Wolfgang Schorlau – Kreuzberg Blues

Wolfgang Schorlau – Kreuzberg Blues

Eine Freundin von Denglers Partnerin Olga ruft aus Berlin um Hilfe. Immobilienhaie haben die Stadt fest im Griff und die Mieter der letzten bezahlbaren Wohnungen sollen nun auch noch vertrieben werden, um nach einer Sanierung mit Luxusapartments mehr Geld aus den Gebäuden zu holen. Silke kann sich das nicht leisten, doch jetzt geht sie mit den Nachbarn auf die Barrikaden, nachdem offenbar aggressive Ratten in ihrem Haus ausgesetzt und ihre kleine Tochter gebissen wurde, ist die rote Linie auch wahrlich überschritten. Dengler begibt sich undercover auf die Spuren der Kröger Immobilien AG, einem der großen Player, muss aber schnell erkennen, dass die Lage deutlich vielschichtiger ist, als zunächst angenommen.

Wolfgang Schorlaus Reihe um den ehemaligen BKA Ermittler Georg Dengler gehört schon seit vielen Jahren zu meinen Highlights im Krimigenre. Nicht nur sind die Fälle spannend und komplex, vor allem überzeugen sie durch ihre politische und gesellschaftliche Brisanz und Relevanz. Im zehnten Auftritt des Stuttgarter Privatermittlers steht der Berliner Wohnungsmarkt im Fokus der Handlung, wird jedoch zum Ende hin überrollt von der Pandemie, die global das Leben 2020 nachhaltig erschüttert hat und welche als kurzen Nebenkriegsschauplatz noch die Welt der Verschwörungstheoretiker streift.

Der zentrale Handlungsstrang um die „Entmietung“ – dass dieses Wort überhaupt existiert, war mir bis dato gar nicht bekannt – von Wohnblöcken wird recht zielgerichtet verfolgt. Das hinter der vordergründigen Neuvermietung zu höherem Preis stehende Geschäftsmodell wird nebenbei gut verständlich erläutert und sorgt so für ein glaubwürdiges Konstrukt der Handlung. Es sind vor allem kleine Nebenhandlungen, die die besondere Würze ausmachen. Beispielsweise die Figur Michael Bertram, CEO der „Deutsche Eigentum“, dessen rücksichtsloser, geradezu menschenverachtender Charakter interessant herausgearbeitet wird. Ein besonderes Highlight ist natürlich Rentner Arthur, der alles sieht, aber nicht über alles spricht, ebenso wie die beiden prollig-doofen Aktivisten Roman und Eddy.

Ein großes Fragezeichen bleibt hinter der „Organisation Fuhrmann“, was geschickt Teile des Romans ad absurdum führt, wird am Ende doch sehr deutlich Position gegen die Verschwörungstheoretiker im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bezogen. Ein reales Pendant gibt es – zumindest meines Wissens nach – nicht, was stutzig macht bei der Serie, die regelmäßig auf echte Ereignisse und Institutionen bzw. Personen zurückgreift. Ein geschickter Schachzug, um Zweifel zu säen oder ein perfides Spiel mit dem Leser, dem der Mythos einer Geheimorganisation untergeschoben wird, die aus dem Untergrund und doch vor aller Augen das große Schiff Deutschland lenkt?

Fazit: Erwartungen voll erfüllt. Spannend mit hohem Tempo, komplex und mehr als aktuell.

Rückblick 2019 – Ausblick 2020

2019weltkarte

2019 ist Geschichte, Zeit für einen Rückblick. Gelesen habe ich viel, mehr als erwartet und ich frage mich, woher ich die Zeit genommen habe. Interessanter jedoch als die Menge ist der Blick auf die Weltkarte mit den Handlungsorten, auf der fast alle gelesenen Bücher vermerkt sind. Wie auch in den letzten Jahren fällt auf:

  • Europa und Nordamerika dominieren drastisch
  • Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien sind kaum vertreten

Ein genauerer Blick auf Europa und Nordamerika:

2019europa

2019Nordamerika

Und siehe da, auch hier keine Überraschung und so ziemlich dasselbe Bild wie in den letzten Jahren:

  • eine große Konzentration auf Frankreich (Paris) und England (London)
  • der skandinavische/nordeuropäische Krimi hinterlässt seine Spuren
  • Osteuropa ist ein weißes Feld
  • die amerikanische Ostküste ist deutlich mehr vertreten als Kanada oder der Rest der USA

Ziele für 2020 daher nicht in Zahlen, sondern geografisch:

  • wieder alle Kontinente belesen
  • mehr aus Afrika, Südamerika, Asien
  • als Gastland der Buchmesse wird Kanada in den Fokus genommen, stellt sich für mich noch die spannende Frage, wie es mit französischsprachiger Literatur aus dem Land aussieht. Es gibt hoffentlich viel zu entdecken.