Thomas Reverdy – Ein englischer Winter

Thomas Reverdy – Ein englischer Winter

Der Londoner Winter des Jahres 1978-79 ist nicht nur aufgrund der niedrigsten Temperaturen seit Jahrzehnten hart. Das Land versinkt im Streik und droht an der miserablen Wirtschaftslage zu zerbrechen. Er wird als „Winter of Discontent“ in die Geschichtsbücher eingehen und den Weg für die Eiserne Lady Margaret Thatcher ebnen, die mehr als ein Jahrzehnt die Geschehnisse im Land lenken wird. Doch so weit ist es noch nicht und die Fahrradkuririn Candice, die eigentlich Schauspielerin werden möchte, bereitet sich auf ihre Rolle als Richard III in Shakespeares Königstragödie vor. Auf ihren Touren durch die Stadt sieht sie, wie sich London entwickelt, wie die Streiks immer mehr Spuren hinterlassen. Bei Besuchen bei ihrer Familie erlebt sie live die Haltung der enttäuschten, ausgebeuteten Arbeiterklasse. „Crisis? What Crisis“ – die berühmte Doppelfrage des Premierministers wird zum Symbol des Bruches zwischen der politischen Klasse und der Bevölkerung.

Thomas Reverdys Roman, der 2018 Finalist um den Prix Goncourt und Sieger des Prix Interallié war, ist in 34 kurze Kapitel gegliedert, die jeweils mit einem Songtitel aus der Punk-Ära überschrieben sind. Die Musik, die als Untergrundbewegung begann und sich gegen das Establishment richtete, passt als kultureller Ausdruck der Unzufriedenheit und des Aufstands gegen autoritäre Ideologien hervorragend zu dem, was sich im Winter der Unzufriedenheit auf gesamtgesellschaftlicher Ebene abspielte. Es ist bereits Reverdys dritter Roman, der literarisch reale Ereignisse verarbeitet und diese durch seine Figuren greifbar macht.

„1978 stand ganz England vor so etwas wie einem Abgrund. Man war sich nicht einig darüber, was zu tun sei, um aus dieser Situation herauszukommen, die eine Schande für das Land war und eine Bedrohung für einen selbst. Aber man musste etwas tun. Man kann nicht allzu lange am Rand eines Abgrunds stehen und mit den Armen rudern. Die allgemeine Ansicht war, dass man springen müsste.“

Immer wieder spielt Reverdy mit den Parallelen zwischen Kunst bzw. Kultur und der Realität. In ihrer Vorbereitung auf das Shakespeare Stück analysiert Candice die Figur Richard III, der alles andere als zufällig gewählt wurde. Er war der letzte des Hause Plantagenet und besiegelte mit seinem Tod dessen Untergang. Ähnliches steht der Labour Party für lange Zeit bevor, was deren Vorsitzender jedoch nicht wahrzunehmen scheint. Alte Allianzen zwischen Arbeitern, Labour und dem Boulevard werden aufgekündigt, der Anbruch einer neuen Zeit ist unausweichlich. Das Ende eines skrupellosen Machtmenschen, der völlig die Bodenhaftung und den Bezug zu den Untergebenen verloren hat: „Crisis? What Crisis?“ – man könnte es nicht besser auf den Punkt bringen.

Candice scheitert mich dem Versuch ihre Fahrradkurir-Kollegen zur Teilnahme am Streik zu motivieren, stattdessen werden ihr von ihrem Chef eindeutig die Machtverhältnisse in der Arbeitswelt aufgezeigt. Es brennt in England, das Land steckt in einer Schockstarre, aus der nur ein starker Leitwolf führen kann. Oder eine Wölfin.

Ein sozialpolitisches Buch, das sich jedoch gar nicht politisch liest. Reverdy gelingt die Verbindung von individueller und kollektiver Perspektive, die Mechanismen und Dynamiken aufzeigt und dabei auch noch unterhaltsam zu verfolgen ist.