Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Taffy Brodesser-Akner – Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Als Toby Fleishman morgens wach wird, checkt er zunächst die neuen Nachrichten auf seiner Dating App. Seit seine Frau Rachel sich von ihm getrennt hat, lernt er die schönen Seiten des Single Daseins kennen und offenbar ist ein Arzt jenseits der 40 noch attraktiv, besonders für junge Frauen. Doch er wird jäh unterbrochen als er merkt, dass seine Kinder Solly und Hannah in der Wohnung sind, offenbar hat Rachel sie Mitten in der Nacht dort abgeladen, dabei wäre er erst am Wochenende wieder mit der Betreuung dran gewesen. Das allein ist seltsam genug, doch auch Tage später lässt sich die Mutter nicht mehr blicken, ist auch nicht zu erreichen. Ihre Assistentin blockt ebenfalls jeden Anruf ab und langsam wird für Toby das Leben als alleinerziehender Vater etwas schwierig, denn der Leberexperte hat eine Patientin mit seltenem Syndrom, die im Sterben liegt, während sein Freund Seth plant seine viel zu junge Freundin zu ehelichen. Doch das ist erst der Anfang.

Taffy Brodesser-Akners Roman ist auf der Longlist des diesjährigen Women’s Prize for Fiction Longlist nominiert und wurde insgesamt von den Kritiken sehr positiv aufgenommen. Die Journalistin der New York Times hat in ihrem Debut eine ganze Bandbreite von Themen in einem ausnehmend humorvollen Ton umgesetzt und ihr ist so durchaus ein unterhaltsamer, wenn auch kritischer und bisweilen nachdenklich stimmender Blick auf unsere moderne Welt gelungen, der mich restlos begeistern konnte.

Gemeinsam haben alle Figuren, dass sie ein Leben führen, dass von außen gesehen geradezu perfekt anmutet: sie gehören zu Oberschicht Manhattans, weder an Geld noch an beruflichem Erfolg mangelt es, die Kinder sind weitgehend wohlgeraten und eigentlich gibt es nicht den geringsten Grund zur Unzufriedenheit. In dem Moment jedoch, in dem die Fassaden fallen, wird deutlich, dass kaum einer von ihnen das Leben führt, das er oder sie gerne hätte. Seth ist der immer aktive und attraktive Junggeselle, der das Nacht- und Kulturleben voll ausschöpft, aber in Wirklichkeit vom biederen Familiendasein träumt. Libby, eigentliche Erzählerin und seit Jugendtagen mit Seth und Toby befreundet, arbeitet freiberuflich als Journalistin, hat aber seit Monaten keinen Satz aufs Papier gebracht. Rachel hat vor der Trennung erkannt, dass Toby nicht der Mann ist, der ihr das Leben bietet, von dem sie immer geträumt hat und dass sie selbst dafür verantwortlich ist, das entsprechende Einkommen zu generieren, was sie aber letztlich in den völligen Abgrund stürzt.

Toby ist mit der aktuellen Situation wenig zufrieden, alleinerziehend mit vorpubertären Kindern, ist sein Gleichgewicht in Schwanken geraten, denn zuvor war für ihn alles Bestens: er hatte keine großen beruflichen Ambitionen, sein Job im Krankenhaus mit den Patientenkontakten erfüllt ihn, wenn ihm danach war, spazierte er in aller Ruhe durch den Central Park nach Hause und genoss sein Leben – auf Kosten aller um ihn herum.

Es sind vor allem die oberflächliche Dating Kultur, die mit Aufkommen von entsprechenden Apps noch groteskere Züge angenommen hat, sowie der New Yorker Kampf um den schönen Schein: Job, Haus, Familie, Aussehen – alles ordnet sich diesem unter. Gerade die Frauen geraten dabei jedoch unter die Räder, wie an der abwesenden Rachel, aber auch an Libby deutlich wird. Neben der Organisation des Familienlebens – und vor allem der richtigen Kinderkontakte und den perfekten Partys – müssen sie zugleich in einer immer noch von Männern dominierten Berufswelt bestehen. Dass sie dabei auch noch attraktiv aussehen sollen und die angesagten Yoga-Kurse besuchen müssen goes without saying.

Der Autorin gelingt es, mit einer weiblichen Erzählerin das männliche Weltbild Tobys hervorragend zu transportieren: die böse Exfrau, die ihn allein mit den Kindern zurücklässt; die pubertierende Tochter, die einfach aufreizende Bilder von sich online postet (die erschreckende Ähnlichkeiten zu jenen seiner jungen Bettgenossinnen aufweisen); seine Assistenzärztin, die seine Essenseinladung ausschlägt – irgendwie verhalten sich die weiblichen Menschen um ihn herum nicht mehr planmäßig und er muss sich plötzlich anpassen. Dabei kommt er trotzdem irgendwie charmant und liebenswert daher, was das Lesen zu einer großen Freude macht. Es ist ganz sicher keine Abrechnung mit den Männern dieser Welt, aber, wie der Titel bereits andeutet, das Leben wird schwieriger für sie.

Victoria Mas – Die Tanzenden

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Victoria Mas – Die Tanzenden

Ende des 19. Jahrhunderts ist das Hôpital de la Salpêtrière Heimat und Gefängnis für all diejenigen Frauen, die als nervenkrank, hysterisch, geistesgestört, epileptisch oder einfach für die Gesellschaft gefährlich eingestuft wurden – bzw. derer man sich entledigen wollte. Auch die junge Eugénie landet dort, nachdem sie ihrer Großmutter offenbarte, dass sie Geister sehen und mit ihnen kommunizieren kann. Dem strengen Vater bleibt keine andere Wahl als das Kind wegsperren zu lassen. Doch Eugénie ist nicht krank, das merkt auch die Aufseherin Geneviève schnell. Den anderen Mädchen und Frauen, die regelmäßig der interessierten Öffentlichkeit vorgeführt werden und für die es kaum eine Hoffnung auf ein Leben in Freiheit gibt, bleibt ebenfalls nicht verborgen, dass der Neuzugang anders ist. Aber in den Vorbereitungen des jährlichen Bal des Folles, bei dem die Verrückten ihren großen Auftritt haben, sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Victoria Mas beschreibt in ihrem Roman eine gängige Praxis des 19. Jahrhunderts. Die an Erkenntnis interessierte Medizin, das wachsende Interesse an der Psyche, nachdem der Körper weitgehend studiert wurde, und zugleich das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und der Leichtigkeit, mit welcher letztere als psychisch krank deklariert werden konnten, öffneten den Weg für nicht nur fragwürdige, sondern menschenunwürdige Machenschaften unter dem Deckmäntelchen der Forschung und des Fortschritts. Eugénie sieht das Vorführen der Patientinnen wie in einem Zoo, in den man geht, um die wilden Tiere aus sicherer Entfernung fasziniert und abgeschreckt zugleich zu bestaunen. Jeglicher Menschlichkeit und Würde beraubt, sind die oft jungen Mädchen schutzlos ausgeliefert.

Pointiert und treffsicher lässt die Autorin ihre Protagonistin das Treiben hinter den dicken Mauern des altehrwürdigen Krankenhauses beschreiben. Sie weigert sich, zum Tier degradiert zu werden, das der Pariser Prominenz wie im Zirkus dressiert vorgeführt wird. Ihr unabhängiges Denken und ihre Neugier haben sie in die Kreise der Spiritisten gebracht, wodurch sie ihre Gabe erkennt, die ihr zum Verhängnis wird. Eugénie ist zu fortschrittlich für ihre Zeit, sie erkennt sie scheinbar naturgegebene Vormachtstellung und Überlegenheit der Männer nicht an und sowohl der Vater wie auch die Ärzte unterstreichen mit ihrem Verhalten die Zweifel, die man an ihnen haben kann.

Auch Louise und Thérèse sind Opfer männlicher Gewalt geworden, die ihre Spuren auf den Seelen der beiden Frauen hinterlassen haben. Sicherlich haben sie deutliche Anzeichen von diagnostizierbaren psychischen Krankheiten. Diese sind jedoch die unmittelbaren Folgen dessen, was sie erleiden mussten und keineswegs Zeichen für einen fehlenden Verstand. Gerade die ältere Thérèse hat dies durchschaut und erkannt, dass für sie Freiheit und Schutz nur innerhalb der geschlossenen Anstalt existieren, der Welt draußen will sie nie mehr ausgeliefert sein. Ihre Erlebnisse, keineswegs untypisch für ihre Zeit, waren so furchtbar, dass sie lieber zweifelhafte Behandlungsmethoden und Degradierung in Kauf nimmt.

Den Gegenpol bildet Geneviève, die als Aufseherin für Ruhe und Ordnung sorgt. Ihr analytisch-wissenschaftlicher Blick lässt sie vieles mit einer gewissen Distanz betrachten und ertragen. Doch auch sie wird zum Opfer männlicher Hybris und deutlich in ihre Schranken gewiesen: als Frau ist ihre Meinung schlichtweg irrelevant.

Der Roman liest sich wie eine herausragend erzählte Geschichte, die Sympathien für die jungen Frauen weckt und aufmuntert, sich gegen vermeintlich überlegene Obrigkeiten aufzulehnen. Daneben ist er jedoch auch eine Dokumentation dessen, was sich real zugetragen hat und nicht nur reine Fiktion. Mit wachsender Wut liest man, welche fragwürdigen Methoden angewandt wurden und wie schamlos sich die Männer verhielten. So dass man sich am Ende unweigerlich die Frage stellt, wer eigentlich der gestörte ist.

Olivier Guez – Das Verschwinden des Josef Mengele

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Olivier Guez – Das Verschwinden des Josef Mengele

Josef Mengele – Todesengel von Auschwitz, der wohl grausamste und rücksichtsloseste Arzt der Geschichte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelingt ihm die Flucht über mehrere europäische Länder nach Südamerika, wo er dank der Hilfe eifriger Unterstützer und mit falscher Identität untertauchen kann. Unter Perón führt er in Argentinien zunächst ein sicheres Leben, die deutsche Community ist gut vernetzt und steht unter dem Schutz des Diktators, doch nach dessen Sturz wird die Lage unbequem. Es folgen Jahrzehnte des Irrens über mehrere Länder, immer wieder auf der Flucht und in Angst vor Entdeckung. Mehrfach sind ihm Israelis wie auch andere auf den Spuren, aber dank eines guten Netzes starker Verbündeter gelingt es dem tausendfachen Mörder immer wieder, sich seiner gerechten Strafe zu entziehen.

Olivier Guez‘ Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeichnet die Spuren eines der schlimmsten Verbrecher des Nazi-Regimes nach. Dies gelingt dem Autor eindrucksvoll und dafür wurde er 2017 völlig zurecht mit den renommierten französischen Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet. Drei Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, das auf wahren Eckdaten basiert, in weiten Teilen jedoch fiktiv bleiben muss, da bis heute das komplette Leben des Arztes nicht lückenlos dokumentiert ist.

In erster Linie besticht der Roman natürlich durch die Person des Josef Mengele. Er ist sicher eine der bekanntesten Figuren des Hitler-Regimes und viel wurde über ihn berichtet und geschrieben. Am beeindruckendsten war für mich jedoch die Haltung, die er bis zum letzten Tag standhaft beibehielt: er leugnete seine Taten nicht, aber die Bewertung dessen, was er getan hat, steht in starkem Kontrast zu Realität. Vermutlich um sich selbst zu schützen und sich nicht dem stellen zu müssen, was er verbrochen hat, sah er sich als Wissenschaftler und Forscher, der der Menschheit einen Dienst erweisen wollte:

„Was ist denn nun mit Auschwitz, Papa? Mengele weist die Schuld von sich. Er hat gekämpft, um „unbestrittene traditionelle Werte“ zu verteidigen, nie jemanden umgebracht. Im Gegenteil: Indem er bestimmte, wer arbeitsfähig ist, konnte er Leben retten. Er verspürt keinerlei Schuld.“

Seine grenzenlose Angst gerade von den Israelis entdeckt zu werden, zeigt jedoch auch, dass ihm trotz allem sehr bewusst gewesen sein muss, dass diese nicht nur Rache an ihm walten lassen würden, sondern durchaus mit guten Grund und Recht eine Verurteilung forderten. Womöglich ist das Leben in Angst schon die irdische Strafe, die ihm mehr zusetzt, als man vermuten mag:

„Nun ist er dem Fluch Kains ausgeliefert, dem ersten Mörder der Menschheit: ein Getriebener, der über die Erde irrt, wer ihm begegnet, wird ihn töten.“

Aber auch Guez Sprachgewalt ist überzeugend. Die nuancierten Zwischentöne, die die Verachtung seines Protagonisten deutlich hervortreten lassen, sind glänzend platziert. Aber auch die Kritik an den nachlässigen deutschen Behörden, die Mengele schon zeitnah nach Kriegsende hätten auffinden können, wird nachhaltig zum Ausdruck gebracht.

Man spürt eine gewisse Fassungslosigkeit ob der Haltung Mengeles, aber auch, weil auf Erden die Taten nicht gesühnt wurden. Auch wenn der Text letztlich eine fiktive Erzählung ist, was jedoch dem Erzählfluss zugutekommt, kann er als Mahnmal verstanden werden, das in breiter Masse gelesen werden sollte, damit die Geschichte sich nicht wiederholt.