Emma Brodie – Songs in Ursa Major

Emma Brodie – Songs in Ursa Major

The annual Folk Fest is the biggest event on Bayleen Island in 1969. The atmosphere is pulsating while the audience is waiting for Jesse Reid, latest superstar with his guitar and extraordinary voice. On his way to the show, he has an accident which unexpectedly bring the local band Breakers on stage. It only takes minutes for Jane Quinn, their singer and songwriter, to win the people over with her charismatic performance. It is the birth of a star, the Breakers are invited record an album and to tour with Jesse’s band. Quite naturally, the two musicians fall for each other, but it is not an easy love, neither Jesse nor Jane is the carefree new star, they suffer from bad experiences and the demons that haunt them. Additionally, Jane fights with the music industry’s sexism and a feeling of being considered just Jesse’s accessory. For some time, they ignore all this, but closing their eyes does not prevent them forever from having to face some truths.

Emma Brodie’s novel perfectly captures the vibes of the time. Her protagonists are highly gifted musicians who live for the music and the moment. “Songs in Ursa Major” is an emotionally overwhelming novel which draws you in its world immediately. Especially Jane is a vividly drawn character whom you come to love immediately despite the stubbornness which comes with her musical genius and perfectionism. She is a role model of a strong-minded feminist who sticks to her ideals and is even willing to sacrifice her career and love in order not to give in to the industry’s conception of a female singer.

The thin line between genius and madness had often been mentioned in connection with creative artists. This also holds true for both, Jesse and Jane, who are far from being mentally stable. Together, they can push each other even further in their genius while heading at the abyss at the same time. Following their creative process translating into songs is a wonderful journey which triggers the emotions in the same way listening to music would.

The villains of the music industry with their unconcealed misogyny make you angry at times but seeing how cleverly Jane can also win some fights can make some amends here. As authentic as this aspect is Jane’s emotional state and the way she tries to cope with her family’s situation and her very personal heritage of creativity and madness alike.

A brilliantly written, intense novel perfect for the summer festival season which brings you back to the time of iconic musicians.

Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

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Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter

1968 hat die Welt verändert, für den 11-jährigen Tobi kommt das größte Ereignis seines Lebens jedoch erst im darauffolgenden Jahr mit der Ankündigung der Mondlandung. Doch auch in seinem unmittelbaren Leben wird am Ende des Sommers nichts mehr so sein wie zuvor. Mit dem Einzug der Leinhards ins Nachbarhaus wird so ziemlich alles in Frage gestellt, was bis dato feste Größen in seinem Leben waren: die Rolle seiner Mutter als Hausfrau, das Politische hält Einzug in die Kölner Idylle der Kleinfamilie und aus dem Jungen wird ein Jugendlicher, der mit der Nachbarstochter seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelt. Tobi erlebt seinen persönlichen „Summer of Love“, jedoch auch die Erwachsenen hinterfragen nochmals den Lebensentwurf, für den sie sich entschieden haben.

Ulrich Woelk ist mir namentlich als Autor bekannt, bislang hatte ich jedoch noch keinen seiner Romane gelesen. Mit der Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 ist er jedoch in meinen Fokus gerückt und hat mich neugierig auf seine anderen Werke gemacht. Er ist ein routinierter Erzähler, der ohne Ecken und Kanten durch die Handlung gleitet und einem so das Eintauchen in seine Geschichte leicht macht.

Oberflächlich betrachtet ist „Der Sommer meiner Mutter“ eine Coming-of-Age Geschichte, die er in einer historisch interessanten Zeit angesiedelt hat. Schaut man jedoch genauer hin, birgt der Roman alle großen Themen der BRD in sich, die Ende der 1960er/Anfang der 1970er den öffentlichen und privaten Diskurs bestimmten. Durch die Erzählperspektive kann er sich davor bewahren, zu werten und den Erzähler Position beziehen zu lassen, denn der 11-jähirge Tobi kann nur wahrnehmen, aber nicht einordnen oder gar verstehen, was er sieht.

Was so idyllisch beginnt, läuft dann doch recht stringent auf die unvermeidliche Katastrophe zu. Der Ausgang ist bekannt, denn damit leitet Woelk den Roman ein:

„Im Sommer 1969, ein paar Woche nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

Die Emanzipation hat 1968 bereits Wellen geschlagen, in den Vorstadthäusern bei den Hausfrauen und Müttern war sie jedoch nicht angekommen. Nun ist es so weit und die beiden Nachbarinnen wagen sich, eine Meinung und einen Beruf zu haben, sich aus den selbstgewählten Fesseln zu befreien und ihren Instinkten zu folgen. Währenddessen tragen die Männer den Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus aus, ebenso wie zwischen Geistes- und Ingenieurswissenschaften.  Was nutzt schon all das Denken, wenn man keine Deckenlampe befestigen kann?

Tobias beginnt sich zu lösen, seine Eltern und alle anderen Erwachsenen plötzlich mit anderen Augen, als eigenständige Wesen über ihre unmittelbare Funktion für ihn hinaus zu sehen. Mal neugierig, mal verstört blickt er auf diejenigen, die eigentlich souverän im Leben stehen sollten, gerade aber durch heftige Erdbeben erschüttert werden und ins Wanken geraten. Ulrich Woelk findet das Große im Kleinen und konnte mich vom ersten Kapitel an für die Geschichte gewinnen. Die gesellschaftliche Relevanz ist allemal gegeben, ob es für die Shortlist des Buchpreises reichen wird, wage ich momentan – jedoch in Unkenntnis der meisten Nominierten – jedoch zu zweifeln.

Interessant am Rande zu bemerken, dass ich just vor wenigen Tagen Alain Claude Sulzers „Unhaltbare Zustände“ beendet habe, das ebenfalls in dieser Epoche spielt und ähnlich die Schwierigkeiten des einfachen Menschen mit den großen Umwerfungen thematisiert.