Clemens Bruno Gatzmaga – Jacob träumt nicht mehr

Clemens Bruno Katzmaga – Jacob träumt nicht mehr

Jacob führt das hippe Leben eines erfolgreichen Teamleiters in einer Agentur. Immer Gas geben, auf Social Media präsent sein, Kleidung und Frisur genau abgestimmt auf die Erwartungen an einen jungen dynamischen Erfolgsmenschen. Der nächste Pitch steht an, eine Großbank, ein Auftrag, den die Agentur sich nicht entgehen lassen kann. Jacobs Team arbeitet rund um die Uhr, um ein innovatives Konzept präsentieren zu können. Doch je näher der wichtige Termin kommt, desto unwohler fühlt sich Jacob, er wird doch nicht etwa krank werden? Er hat in den Jahren in der Agentur nur wenige Tage versäumt und das auch nur wegen übermäßigem Alkohol am Vorabend. Der Druck steigt und plötzlich träumt Jacob nachts nicht mehr, er schläft auch schlecht, dafür nehmen jedoch tagsüber die Halluzinationen zu und als er nur wenige Minuten vor der Präsentation plötzlich in einem Wald steht, merkt er, dass etwas so gar nicht in Ordnung ist.

Clemens Bruno Gatzmagas Debüt kratzt am schönen Schein der Agenturwelt, wo attraktive und erfolgreiche Menschen wie im Rausch ihre Kreativität ausleben und auf den Social Media Kanälen alle neidisch und glauben machen wollen, dass es keine Steigerung mehr geben könnte. Es fehlt nicht an Klischees, der esoterisch veranlagte Chef, der „Nitrogold“ mit Hilfe von Gefühlsanalysen und unter dem Fokus der Persönlichkeitsentwicklung führt – alles unter Anleitung eines erfahrenen Gurus – verschanzt sich hinter seinem Selbstoptimierungsdenglisch, allerdings nur so lange, bis der Geschäftsmann gefragt ist und er knallhart mit Klage droht, wenn die Vertragspflichten nicht eingehalten werden.

„Alright“, stand er auf, „dann haben wir die gleiche Wirklichkeitsauffassung.“

Genau da greift der Roman ein. Die Scheinwelt des aufgehübschten Agenturdaseins ist genauso künstlich wie Jacobs Instagram Feed, den Bezug zur Realität hat er verloren, bis sein Körper ihn gnadenlos auf den Boden der Erde zurückholt. Auf Koffein rund um die Uhr im Höhenflug zu operieren kann langfristig nicht gutgehen und so erlebt der Ich-Erzähler den Absturz, der mit dem harten Aufschlag der Sinnfrage endet.

Der Autor räumt jedoch nicht nur mit dem ohnehin fragilen Mythos der schönen Internet New Work Welt auf, sondern ermöglicht über Jacobs Träume, die abwesenden wie die Alpträume, die Rückkehr zur Urgrund des Daseins. Als Kind hatte er Träume, genährt durch die Phantasie und Naturverbundenheit seiner Mutter, doch diese sind ihm abhanden gekommen. Er hat sich selbst verloren und versucht nun das wiederzufinden, was er als Kind empfunden hat.

Es ist ein Roman der Zeit, der den Stellenwert von Arbeit und unser Verhältnis zu ihr infrage stellt. Bigger, better, faster, more – das kann nicht alles gewesen sein. Der Protagonist trägt durch die Handlung und kann als Identifikationsangebot überzeugen. Der Rausch, den der Erfolg mit sich bringt, das Gefühl, jetzt nicht aufhören zu können, wo schon so viel erreicht wurde und der nächste Karriereschritt greifbar ist. Und doch: die Verbindung zur Partnerin und deren Lebenswelt wird brüchig, das, was sie einmal vereint hat, ist nur noch ein seidener Faden. Für Jacob wird der Zusammenbruch zur Chance, die er sonst nicht gesehen hätte und die ihm den Ausstieg ermöglicht.

Ein unaufgeregter Roman, der nah bei seiner Hauptfigur ist und den modernen Großstadtmenschen unaufdringlich zur Selbstreflexion einlädt. Aufgrund der Thematik verdient auf der Shortlist Debüt 2021 des Österreichischen Buchpreises.

Petra Johann – Die Frau vom Strand

Petra Johann – Die Frau vom Strand

Nach einer Fehlgeburt wollten Rebecca und Lucy sich zurückziehen und sind vom turbulenten Hamburg in der Ostseedorf Rerik gezogen. Offenbar tat die Seeluft gut, denn Rebecca wird sogleich wieder schwanger. Jedoch auch Monate nach der Geburt von Töchterchen Greta möchte sie nicht wieder zurück, sehr zum Leidwesen von Lucy, die zwischen ihrer Agentur und dem gemeinsamen Heim pendelt. Obwohl es nur wenige junge Menschen im Ort gibt, fühlt sich Lucy nicht einsam; als sie die gleichaltrige Julia kennenlernt, freut sie sich aber dennoch endlich eine Freundin gefunden zu haben, die beiden Frauen liegen sofort auf einer Wellenlänge. Aber dann verschwindet Julia plötzlich und es scheint, als wäre sie nie dagewesen, sie hat keinerlei Spuren hinterlassen. Unerwartet findet Rebecca allerdings eine Verbindung, die ihr Leben durcheinanderwirbelt und Lucy das Leben kostet.

Mit gleich zwei Mysterien wird man als Leser in Petra Johanns Thriller konfrontiert: wer ist die sympathische Frau, die aus dem Nichts auftaucht und ebenso schnell wieder verschwindet? Und natürlich: wer hätte ein Interesse am Mord von Lucy gehabt? Die allseits beliebte und immer auf Ausgleich bedachte Frau hatte scheinbar keinerlei Feinde und der Tod einer jungen Mutter erscheint völlig unsinnig. Das Ermittlungsteam sieht sich zahlreichen Fragezeichen gegenüber, die sich nur langsam auflösen.

Der Roman lebt vor allem von den Figuren, die wenig durchschaubar sind. Viele lernt man zunächst auch nur durch andere vermittelt kennen, Lucys Tod schon zu Beginn lässt sie nur noch in der Erinnerung ihrer Kollegen und Freunde aufleben – ein Bild das notwendigerweise Lücken aufweist. Auch Rebecca ist zunächst verschwunden, was an sich schon seltsam erscheint und sie verdächtig macht – dies passt wiederum so gar nicht zu dem Eindruck der liebenden Mutter, die sich in dem kleinen Ort und weitgehend isoliert dennoch wohlfühlt. Zuletzt natürlich die unbekannte Frau, die sich als Julia vorstellt, zu der aber außer Rebecca kaum jemand etwas berichten kann. Wo sie herkam, wer sie eigentlich ist und weshalb sie scheinbar gezielt zu Rebecca Kontakt gesucht hat – Fragen über Fragen.

Für mich kein nervenzerreißender Thriller, aber durchaus ein spannender Krimi, der den Leser lange auf die Folter spannt.