Steintór Rasmussen – Rache aus der Tiefe des Meeres

Steintór Rasmussen – Rache aus der Tiefe des Meeres

Schon seit Wochen haben sich die sechs Freundinnen des Strickclubs darauf gefreut ein gemeinsames Sommerwochenende in Gjógvará an der Nordostküste der färöischen Insel Eysuroy zu verbringen. Sie kennen sich bereits seit Schultagen und haben inzwischen alle Familie und Karriere. Der erste Abend beginnt feuchtfröhlich als sich zu später Stunde Bjørg entschließt, noch einen Spaziergang zu machen. Kurze Zeit später erreicht den Rest der Gruppe die Information, dass in der Nähe ein Haus in Feuer aufgegangen und darin der pensionierte Lehrer Tummas Pól  ums Leben gekommen sei. Schnell ist klar, dass dies kein Unfall und kein Suizid sein kann und von Bjørg fehlt jede Spur. Ihr Spaziergang sollte sie unmittelbar zur Unglücksstelle führen – ist sie dort dem Täter begegnet?

Steintór Rasmussen ist färöischer Sänger und Autor, „Rache aus der Tiefe des Meeres“ ist der zweite Roman der Serie um die Strickclub-Freundinnen, der zwar gelegentlich Bezug auf die vorausgegangenen Ereignisse nimmt, jedoch auch ohne Kenntnis des ersten Bandes problemlos gelesen werden kann. Gereizt hat mich an der Geschichte vor allem der Handlungsort, sind Island-Romane, insbesondere Krimis, seit vielen Jahren in großer Fülle vorhanden und erfolgreich, waren mir die Färöer-Inseln bislang literarisch unbekannt. Meine Erwartung wurde diesbezüglich auch voll erfüllt: die Landschaft und die Eigenart der Bewohner spielen eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Falles und liefern so neben der spannenden Mordermittlung Einblick in eine fremde Welt.

Als Leser hat man gegenüber den beiden Ermittlern Jákup und Birita einen gewissen Vorsprung, da man neben der aktuellen Handlung in der Gegenwart parallel immer wieder Erinnerungen einer Figur präsentiert bekommt, die nach und nach das Motiv für die Tat enthüllen und das Schicksal eines gebeutelten und immer wieder gedemütigten Menschen schildern. Zunächst ist dies nicht ganz in Zusammenhang zu bringen, so einfach ist dann Handlung dann nämlich doch nicht gestrickt.

Als man jedoch die Verbindung herstellen kann und nur noch die Frage bleibt, wann der Täter gefasst wird, aber nicht mehr, wer es war, verschiebt sich auch der Fokus von der Ermittlung hin zu den psychologischen Faktoren, die einen Menschen an den Rand der Existenz und in einen emotionalen und gedanklichen Ausnahmezustand bringen können. Dies nimmt zwar etwas Tempo und Spannung raus, hat mir jedoch ausgesprochen gut gefallen, weil die Entwicklung der Figuren nicht nur glaubwürdig ist, sondern auch ihr Handeln so überzeugend motiviert. Vieles dabei ist unmittelbar an die Bedingungen auf den Atlantikinseln geknüpft und kann sich nur dort zu abspielen, was der Geschichte ein besonderes Flair verleiht und sie von der Krimimasse abhebt.

Ein psychologischer Krimi in außergewöhnlicher Umgebung, der hauptsächlich von der Atmosphäre lebt. Bisweilen erscheint er sprachlich etwas ruppig, was jedoch zum Charakter der Figuren passt, die durchaus den Anschein erwecken, ein eigener Menschenschlag zu sein.

Wladimir Kaminer – Die Kreuzfahrer

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Wladimir Kaminer – Die Kreuzfahrer

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön – so oder so ähnlich hatte sich Wladimir Kaminer das Reise auf einem Kreuzfahrtschiff vorgestellt, was ihn erwartete, war der Alptraum aller Individualurlauber. Vier Reisen unternimmt er, bei dreien eingeladen im Kulturprogramm als Vorleser zu fungieren und erstaunlicherweise nach den Erfahrungen noch eine private Reise. Er durchquert den Atlantik, schippert durch Mittelmeer und Ostsee, bevor er die Karibik erkundet. Mit pointierter Ironie beschreibt er die Reisenden und die Gepflogenheiten auf dem Schiff und bei Landgang, kann irgendwann treffsicher Nationalitäten zuordnen und verbringt ansonsten sehr viel Zeit mit Essen und Trinken und dem Trällern der offenbar obligatorischen Schlager.

Das perfekte Buch, um einem jede Lust aufs Urlauben auf einem Kreuzfahrtschiff zu verderben – und zugleich köstliche Unterhaltung. Auf engstem Raum werden die unterschiedlichsten Menschen zusammengepfercht, um dann schaukelnd durch den Seegang und schunkelnd durch Ballermannmusik von A nach B transportiert zu werden. Man hat den Eindruck als wenn es sich um die komprimierte Form des Massenurlaubs rund ums Mittelmeer handelt und die bekannten Verhaltensweisen der Touristen sind dort natürlich genauso zu finden wie auf Mallorca:

„Obwohl Olga und ich als erste Reisende an Bord gingen, lagen bereits fremde Badetücher an strategisch wichtigen Plätzen: auf dem Sonnendeck, vor der Grillstation und am Pool. Fliegende Badetücher waren wahrscheinlich eine neue Reiseoption, die man bei AIDA buchen konnte, dachten wir. Noch bevor der Inhaber des Badetuches an Bord kam, wurde ihm ein warmes Plätzchen auf dem Sonnendeck reserviert.”

Auch wenn er in erster Linie unterhalten will – und das tut er ohne Frage – sind doch auch kritische Untertöne herauszuhören. Der seit Jahren boomende Tourismus auf allen Ozeanen und Binnenmeeren der Welt ist zu einer gnadenlosen Industrie geworden. Das Personal im Dauergrinsezustand bleibt stets freundlich und lässt den durchschnittlichen Urlauber nicht hinter die ausbeuterische Fassade in den unteren Stockwerken blicken, wo die geringverdienenden Philippinos schuften. Ebenso an Land, wo man selten noch auf Einheimische trifft, sondern sich Flüchtlinge und Migranten aus aller Welt der Nachfrage angepasst haben und die Kundschaft mit dem bedient, was sie sehen will: verkleidete Götter, Eseltreiber und heimatliche Tänze. Perfekt orchestriert, um in wenigen Stunden Aufenthalt das unmittelbare Erlebnis zu garantieren, wenn sie dies überhaupt noch wollen:

„(..) glich unsere AIDA einer schwimmenden Kneipe. Ihre Gäste – die meisten davon Stammgäste auf dem Schiff – hatten schon längst jede Lust aufs Festland verloren. Man konnte sie nur mit Gewalt zu den Sehenswürdigkeiten Griechenlands zwingen. Manche wurden von den Unterhaltungsoffizieren buchstäblich von Bord geschubst.”

Kaminers unverkennbarer Stil führt unweigerlich dazu, dass man im ersten Moment laut loslachen möchte, das Lachen einem dann aber doch im Halse stecken bleibt. Spätestens jetzt ist man von der Idee, eine Kreuzfahrt zu unternehmen völlig geheilt. Perfekte Sommerlektüre für den vollbepackten Strand, wo man neben Touristen aus aller Herren Ländern auf engstem Raum gemeinsam schwitzt.