Yishai Sarid – Siegerin

Yishai Sarid – Siegerin

Schon als kleines Mädchen war Abigail nicht nur zielstrebig, sondern intellektuell ihren Altersgenossen weit voraus. Als Tochter eines der renommiertesten Psychologen des Landes, zu dem sie stets bewundern aufgeschaut hat, führt ihr Weg sie unweigerlich in dieselbe Richtung. Anders jedoch als der Vater, der geplagte Seelen therapiert, findet Abigail ihre berufliche Heimat bei der israelischen Armee und berät dort die Befehlshaber, wie sie ihre Untergebenen am besten motivieren können, wie sie erkennen, wer den Biss hat, alles für sein Land zu geben, und wer mental stark genug ist, die anspruchsvollsten Aufgaben im Nahkampf zu erfüllen. Ihr Vater hat für diese militärische Nutzung seiner Profession nur Verachtung übrig, doch Abigail geht ganz in ihrer Arbeit auf. Bis ihr Sohn Schauli einberufen wird und sie plötzlich die Armee auch aus dem Blick einer Mutter betrachten muss.

Wie immer in Yishai Sarids Romanen herrscht eine thematische Vielschichtigkeit und Multiperspektivität, die zeigt, dass es in der Realität, in der wir leben und die der Autor literarisch einfängt, keine einfachen Lösungen für komplexe Fragen gibt. Bewusst führt er seine Figuren in den emotionalen Ausnahmezustand, der es ihnen kaum mehr erlaubt, einen klaren Kopf zu behalten und die gut zurechtgelegten Argumentationsstrategien anzuwenden, die kurz zuvor noch funktionierten. Ähnlich wie auch in „Limassol“ stehen wieder die Armee und ihr Verteidigungsauftrag im Zentrum der Handlung, eine Institution, die schon historisch bedingt und tief im Bewusstsein der Bewohner verwurzelt – durch den obligatorischen Wehrdienst für alle zudem für jeden persönlich erfahrbar – eine besondere Stellung im Land innehat und per se nicht infrage gestellt werden darf, auch wenn dies aus rein menschlicher Sicht mehr als gerechtfertigt wäre.

Eines der großen Themen des Romans ist das Verhältnis der Generationen. Der Vater als überhöhte Figur, die bewundert wird und der sich das Familienleben unterordnet, vor allem auch Abigails Mutter, die scheinbar ein bedeutungsloses Dasein führt. Zu spät erkennt Abigail, dass sie deren Lebenskonzept grundlegend nicht verstanden und ihr tiefes Unrecht getan hat. Für ihren Sohn entscheidet sie sich ebenfalls für einen starken Vater, der jedoch fern und geheim bleiben muss, als Ergebnis einer Affäre wächst Schauli ohne männliches Vorbild auf; die Mutter mit ihrer Nähe zu den Kampfeinheiten und zahlreichen Einsätzen auch an der Front, liefert ihm jedoch ein klares Bild davon, wie ein israelischer Soldat zu sein hat. Nur dass Schauli das nicht ist. Er ist zu jung, um dies zu erkennen, die Mutter mit zu verstelltem Blick, um ihn retten zu können. Projektionen und hohe Erwartungen prägen die Entscheidungen, die die Kinder treffen – die schlechtesten aller Motivationen.

Nicht wenige Leser werden mit der Geschichte hadern, bietet sie statt Handlung über weite Strecken Exkurse in die komplexen psychologischen Auswirkungen des Kampfeinsatzes. Dies ist Abigails Thema, ihr ganzes berufliches Dasein dreht sich um gezieltes Töten und den Umgang damit, getötet zu haben. Dies ist erforderlich, um ihre Faszination nachvollziehen zu können und auch um die Nebenfiguren besser einordnen zu können. Keine Materie, der ich üblicherweise viel Interesse entgegenbringe, die jedoch in dem Roman-Setting und vor dem Hintergrund von Israels real gegebener Bedrohungslage, durchaus einen Blick wert ist und ungeahnte Sichtweisen ermöglicht.

So wird auch das unlösbare Dilemma aufgebaut, mit dem sich Abigail schließlich konfrontiert sieht: die Expertin mit der klaren Vorstellung davon, wie man mit jungen Männern und Frauen sprechen muss, um diese von der Sinnhaftigkeit ihres Tuns in der Armee zu überzeugen, soll selbiges bei ihrem eigenen Sohn tun. Doch die Gewissheit, dass er dabei Sterben kann und womöglich das, was er erlebt, nicht so erfolgreich verarbeitet wie erforderlich, lassen plötzlich ungeahnte Zweifel wachsen.

Der Autor kann die hohen Erwartungen einmal mehr vollends erfüllen. Geschickt verbindet er Realwelt mit Fiktion und lässt es zur Eskalation kommen, der man sich auch als Leser stellen muss.

Ein herzlicher Dank geht an den Kein & Aber Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.