Mithu Sanyal – Identitti

Mithu Sanyal – Identitti

Für Nivedita ist ihre Professorin Dr. Saraswati die Erleuchtung. Endlich jemand, der sie versteht, der ihr die Augen öffnet und zu der Identität verhilft, die sie schon so lange gesucht hat. Mit einem indischen Vater und einer polnischen Mutter war sie nie richtige Deutsche und nie die typische Ausländerin. In ihrem Studium der Postcolonial Studies nun werden Rassismus, Othering und auch Identität greifbar für sie. Doch dann der Schock: Professor Saraswati ist weiß. Sie hat sich ihre Rasse nur konstruiert, sie identifiziert sich selbst als Person of Colour, dabei ist sie nichts dergleichen. Der Internet Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten, aber Nivedita ist noch nicht so schnell fertig mit ihr.

Mithu M. Sanyals Roman greift ein aktuelles Thema auf, was mit ein Grund für die Nominierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis sein dürfte. Stärker jedoch als die thematische Relevanz erscheint mir der lockere Erzählton, der fantastisch zur Protagonistin passt, bisweilen etwas rotzig und doch in der Sache präzise und genau den Nerv der Zeit treffend. Die beiden Frauen, die junge Studentin wie auch die Professorin, bilden interessante Gegensätze, die der Handlung eine besondere Note verleihen.

Nivedita hat zeitlebens ihren Platz gesucht. Bei ihrer Cousine Piti in England ist die Lage einfach, die indische Community ist groß, wird als solche wahrgenommen und ist klar definiert. Mit nur einem indischen Elternteil und keiner weiteren Verwandtschaft in der Nähe ist Nivedita im Gegensatz etwa zu den türkischen Mitschülerinnen weniger offensichtlich einzuordnen, mit der relativ hellen Haut eher etwas wie „Ausländerin light“, was sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ihr direkte Anfeindungen und Rassismus erspart bleiben. Dies macht es jedoch nicht leichter für sie, sich selbst zu identifizieren, denn es gibt für sie wahrnehmbare Unterschiede ohne dass sie in eine der verfügbaren Schubladen passen würde.

Die Professorin hat sich ihre eigene Identität geschaffen, eine Transition von weiß zu PoC erlaubt ihr den Marsch durch die Institution und große Popularität unter den Studierenden. Die Enttäuschung ist groß, noch größer ist jedoch die Frage: darf sie das? Kann Rasse fluide sein wie das Geschlecht? Und: wer hat das Definitionsrecht hierüber?

Interessanterweise ist der Weg in diesem Fall weg von der privilegierten hin zur benachteiligten Identität, was vieles geradezu auf den Kopf stellt. Ihre Anhänger fühlen sich betrogen, man hat sie nicht nur ihres Idols beraubt, sondern auch der Illusion für die eigene Identität zu stehen und dennoch eine Karriere zu haben.

Der Autorin gelingt der Spagat zwischen der Internetsprache, die geschickt untergemischt wird, und dem akademischen Diskurs hervorragend. Aktuelle Fakten und Ereignisse werden ebenso nebenbei eingebaut wie sie strukturellen Rassismus offenlegt. Wenn engagierte Literatur etwas erreichen will, dann so. Ein lockerer Ton bei ernsthafter Thematik, auch mal lustig und dadurch, dass alles gegen bekannte Narrative läuft, nicht verletzend, sondern eher das Denken in bekannten Mustern störend und dadurch neue Denkwege erlaubend. Dieser Roman wäre wahrlich ein würdiger Kandidat für den diesjährigen Buchpreis.

Nicole Trope – The Mother’s Fault

Nicole Trope – The Mother’s Fault

Even though Beverly is rather young for a mother, she has done the best in raising her son Riley the past eight years. Partners have been in the picture but whenever they got too close, she withdrew in her cocoon. But now, Ethan does not seem to accept her decision and by sending expensive toys tries to win Riley’s favour. However, Beverly is mistaken, the anonymous presents are from somebody else, somebody who has been searching her and who is watching her now, waiting for the best moment to strike. Somebody who knows her past and above all, the secret she has successfully hidden for years. Finally, her luck seems to come to an end and she is not only threatened to be exposed but also to lose the most precious thing of her life: her son.

Nicole Trope has wonderfully plotted the action in her thriller so that the reader is immediately gripped. By alternating the chapters’ focus, we are presented with different points of view that fuel speculation about who is this unnamed observer, what is this person up to and, first and foremost, what is Beverly hiding? I totally adored hypothesising about these questions, running in the wrong directions while the conflict slowly unfolds and heads towards a climax.

Beverly is a character you are fond of instantly. She is a lot younger than the other mothers and feels inferior not only due to her age but also senses that she needs to do better than the fellow moms to avoid being looked down on. Being a single parent is hard enough, for her, the pressure put on her from the outside makes it even harder. She only wants the best for Riley and is willing to put her personal luck second which is quite a compassionate attitude. That she becomes the focus of a villain seems unfair even though you are aware from the beginning that she, too, has some secrets which might be rather nasty.

A brilliantly crafted psychological thriller with some unexpected turns that kept me riveted from the beginning to the end.