Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Angelika Jodl – Laudatio auf eine kaukasische Kuh

Sie ist bereits im Praktischen Jahr als Ärztin, also hat Olga bald ihr Ziel erreicht, von dem die Eltern nach der Auswanderung aus Georgien und der Zwischenstation Griechenland bei der Ankunft schließlich in Deutschland nur träumen konnten. Stolz sind sie auf die Tochter, aber noch besser wäre, wenn sie mit Ende 20 auch endlich unter der Haube wäre. Von ihrem Freund Felix hat sie ihnen nichts erzählt, die beiden Welten passen einfach nicht zueinander, von ihren Kollegen ahnt keiner von ihren Familienverhältnissen, die sie immer noch lieber verschweigt, obwohl ihr Vater unzählige Sprachen spricht und gebildet ist – aber in München sind die nur Migranten mit gebrochenem Deutsch. Auf Besuch bei ihrer Familie trifft sie zufällig auf Jack und ist sogleich fasziniert von dem Lebemann, der sich völlig in sie verschossen hat. Bald schon steht Olga nicht nur zwischen zwei unvereinbaren Welten, sondern auch noch zwischen zwei Männern.

Angelika Jodl unterrichtet Deutsch als Zweisprache und kennt daher viele Geschichten von Zugewanderten, auch Georgien ist ihr von Aufenthalten als Dozentin in Tiflis bestens bekannt, was man bei der lebhaften Schilderung des georgischen Lebens in „Laudatio auf eine kaukasische Kuh“ in jeder Zeile merkt. Ihre Protagonistin steht zwischen den Stühlen, wie es vielen Kinder von Zugewanderten geht, die sich zwischen Kulturen und Lebenswelten bewegen, die sich nicht wirklich vereinen lassen.

Der Roman funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen, einerseits sprießt es in ihm nur so vor humorvollen Episoden und kurzweiligem Slapstick, wie man es auch aus unterhaltsamen Filmkomödien kennt. Highlight sicherlich die kaukasische Kuh, auch wenn der Anlass tatsächlich dramatisch ist. Die zahlreichen kulturellen Differenzen werden ebenfalls mit viel Ironie schamlos überzeichnet geschildert, so dass man mit den Unzulänglichkeiten auf allen Seiten locker leben kann. Andererseits liegen darunter auch ernstzunehmende Aspekte wie eben Olgas Gefühl immer zwischen den Stühlen zu sitzen und die beiden Welten, strikt voneinander zu trennen. So ist es kein Zufall, dass sie gerade in dem türkischstämmigen Kommilitonen einen Freund und Verbündeten findet. Die Erwartungen der Familie – eine von der Tradition geprägte überkommene Frauenrolle –  belasten und vor allem die unermüdlichen Zwistigkeiten mit der Mutter ermüden sie. In dieser Konstellation zu erkennen, was sie wirklich will und wer sie tatsächlich ist – kein leichtes Unterfangen.

Eine lockere Lektüre, die jedoch auch Tiefgang bietet und sowohl unterhalten wie zum Nachdenken anregen kann.

Kopano Matlwa – Du musst verrückt sein, wenn du trotzdem glücklich bist

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Kopano Matlwa – Du musst verrückt sein, wenn du trotzdem glücklich bist

Fünfundzwanzig Jahre ist es nun her, dass in Südafrika die Apartheid gesetzlich beendet wurde. Zu kurz, um auch in den Köpfen den Rassismus zu beenden. Masechaba arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus, wo sie jeden Tag mit ansehen muss, wie Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe nicht nur diskriminiert werden, sondern man sie bisweilen auch einfach sterben lässt. Dass System ist chronisch unterfinanziert und bald schon muss sich die junge Frau fragen, weshalb sie sich das überhaupt antut, immer weitermacht und wo ihre Ideale geblieben sind, denn wenn sie sich nicht anpasst, kann sie den harten Alltag nicht durchstehen. Eine Vergewaltigung durch mehrere Männer in der Klinik wirft sie schließlich völlig aus der Bahn.

„Manchmal möchte ich irgendwas empfinden. Ich führe eine Reanimation durch und weiß, ich sollte etwas dabei empfinden, aber ich weiß nicht mehr, wie das geht. Etwas in mir ist blockiert, steckt fest. Auf meiner Brust liegt ein Gewicht, ich will es wegatmen, aber das kann ich nicht. Deswegen bin ich auch erleichtert, wenn die Patienten sterben.”

Den Klinikalltag, den Kopano Matlwa schildert, ist für unsere Verhältnisse unvorstellbar. Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, sie ist selbst Ärztin und neben ihrer bereits mehrfach ausgezeichneten Schreiberei ist sie als Aktivistin für die Rechte von Frauen engagiert. Die großen Erwartungen ihrer Generation, der sogenannten „Born Free“, nach der Wende und die ebenso große Enttäuschung, da diese in keiner Weise erfüllt wurden, sind ihr literarisches Hauptthema.

„Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich erwartet habe, wie sich »Gutes tun« anfühlen würde. Auf jeden Fall nicht so. Da ist kein Zauber, keine göttliche Erleuchtung. Es ist genauso schwer wie Böses tun”

Das Innenleben der Erzählerin ist schwer zu ertragen. Nicht nur der Rassismus, der in der Klinik offen zur Schau getragen wird, sondern auch die Ohnmacht gegenüber einem System, dem sie nichts entgegenzusetzen hat, sind entsetzlich und werden von der Autorin ungeschönt offengelegt. Masechaba will sich weder den gesellschaftlichen noch den medizinischen Gegebenheiten hingeben, sondern Menschen helfen, Leben retten, aber sie kommt an ihre Grenzen. Wenn sie nicht ebenso abstumpft wie alle anderen um sie herum, wird sie zugrunde gehen. Gewalt ist allgegenwärtig, nicht nur landen die Opfer auf ihren Behandlungsstühlen, sondern die Ärzte und Schwestern selbst müssen immer und überall damit rechnen.

„Doch als ich dort am Boden lag, in jenem dunklen Gang, während sich das Blut langsam um meine Hose sammelte, konnte ich nur noch an Kaliumchlorid denken, 7,46 % in der 10-ml-, 20 % in der 20-ml-Ampulle und viel zu wenig in der vorgefertigten Lösung, um einen tödlichen Herzstillstand auszulösen.”

Nicht nur dass dieses unglaubliche Verbrechen an ihrem Arbeitsplatz geschieht macht einem sprachlos. Es sind vor allem die Reaktionen darauf. Blutend mit zerrissenen Hosen und verstört von dem Erlebnis kritisiert man sie für ihre langsame Arbeit. Der Priester sieht es als göttliche Fügung, ihr persönliches Umfeld bittet sie, die Tat zu verschweigen, eigentlich solle sie froh sein, immerhin lebe sie ja noch und genaugenommen war es doch eh nur ein kurzer Vorgang, der nichts mit irgendwelchen Emotionen zu tun hat. Wie schlecht es ihr damit geht, ist in dieser Welt egal, denn Gewalt gegenüber Frauen gehört so sehr zur Tagesordnung, dass sie nur noch zu Schulterzucken führt.

Ein grausamer Blick in ein Land, dessen Erwartungen nicht erfüllt wurden. Die Schilderungen sind brutal und entsetzlich, dennoch folgt man dem Bericht der Erzählerin gebannt. Immer wenn man denkt, jetzt könne es nicht mehr schlimmer werden, kommt es schlimmer und dennoch gibt es am Ende ein Fünkchen Hoffnung, gerade da, wo man es am wenigsten erwarten würde. Gerade weil die Geschichte eine Herausforderung ist, sollte man sie lesen, um den eigenen Blick auf die Welt und unseren Alltag wieder etwas gerade zu rücken.