Angelika Klüssendorf – Jahre später

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Angelika Klüssendorf – Jahre später

April ist erwachsen geworden, nicht mehr das suchend umherirrende Mädchen von einst, das sich das Leben nehmen will. Da ist aber auch Julius, ihr Sohn, um den sie sich kümmern muss. Als sich Ludwig für sie interessiert, scheint das bürgerliche, normale Leben möglich. Sie verlässt für ihn Berlin, zieht nach Hamburg. Ist unglücklich. Auch eine andere Wohnung kann ihr keine Erfüllung bringen und mit Samuels Geburt erfüllen sich ihre Träume ebenfalls nicht. Doch welche Träume hat sie eigentlich? Es folgen Rückzug nach Berlin, Trennung, Rosenkrieg. Und April ist immer noch unglücklich.

„Jahre später“ – Teil drei von Angelika Klüssendorfs Trilogie um April, nun als Erwachsene. Genau wie auch schon die beiden Vorgängerromane ist auch dieser wieder nominiert für den Deutschen Buchpreis. War das Mädchen in den beiden ersten Bänden noch ein sehr eigenwilliger und außergewöhnlicher Charakter, wird sie nun eher zu einem Sinnbild für eine Vielzahl von Frauen und verliert dadurch leider ein wenig an Strahlkraft.

Zu Beginn des Romans ist April noch tough und stark, wehrt sich gegen die doch eher dreiste Anmache eines Zuhörers bei ihrer Lesung. Ihr Verhalten täuscht jedoch über ihre innere Unsicherheit hinweg, bleibt äußerlich; obwohl sie älter geworden ist, scheint sie immer noch das unsichere Mädchen. Der Wunsch nach Durchschnittlichkeit und Normalität verleitet sie, ihre Prinzipien aufzugeben und Ludwig eine April zu präsentieren, die er gerne sehen möchte:

„Als sich Männer für sie zu interessieren begonnen hatten, war April misstrauisch geblieben, denn es konnte auch eine Falle sein, ein Irrtum. Nun ist sie dreißig und weiß immer noch nicht, was gut oder schlecht für sie ist. Sie kann es nicht fühlen. Ludwig fragt nach ihrem Leben und wünscht sich Antworten, die ihn erstaunen, aber nicht verstören sollen; das begreift sie intuitiv und hält sich daran.”

Sie liebt ihn nicht, aber er verspricht etwas, das sie nie hatte. Doch tief in ihr bleiben die Zweifel, sie kann sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen und ist daher nicht frei für die Zukunft:

„Was will April? Ihr Buch ist erschienen, die Kritiken sind gut. Doch sie spürt weder Freude noch Stolz, als wäre sie gar nicht gemeint. Der eigene Erfolg macht sie misstrauisch. Alles nur schöner kalter Schein, denkt sie, irgendwann kommt die wahre April wieder zum Vorschein, hässlich und heimatlos. Heimatlos bedeutet, dass sie sich nirgends einrichten darf, sie muss auf dem Sprung sein, wenn die Vergangenheit sie einholt.”

Sie spielt eine Rolle, die ihr nicht liegt und lebt einem Leben, das nicht ihres ist. Die Trennung ist irgendwann unausweichlich, doch der Krieg, der folgt, den hat sie nicht vorausgesehen. Für Ludwig gibt es kein simples Ende, er kann nur Sieger sein und wieder einmal wird sie in die Enge gedrängt und kann nur noch passiv agieren.

Der Verlauf von Aprils Leben im dritten Band ist die logische Folge dessen, was zuvor geschah. Auch die Entwicklungen, die ihre Beziehung nimmt, sind in sich stimmig. Trotzdem hätte ich mir eine kämpferische Protagonistin gewünscht, die sich endlich von ihren Dämonen befreit. Zu Aprils sehr klarem Verstand, zu ihrem schnörkellosen Charakter, der nüchtern auf die Welt blickt und nur wenig erwartet, passt Angelika Klüssendorfs direkter Stil. Keine blumigen Beschreibungen, oftmals kurze Sätze, die auch die Getriebenheit, die April spürt, sehr gut sprachlich wiedergeben. Dennoch lässt mich der Roman etwas unbefriedigt zurück. Es fehlte Etwas, das sich nur schwer bestimmen lässt.

Angelika Klüssendorf – April

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Angelika Klüssendorf – April

April – ein Name wie ein Monat. Der der Regen bringt und Sonne, täglich überrascht und geprägt ist von Unbeständigkeit und zu keiner der Jahreszeiten wirklich passt. So ist auch das fast erwachsene Mädchen, das in Leipzig zu DDR Zeiten seinen Platz in der Gesellschaft sucht und nicht findet. Nach einem Selbstmordversuch zwar den langweiligen Bürojob los, wird sie jedoch die nächsten Jahre mit dem Stempel „psychisch krank“ und verschiedenen Ärzten verbringen, aber das stört sie nicht. Wechselnde Männerbekanntschaften, die jedoch alle für sie oberflächlich bleiben, obwohl der eine oder andere sie aufrichtig liebt. Dann ein Sohn, Julius, doch auch ihn zu lieben fällt ihr schwer. Das erhoffte bessere Leben im Westen – auch dies war nur eine Illusion.

Der Roman ist schwer greifbar. Man verfolgt April in ihren Eskapaden – wenn man die Suche nach sich selbst und dem Sinn des Daseins so nennen kann. Verständnis für manches – ja, bei ihrer Familienkonstellation und dem gefangensein in der DDR nachvollziehbar. Dann vor allem im Bezug auf den Umgang mit ihrem Sohn schieres Unverständnis.  April passt in keine Schublade, wie auch der Roman. Das Mädchen wird älter aber nicht erwachsen. Die macht Erfahrungen, lernt aber nicht. Sie hat eine gewisse Cleverness und Kunstgespür, zeigt auch Zuneigung, kann aber weder mit dem einen noch mit dem anderen ein sinnvolles Leben gestalten.