durchbrach.

Liane Moriarty konnte mich vor einigen Jahren mit „Little Lies“ unglaublich faszinieren, der zweiten Roman, den ich von ihr gelesen habe – „The Husband’s Secret“ –, konnte schon nicht mehr an das Debut nicht heranreichen und leider hat mich auch „Truly Madly Guilty“ nicht ganz gewinnen können. Womöglich liegt es daran, dass die Autorin sehr auf ein Erzählschema festgelegt ist, das beim dritten Versuch nicht mehr so überzeugen kann wie beim ersten. Auch in diesem Roman gibt es wieder zwei Erzählzeitpunkte, die eine am Tag des dramatischen, alles verändernden Ereignisses, die zweite danach bzw. auch davor in der Erinnerung daran, wie die Dinge waren, bevor es dazu kam. Alles läuft auf den einen Moment in der Handlung hinaus, der sehnsüchtig erwartet wird.

Hier genau lag für mich bei dem Roman eines der Probleme: das Hinauszögern soll die Spannung steigern, funktioniert auch bis zu einem gewissen Maße, ist dies jedoch ausgereizt, wird es nur noch nervig und man wünscht sich sehnsüchtig, endlich die erlösende Stelle zu erreichen. Es war einfach keine Spannung und gebannte Erwartung mehr da, zu sehr ging mir das künstliche immer wieder Verschieben auf die Nerven. Die Idee, kleine Zwischenhöhenpunkte einzuschieben, war durchaus nicht schlecht, aber so entsteht auch der Eindruck, zu viel in einen Roman gelegt zu haben, was am Ende auch als Fazit bleibt. Ein Drama hätte gereicht, das hätte die Handlung auch gestrafft und so die Spannung besser abgestimmt.

Hinzu kamen die Figuren, von denen leider keine als wirklicher Sympathieträger taugt. Man hatte bisweilen den Eindruck, dass die Autorin ihre Figuren hasst, so sehr werden sie alle immer wieder durch ihre Fehler und Unzulänglichkeiten charakterisiert: Oliver und Erika sind kleinkariert, besserwisserisch und extrem angepasst; ihre Nachbarn Vid und Tiffany das extreme Gegenteil, wobei ihr protziger Reichtum und die Vernachlässigung der Tochter auch keine Pluspunkte bringen; Clementine und ihr Ehemann bestechen durch andauernde Gereiztheit und Streitigkeiten, die nur schwer zu ertragen sind.

So wird die durchaus überzeugende Grundidee zu einer Tour de Force, die sich nur sehr langsam dem Ziel entgegenschleppt.

Sarah Bailey – The Dark Lake

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Sarah Bailey – The Dark Lake

The murder of a beloved teacher moves the whole city of Smithson in Australia. Rosalind Ryan is found dead in the waters of Sonny Lake after a stunning performance of her art class in their version of Romeo and Juliet. Gemma Woodstock and her partner Felix take over the investigation even though Gemma has known Rosalind for her whole life. But her superior doesn’t know that she not only knew the beautiful young woman, but that that there is much more that links the two. The investigation leads to nothing, nobody can provide any useful information, neither her family not her colleagues really seem to have a motive. Yet, somebody must have hated her so much that he killed her.

Sarah Bailey’s debut thriller “The Dark Lake” has an interesting setting. You hardly ever come across an Australian small town where everybody knows everybody and where all the characters have some kind of old common memories and histories. The most striking moment was for me, however, when everybody was complaining about the hot temperatures on Christmas – quite uncommon for most European or North-American novels. Well, things are different down-under, but the concept of a good thriller is the same, and “The Dark Lake” has much to offer in that respect.

The case is highly complicated and for a very long time I didn’t actually have the slightest clue of what was going on. The author has masterly crafted her plot and it takes some time until a lot of dub-plots suddenly make sense. The protagonist Gem is also quite interesting, she is not only the policewoman, but also a mother of a young boy and doubting her relationship with the kid’s father. An affair with her partner doesn’t make things easier – but that’s just how life is. She is somehow typically female, she follows her intuition and she has a different way of approaching suspects and of observing places. I really appreciated this different point of view in the investigation.

Even though much becomes clear when you come to the end of the novel, a downside was for me Gem’s private life in the present and the past. It was just a bit too much and slowed down the pace, even though it made perfectly sense for the story to tell it all.

Richard Flanagan – First Person

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Richard Flanagan – First Person

Kif Kehlmann is dreaming of being a writer. With his wife pregnant with twins and their financial situation rather critical, the offer of writing a book is welcomed. Yet, the frame conditions are hard: he will receive 10 000 dollars if he writes the autobiography of Australia’s most wanted fraudster within 6 weeks. Money is money and writing is writing, so Kif accepts the deal not knowing what lies ahead of him. His friend Ray warns him, as Siegfried Heidl’s bodyguard, he knows him quite well and he knows what Heidl is capable of. What sounded like an easy tasks reveals itself a mission impossible. First, Heidl varies the story of his life again and again, Kif does not even know the basic facts and the more he listens to him, the more confused he gets. Second, Siegfried Heidl seems to get into his head, he cannot let go of him anymore and slowly, Kif starts to question his whole life.

If have read other books by Richard Flanagan which could really thrill me, unfortunately, “First Person” does not belong to those. It took almost a third of the book to really get into the novel. Admittedly, it is getting better and better in the course of the time, but I am sure many readers will never reach this point.

Flanagan presents two strong protagonists who are quite appealing and interesting. Kif with his dream of writing a novel sold thousands of times and at the same time struggling with his private life. His head is full with other things, diving into a task such as the ghostwriter’s job seems rather impossible at this moment of his life. And both, his life and the writing, turn out to be incompatible.

Siegfried on the other hand is fascinating because we can never really make up a picture of him. Is he a con man or is he actually super-clever? Which pieces of the story he tells are true (in as much as fiction can be true), which are just narrative? Or as Kif puts it:

“For Heidl wasn’t so much a self-made man as a man ceaselessly self-making.” (pos. 3055)

It is his strange charisma that makes him enthralling and captivating. Kif, too, in his description is oscillating between adoration and disdain:

“I couldn’t decide whether I hated Heidl or admired him, if I was his friend or his enemy, if I wanted to save him or kill him.” (pos. 2877) and yet, “He was the closest thing to a man of genius I ever met.” (Po. 3747)

The dance they do is shows that Flanagan is one of the best writers of our time, but nevertheless, this story just was not one that could capture me completely.

Jane Harper – The Dry

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Jane Harper – The Dry

Zwanzig Jahre lang war Aaron Falk nicht mehr in Kiewarra, den kleinen Ort im australischen Outback, in dem er aufgewachsen ist. Doch nun wurde sein Jugendfreund Luke, dessen Frau und ihr Sohn erschossen aufgefunden. Alles deutet auf einen erweiterten Suizid hin. Doch nicht nur diese schreckliche Tragödie beschäftigt die Menschen; als sie Aaron sehen, kocht auch wieder die Gerüchteküche um den Mord an einem Mädchen zwanzig Jahre zuvor hoch. Luke war damals Aarons Alibi und beide wussten, dass ihre gegenseitigen Entlastungen Lügen waren. Offenbar weiß davon aber noch jemand etwas. Aaron hat Zweifel an Lukes Selbstmord und beginnt Fragen zu stellen, was nicht von allen gerne gesehen wird.

Jane Harpers Debüt „The Dry“ (unter demselben Titel inzwischen auch auf Deutsch erschienen), ist ein atmosphärisch düsterer Thriller im australischen Nirgendwo zur Zeit einer Jahrhundertdürre, der den Menschen bereits an den Nerven zehrt. Hier liegt für mich die größte Stärke des Romans, man spürt förmlich, wie die Stimmung am Zerreißen ist und kurz vorm Kippen steht. Geradezu wartet man auf ein furchtbares Gemetzel, dem noch mehr Menschen zum Opfer fallen.

Der Kriminalfall lässt einem lange auf falschen Spuren wandern und die Tatsache, dass man auch nicht weiß, ob man Aaron Falk trauen kann oder ob er selbst an einem Mord beteiligt war, erhöht die Spannung zudem. Erst langsam nähert man sich der Wahrheit, die dann ganz andere Aspekte zu bieten hat als man zunächst vermuten sollte und mit diesen Überraschungen kann die Autorin bei mir wirklich punkten.

Ein Thriller, wie man ihn sich wünscht. Aufgrund Harpers gelungenem Setting finde ich hier auch die Hörbuch-Version besonders empfehlenswert, da man das Flirren der Hitze und die Anspannung der Figuren geradezu greifen kann.

Richard Flanagan – Die unbekannte Terroristin

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Richard Flanagan – Die unbekannte Terroristin

Gina Davis, genannt Puppe, hat Träume, mit dem Geld, das sie sich als Tänzerin in einer Nachtbar verdient, will sie irgendwann ein neues Leben anfangen. Bald schon wird sie genug zusammen haben, um eine eigene Wohnung anzuzahlen. Als Puppe nach den Mardi Gras Feiern mit einem Mann eine Nacht verbringt, ahnt sie schon, dass dies vielleicht ihrem Leben eine neue Wendung gibt, immerhin haben sie Nummern ausgetauscht. Und tatsächlich wird ihr Leben nicht mehr so sein wie zuvor: der Unbekannte war ein vermeintlicher Terrorist und sie die letzte, die mit ihm gesehen wurde. Auf pixeligen Bildern einer Überwachungskamera ist zu sehen, was die Polizei und die Medien sehen wollen: ein Terroristenpaar, das Australien in Angst und Schrecken versetzen will. Die Terrorfahndung läuft und Puppe versucht davonzulaufen.

Richard Flanagan bringt die vermutlich schlimmsten Ängste der „einfachen“ Bevölkerung auf den Punkt: einerseits der Terrorist, der wie ein guter Bürger unbekannt und unbehelligt neben einem wohnt und seine perfiden Pläne schmieden kann; andererseits das Opfer einer unheimlichen Verschwörung zu werden und keinen Ausweg mehr zu finden. Das Setting seines Romans bietet genau dies: auf der Polizei, Geheimdiensten und Politikern lastet ein enormer Druck, dem Volk Schuldige zu präsentieren, zu zeigen, dass man die Lage im Griff hat und schnellstmöglich Verbrecher ausschalten kann. Dass dieser Druck bisweilen zu voreiligen oder gar falschen Ergebnissen führt, ist offenkundig. Auf der anderen Seite steht die Protagonistin, die ihre Lage lange Zeit gar nicht erfassen kann und dann wie ein verschüchtertes Tier getrieben wird von den Medien und den Ordnungsorganen bis sie sich selbst zu einer reinen Verzweiflungstat genötigt sieht. Innerhalb weniger Tage wird aus einer Zeugin eine schwarze Witwe, die meistgesuchte Täterin Australiens, eine Frau, deren Leben in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Wie sich aus einer einzigen Information ein ganzes, verzerrtes Bild entwickeln kann und wie sich diese Dynamik nicht mehr aufhalten lässt, zeigt Flanagan auf beeindruckende Art und Weise.

Der Roman kann vor allem überzeugen durch die gelungene Kombination einer spannenden, fast krimihaften Story, die mit recht hohem Tempo voranschreitet und von einer glaubwürdigen, facettenreichen Protagonistin getragen wird. Zum anderen von Flanagans kritischen Darstellung des Lebens in einer verängstigten Gesellschaft. Die Menschen sind bereit zu glauben, was die Medien ihnen vorsetzen. Die Medien stehen unter dem permanenten Druck neue und vor allem sensationelle Nachrichten zu produzieren, um ihre Stelle am Markt zu behaupten. Die Politiker müssen liefern, Stärke zeigen und können lange Ermittlungen nicht dulden. Ein Teufelskreis indem alle sich gegenseitig antreiben und dabei völlig den Blick für die Realität verlieren, nicht mehr hinterfragen und bereit sind, die absurdesten Szenarien für möglich zu halten. Wer hier zwischen die Räder der Maschinerie gerät, kann nicht mehr heile rauskommen.

„Die unbekannte Terroristin“ – ein literarischer Beitrag zu aktuellen Entwicklungen, der uns vor Augen führt, dass wir gelegentlich innehalten und fragen sollten, ob wirklich alles so ist, wie es scheint und wer gerade bestimmt, was wir sehen und glauben sollen.
Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Titel finden sich auf der Seite des Verlags.