Anita Brookner – Ein Start ins Leben

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Anita Brookner – Ein Start ins Leben

Wenn doch das Leben nur so einfach wäre wie die Literatur – aber so sind die Dinge nun einmal nicht für Ruth Weiss. Ihre Mutter trauert immer noch der Schauspielkarriere nach, die sie aus Altergründen unfreiwillig aufgeben musste, der Vater war Buchhändler, hat sich aber auch zurückgezogen und Ruths ehemaliges Kindermädchen lässt sich auch eher durchfüttern als im Haushalt etwas zu erledigen. Doch trotz dieser aberwitzigen Familienverhältnisse gelingt es Ruth nicht, sich freizuschwimmen, ihre Männerbekanntschaften sind alle zum Scheitern verurteilt und auch ein halbherzig versuchter Umzug in eine eigene Wohnung gibt sie bald wieder auf. Nur der bereits lange gehegte Traum sich in Paris niederzulassen und die Lebensorte ihrer literarischen Heldinnen selbst zu erleben, erscheint ihr die Möglichkeit, endlich ihr eigenes Leben in Angriff zu nehmen.

Anita Brookners Roman ist bereits 1981 erschienen und gilt als eines der Hauptwerke der 2016 verstorbenen Autorin. Sie war die erste Frau, die die Position des Slade Professor of Fine Art an der Universität von Cambridge innehatte. Schon ihr Debut behandelt die zentralen Themen der Autorin: die emotionalen Schwierigkeiten von intellektuellen Frauen den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen und mit den Enttäuschungen im Liebesleben zurechtzukommen.

Genau hierunter leidet auch die Protagonistin Ruth. Letztlich akademisch erfolgreich bleibt ihr Privatleben doch eine Art offene Wunde, die völlige Zufriedenheit verhindert und sie immer wieder schmerzlich an ihr Versagen erinnert. Sie denkt zurück an ihre Kindheit und Jugend, das prägende Elternhaus und die ersten Liebesbeziehungen, die allesamt im Desaster endeten.

Ruth wird dabei immer wieder an ihrer literarischen Lieblingsfigur Eugénie Grandet gespiegelt, die ebenfalls in einem lieblosen Elternhaus aufwächst und die Erfahrung macht als Tochter nur Mittel zum Zweck zu sein und die Erwartungen der Eltern erfüllen zu müssen. Zwar erkennt Ruth irgendwann, dass die Tugendhaftigkeit der Balzac’chen Frauen sie im Leben auch nicht weiterbringt und dennoch endet sie sehr vergleichbar mit Eugénie in einer lieblosen Ehe, die noch dazu von kurzer Dauer ist.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Autorin einerseits eine klassische Geschichte einer jungen Frau erzählt, die in ähnlicher Weise auch im 18. oder 19. Jahrhundert hätte stattfinden können, und zugleich eine Frau mit modernen Ansprüchen zeigt, die 1981 ihrer Zeit schon voraus war. Dabei verleiht die ausdrucksstarke Sprache der Geschichte ein besonderes Gewicht; der bisweilen lakonische Stil, der wiederum auf den Punkt sitzt und Mitten ins Schwarze trifft, zeigt sich schon im ersten Satz, dem literarisch bekanntermaßen eine Schlüsselrolle zukommt und der bei großen Werken schon die ganze Dramatik des im folgenden dargebotenen Dramas in sich konzentriert:

„Im Alter von vierzig Jahren wurde Dr. Weiss klar, dass die Literatur ihr Leben ruiniert hatte.“

Dass dieser Roman erst jetzt in deutscher Übersetzung erscheint, ist eigentlich nicht zu glauben, ebenso, dass diese wunderbare Autorin fast in Vergessenheit geraten ist, der mit unglaublicher Leichtigkeit eine tragische und zugleich komische Geschichte gelungen ist.