Zaza Burchuladze – Adibas

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Zaza Burchuladze – Adibas

Stell Dir vor, es ist Krieg und niemand interessiert es. Die Fernseh- und Radionachrichten melden es, doch eigentlich schert sich keiner drum. Die Russen sind einmarschiert? Stehen kurz vor Tiflis? Egal, das Leben geht weiter. Man tut das, was man in den Jahren davor auch schon getan hat, man zieht um die Häuser, hat Sex, konsumiert was an Drogen so verfügbar ist und versucht an coole Klamotten zu kommen. Designerware. Also nicht die, die man für teures Geld in Westeuropa verkauft, sondern das, was für das kleine Portemonnaie auf den Straßen von Georgien den Besitzer wechselt. Was soll man auch sonst tun? Zukunft hat keiner und wenn die Russen tatsächlich einmarschieren, kann das Leben ohnehin ganz schnell vorbei sein, da sollte man die kostbare Zeit nicht mit ernsthaften Dingen verplempern.

Zaza Burchuladze lebt seit einigen Jahren in Deutschland, nachdem er in seiner georgischen Heimat angegriffen und bedroht wurde. Er gilt als eine der wichtigsten jungen Stimmen des Landes und seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. „Adibas“ entstand als Reaktion auf den Kaukasuskrieg im August 2008 als dessen Folge die Regionen Südossetien und Abchasien die Unabhängigkeit erlangten.

Der Roman hat eigentlich keine wirkliche Handlung, womit auch schon viel über insbesondere die Jugend in dem Land zwischen West und Ost gesagt ist. „Adibas“ steht – wie sich leicht auch am Cover erkennen lässt – für Fake-Ware, die meist in asiatischen Ländern produziert und illegal in Europa verkauft wird. Es geht jedoch noch darüber hinaus und wird somit symptomatisch für die Generation, über die Burchuladze schreibt: nichts ist mehr echt, weder Gefühle, noch die Nachrichten, man kann den Menschen unmittelbar um einen herum genauso wenig Glauben schenken, wie der Presse.

So müssen die Figuren mit den Widersprüchen des Alltags umgehen, sie hören und sehen Gefechte, ihre Politiker leugnen sie. Auch wenn es sie beunruhigt, sie bleiben cool und wahren den Schein der Unbekümmertheit. Mehr bleibt ihnen auch nicht, denn sie alle kennen die georgische Weisheit:

  1. Was gut anfängt, endet schlecht;
  2. Was schlecht anfängt, endet schrecklich;
  3. Was schrecklich anfängt, endet nie.

Die 90er sind vorbei, die Zeit des Aufbruchs hatte den meisten nichts zu bieten und oftmals geht es den Menschen nach der Jahrtausendwende schlechter als zu Sowjetzeiten. Und so fliegen die Tage dahin, ohne dass etwas passiert, was sie aus der Lethargie erwecken könnte.

In diesem Jahr ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ich bin gespannt auf mehr Literatur aus dem kleinen Land, von dem man hierzulande so gut wie nie etwas erfährt.

Esther Gerritsen – Der große Bruder

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Esther Gerritsen – Der große Bruder

Kurz bevor sie zu einem wichtigen Meeting muss, erhält Olivia einen verstörenden Anruf von ihrem Bruder Marcus, mit dem sie seit über einem Jahr nicht gesprochen hat. Er sei auf dem Weg in den OP und man wisse nicht, ob man sein Bein retten könne. Seit Jahren schon ist er Diabetiker und hat es nie so genau genommen mit dem, was die Ärzte empfohlen haben. Olivia kann sich nur noch kurz zusammenreißen, bevor sie ihren Arbeitsplatz verlässt und zum Krankenhaus eilt. Ihren Bruder erkennt sie kaum mehr wieder und die Amputation war tatsächlich nicht vermeidbar. Schuldgefühle überkommen sie und so bietet sie Marcus an, bei ihr und ihrer Familie vorläufig unterzukommen, nicht ahnend, dass dies ihre Balance völlig zum Wanken bringen und sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren wird.

Esther Gerritsens Roman, aufgrund der Länge wohl eher Novelle, zeichnet nach, wie schnell das fragile Gebilde Alltag zum Wanken und Einstürzen kommen kann. Dank der Arbeit und den zahlreichen Aufgaben rund um die Familie kann die Protagonistin lange Zeit die Augen vor den tatsächlichen Problemen verschließen und immer weitermachen. Keine Zeit für die Beziehung und ihren Mann, keine Zeit für die Frage, was sie selbst eigentlich vom Leben erwartet, keine Zeit für ihren Bruder und dessen Sorgen. Erst durch die Durchbrechung des Alltags mit dem Einzug von Marcus werden all die verdeckten Konflikte zum Vorschein gebracht.

Besonders gelungen ist der Autorin zu zeigen, wie ein Mensch versucht, den Schein zu erhalten, hinter der äußerlich sichtbaren Fassade funktioniert und doch schon spürt, wie langsam alles einreißt und vom Zusammenbruch bedroht ist. Auch die säuberliche Trennung zwischen Beruf und Privatleben wird zwangsweise aufgehoben und plötzlich drohen die beiden Selbstbilder miteinander zu kollidieren. Authentisch wirken ihre Figuren allesamt, der nachlässige Bruder ebenso wie der Ehemann, der seine Sorgen und Nöte für sich behält, bis die Katastrophe sich nicht mehr aufhalten lässt. Allen voran jedoch Olivia, die zwischen den Erwartungen der Außenwelt und ihrer Gefühlswelt ins Chaos gerät und sich plötzlich mit essentiellen Fragen konfrontiert sieht.

Ein kleiner Denkanstoss, der einlädt, einen Blick auf das eigene Lebenskonstrukt zu werfen.