Alexandra Friedmann – Sterben für Anfänger

alexandra-friedmann-sterben-für-anfänger
Alexandra Friedmann – Sterben für Anfänger

Mit seiner Ankündigung macht sich Rafik Shulman bei seiner Mutter und seiner Oma keine großen Freunde. Neben dem Studium will er ehrenamtlich in einem Hospiz arbeiten, was die Damen nahe dem Herzinfarkt bringt. Also beginnt er heimlich mittwochs seine Zeit mit den todkranken Bewohnern zu verbringen. Unerwartet trifft er dort auf die lebensfrohe Charlotte, die die wenige Zeit, die ihr noch bleibt, voll auskosten will. Was hat Rafik eigentlich dorthin getrieben? Es ist die Suche nach Antworten, denn er hat seinen Vater in jungen Jahren verloren und konnte sich nicht einmal bei einer Beerdigung von ihm verabschieden. Es ist die Suche nach dem Sinn des Todes und des Lebens. Kann das Judentum, seine eigen Religion ihm dabei helfen oder wird er im christlichen Hospiz endlich das verstehen, was ihn schon seit Jahren verfolgt?

Ich habe mich sehr auf Alexandra Friedmanns zweiten Roman gefreut nachdem mich ihr Debüt „Besserland“ vor vielen Jahren schon begeistert konnte. Auch dieses Mal steht wieder ein junger Mensch, der aus dem ehemaligen Sowjetgebiet entwurzelt und nach Deutschland verpflanzt wurde, im Zentrum der Handlung.  Zwar war auch hier dieses Ereignis prägend, aber es konnte Familienstrukturen nicht aufbrechen, die auch in der neuen Heimat fortbestehen und Rafik lange daran hindern, mit den Dingen abzuschließen, die er in seinem emotionalen Rucksack noch mit sich rumträgt.

Besonders gut hat mir die Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit gefallen. Die Kleinfamilie kommt nicht ohne eine gewisse Situationskomik aus, die es auch erfordert, um das Miteinander auf engem Raum auszuhalten. Das dürfte in ukrainisch-jüdischen Familien nicht anders aussehen als in allen anderen Ländern und Kulturen auch. Rafiks Suche nach Erklärungen für den ungerechten Tod des Vaters führt ihn notwendigerweise auch zu religiösen Menschen, die er um Rat fragt. Gerade aber auch Charlotte, die ihre ganz eigenen Antworten gefunden hat auf ihre Situation und das Wissen, dass ihr nur noch wenig Zeit auf Erden bleibt, schließt die Suche für mich rund ab. Es gibt nicht die EINE Antwort oder Erklärung, nicht eine einzige Religion hat alle Weisheit gepachtet, es sind viele Facetten, die vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte Bedeutung erlangen.

Ein Buch übers Erwachsenwerden, über das Loslösen, aber auch über das Leben und Sterben und die Frage nach dem Sinn. Mal humorvoll, mal eher ernsthaft bis traurig. Einer dieser Romane, die einem nachdenklich, aber doch zufrieden und geradezu glücklich zurücklassen.

Ein herzlicher Dank geht an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch und zur Autorin finden sich auf der Internetseite der Verlagsgruppe Random House.

Alexandra Friedmann – Besserland

alexandra-friedmann-besserland
Alexandra Friedmann – Besserland

Das Leben gegen Ende der 80er Jahre ist nicht leicht in Weißrussland. Trotzdem schlägt sich die Familie der kleinen Alexandra tapfer durch. Mit List wissen Vater und Mutter die Lücken des Sowjetsystems für sich zu nutzen und schaffen sich so ein ganz ordentliches Leben. Dann aber hören sie immer mehr Geschichten vom Westen, wie gut es den Menschen da geht und schließlich entsteht der Entschluss, die UdSSR zu verlassen. Amerika ist das Ziel, doch die Reise ist voller Tücken und in Österreich gestrandet wird plötzlich Deutschland – oder eher noch die Vorstellung von „Besserland“ – zum Ziel. Die Ankunft überfordert ihre Sinne, doch das neue Leben hält auch neue Herausforderungen für die Familie bereit. Ein gesunder Pragmatismus und ein ordentlicher Schuss Cleverness erleichtern das Leben in der neuen Heimat.

Alexandra Friedmann schildert vieles aus der Sicht der kleinen Alexandra, was einen naiv verklärten und zum Schmunzeln anregenden Blick erlaubt. Viele Situationen sind schier komisch, auch wenn sie in der Realität haarsträubend gewesen sein müssen. Mit treffsicheren Formulierungen gelingt ihr der schmale Grat zwischen augenzwinkerndem Verständnis und nicht tolerierbarem Verhalten. Unterhaltsam schildert sie den schwierigen und gefährlichen Weg ins gelobte Land, in dem dann doch nicht Milch und Honig fließen – auch wenn Nutella eine sensationelle Erfindung zu sein scheint. Man muss die Familienmitglieder einfach lieb haben und entwickelt vielleicht eine andere Sicht auf die Lage von russischen Emigranten. Aus leitender Position mit ordentlichem Diplom hier zur Putzfrau degradiert, das Häuschen für ein Bett in einer Turnhalle hinter sich lassen, eine fremde Sprache, die jede Kommunikation verhindert – kein leichtes Unterfangen. Zwischen den Zeilen lesen sich auch die Zweifel und Verzweiflung und ganz tiefgreifende Frage wie diejenige, welches die Muttersprache des Kindes sein wird und wie wichtig es ist, dass es beide Sprachen beherrscht.

Unterhaltsam, informativ und mit dem ironischen Titel keinesfalls verklärend oder anklagend – ein gelungener Blick auf die Sicht der Einwanderer.