Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Es müssen wohl Außerirdische sein, die den Süden Englands im Sommer 1989 mit wundersamen Mustern überziehen. Anders kann sich die Presse nicht erklären, was plötzlich morgens auf den Feldern erscheint. Es sind Kunstwerke, perfekt ausgearbeitete, harmonische Figuren, die selbst Wissenschaftler zum Staunen bringen. Doch die Erklärung ist viel schlichter, denn dies sind die Taten von zwei Männern, die darin ihre Aufgabe gefunden haben. Sorgfältig wählen die beiden Außenseiter Redbone und Calvert die Orte aus, an denen sie das, was in Redbones Kopf entsteht, künstlerisch umsetzen. Sie zerstören dabei nicht, sondern achten penibel darauf, weder das Korn noch die Tiere zu stören. Bei ihrer Arbeit in den Feldern fühlen sie das, was vielen Menschen bereits verloren ist: eine tiefe Verbundenheit und Demut vor der Natur und dem, was diese erschaffen hat. Sie werden ein Teil davon. Es geht ihnen nicht um Ruhm, sie bleiben im Verborgenen, namenlos, glücklich sind sie, wenn sie das Ergebnis betrachten können und erleben, was dies mit den Menschen macht, die plötzlich wieder den Blick auf die Natur richten.

„(…) sowohl Redbone als auch Calvert spüren, dass sie Teil einer langen Ahnenreihe von Männern und Frauen sind, die über Tausende Jahre hinweg in verzücktem Staunen auf just diesen Feldern gestanden haben, betört und fasziniert von der Magie des Nachthimmels, und die Kleinheit ihres Lebens und die Kostbarkeit ihres Heimatplaneten wird ihnen immer bewusster.“

Benjamin Myers gelingt es meisterlich in seinem Roman, die Motive der beiden Kornkreiskünstler greifbar zu machen und die Leidenschaft der Protagonisten auf den Leser überspringen zu lassen. Es genügen schon wenige Zeilen, um in den Bann gezogen zu werden, der die beiden Männer erfasst hat und obwohl beide nur wenig von sich preisgeben, fühl man sich doch schnell mit ihnen und ihrer Mission verbunden.

Redbone und Calvert schaffen ihren eigenen Mythos, der viel größer ist als sie, deshalb sind ihre Namen auch irrelevant, und sie arbeiten akribisch und diszipliniert und folgen ihrem ungeschriebenen Kodex, der nicht nur Sicherheit vor Entdeckung gibt, sondern auch den sorgsamen Umgang mit der Natur regelt. Verschwörungstheoretiker, Esoteriker, Wissenschaftler – sie alle analysieren und kommentieren, was sich morgens im Schein der Sonne offenbart und doch entgeht ihnen der Kern der Nachricht: die schlichte Perfektion der Natur zu erkennen, die die beiden ungleichen Freunde erreichen, weil sie auf ihr Innerstes hören und nicht über dem stehen, was die Welt um sie herum bietet.

„Alle Lebewesen haben eine ureigene Aufgabe, und das ist ihre, genau wie es Redbones und Calverts Aufgabe ist, Kornkreise zu machen und sonst nichts.“

Die Geschichte spielt nicht zufällig im Jahr 1989, die Protagonisten haben den Schatz erkannt, der ihnen geschenkt wurde und sehen, wie die Menschheit ihren Lebensraum zupflastert. Der Sommer ist heiß, erste Zeichen des Klimawandels werden ersichtlich. Handeln ist erforderlich, sie denken, dass sie noch Zeit haben, weil man erkennt, was man gerade zerstört und die Folgen abwenden oder zumindest abmildern kann. Wir wissen es heute besser, die Menschheit hat nicht nur nichts getan, sondern die Lage noch verschlimmert, so wie die beiden die Folgen der Veränderung bereits zu spüren bekommen, rennen auch wir sehenden Auges in unseren Untergang.

Der Roman, der lange Zeit die Faszination des Planeten zelebriert, streut schließlich gnadenlos Salz in die Wunde der Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit, mit der der Mensch nicht wertschätzt, sondern zerstört, was ihm geschenkt wurde. Eine Einladung zum Nachdenken und Handeln.