Alex Michaelides – Die verschwundenen Studentinnen

Alex Michaelides – Die verschwundenen Studentinnen

Der Anruf ihrer verstört wirkenden Nichte Zoe bringt die Psychotherapeutin Mariana zurück an ihr ehemaliges College in Cambridge. Tara, Zoes Freundin ist bestialisch ermordet worden. Zoe musste bereits als Kind den Verlust ihrer Eltern ertragen, nur wenige Monate zuvor kam Marianas Mann bei einem Schwimmunfall ums Leben; ein Trauerfall, den beide noch nicht ganz verarbeitet hatten. Doch nun geht die Angst in der berühmten Universitätsstadt um. Ein exzentrischer Professor lenkt Marianas Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur, weil Zoe ausgesprochen negativ auf ihn reagiert, sondern auch, weil er fast guruhaft hübsche Studentinnen um sich schart, eine davon war Tara. Als eine zweite junge Frau aus dem erlesenen Zirkel ebenfalls ermordet wird, ist für Mariana die Schuld des Dozenten offenkundig. Nur leider steht sie mit ihrer Meinung ziemlich alleine da.

Vor zwei Jahren hat Alex Michaelides mit seinem Debütroman „Die stumme Patientin“ bereits für Aufsehen gesorgt. Sein zweiter Thriller – mit bemerkenswert ähnlichem Cover ausgestattet – ist für mich sogar noch ein Stück überzeugender. Wieder steht im Zentrum die Frage danach, was einen Menschen zu einem brutalen Mörder macht. Die Erfahrungen des Autors aus seiner Arbeit als Psychiater waren sicherlich auch dieses Mal entscheidend für die Gestaltung der Figuren. Die Hauptfigur ist wieder vom Fach und nähert sich dem Täter entsprechend weniger aus polizeilicher denn aus psychoanalytischer Sicht und zeigt einmal mehr, wie anfällig der Mensch doch sein kann, für scheinbar perfekt zusammenpassende Puzzleteilchen.

Als geübter Krimi- und Thrillerleser ist man naturgemäß skeptisch, wenn einem der Täter so klar auf dem Serviertablett präsentiert wird. Zwar scheint der beliebte Professor durchaus einiges zu verbergen zu haben und die Spuren, die auf ihn hindeuten, sind überzeugend platziert, Alex Michaelides liefert jedoch auch noch einige Nebenfiguren, die schnell stutzen lassen – der aufdringliche Doktorand Fred, der junge Portier Morris, vielleicht sogar der Forensiker Julian – und denen man im Laufe der Handlung schlichtweg alles zutraut. Geschickt werden Fährten gelegt, die einem auf Abwege bringen, bevor man – ebenso wie Mariana –  vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen kann und sich verrennt.

Spannend und temporeich erzählt mit einer starken Protagonistin, die die Handlung trägt und den Leser in ihrer Neugier auf den Fall schnell mitreißen kann.

Alex Michaelides – Die stumme Patientin

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Alex Michaelides – Die stumme Patientin

Es war ein aufsehenerregender Mord: die Künstlerin Alicia Berenson erschießt ihren Mann in ihrem Atelier und zeichnet dann ein verstörendes Bild über die Tat, bevor sie für immer schweigt. Seit Jahren sitzt sie schon in einer psychiatrischen Einrichtung und der Therapeut Theo Faber hat nun endlich die Chance, sich ihr professionell zu widmen. Der Fall fasziniert ihn, vor allem im Zusammenhang mit dem Gemälde, auf welchem sich nur der Begriff „Alkestis“ fand, der der Schlüssel zu Alicias Schweigen sein muss. Die ersten Sitzungen verlaufen schlecht, doch dann scheint es Theo zu gelingen, zu Alicia vorzudringen und ihr wieder eine Stimme zu geben. Doch nicht nur bei der geheimnissenvollen Frau liegen Mysterien verborgen, akribisch beleuchtet Theo auch ihr Umfeld und das bietet so manche interessante Figur, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt und über Alicias Schweigen ganz froh ist.

Alex Michaelides Debutroman merkt man an, dass der Autor in der Materie bewandert ist; bevor er zum Drehbuchschreiber wurde, hat er als Psychiater in einer geschlossenen Klinik gearbeitet. Die psychologischen Aspekte sind es auch, die im Vordergrund der Handlung stehen, die Auswirkungen der Erlebnisse und Beziehungen, die die Menschen haben, auf ihr Seelenleben und vor allem ihr Seelenheil. Daher weniger ein Psychothriller, der den Leser in Angst und Schrecken versetzt, als ein Roman, der die Grenzsituationen zwischen psychisch gesund und krank beleuchtet und damit gekonnt spielt.

Die Handlung bewegt sich stringent auf den Höhepunkt zu, hat aber zunächst ein eher gemächliches Tempo, das nur wenig Spannung bietet. Die Schilderungen der unterschiedlichen psychologischen und psychiatrischen Ansätze und die gegensätzlichen Meinungen der Disziplinen fand ich trotzdem unterhaltsam und für einen Roman perfekt dosiert. Etwas verwunderlich Theo Fabers akribische Nachforschung in Alicias Leben vor der Tat, hier wirkt der Psychologe eher wie ein Detektiv, der den Fall nochmals aufrollt, was aber der Therapiesituation eine spannende zweite Handlungsebene an die Seite stellt und durch die unerwarteten Enthüllungen nun auch deutlich mehr Richtung Thriller geht, denn langsam formen sich Bilder, die große Fragen in Bezug auf Alicia aufwerfen.

Der Autor wartet mit clever platzierten Wendungen auf, die vor allem die bestehenden Annahmen davon, wem man trauen kann und wem nicht, wer phantasiert und wer lügt, immer wieder auf die Probe stellen. Das Ende für mich ein wenig zu viel des Guten, aber in sich stimmig motiviert. Insgesamt ein nicht übermäßig spannender, aber ohne Frage lesenswerter und überzeugender Roman.