Mila Kuhn – Tafeldienst. Eine Mutter wechselt die Seiten

Mila Kuhn – Tafeldienst. Eine Mutter wechselt die Seiten

Die Journalistin und Mutter Mila Kuhn fühlt sich berufen, ihr Glück im Schuldienst zu versuchen. Aus studierte Germanistin und Mutter zweier Kinder ist sie dafür ja auch geradezu prädestiniert. Doch dann der erste Rückschlag: man zieht ihr ausgebildete Lehrkräfte vor! Und als sie dann an einer sogenannten Brennpunktschule landet, muss sie auch noch erkennen, dass der Beruf anstrengend ist und sie nicht nachmittags um 14 Uhr auf der Terrasse einen Cocktail schlürfen kann, wie sie sich das Lehrerdasein eigentlich immer vorgestellt hat. Aber all das hält sie nicht davon ab, nach wenigen Monaten ein Buch mit revolutionären Tipps zu verfassen, auf die das eingeschränkte Personal im Schuldienst noch nicht gekommen ist.

Nicht erst seit der Coronakrise fühlt sich ja jeder zum Bildungsminister berufen und spart nicht, mit unzähligen und vor allem ungefragten Ratschlägen zum Unterrichten. Die Autorin hat sich immerhin die Mühe gemacht, selbst in eine Schule zu gehen und sich als Lehrerin zu versuchen. Vermutlich intendierte sie eine leichte und humorvolle Lektüre mit ihrem Buch, dass sie dabei ziemlich verächtlich und respektlos über Kinder spricht (die sowieso alle „einen Schatten haben“ und ihr „auf den Zeiger gehen“), ist ja egal, sind ja nicht ihre eigenen – und zum Glück hat sie den Job inzwischen wieder an den Nagel gehängt.

Auf knapp 300 Seiten wird der Rundumschlag über das deutsche Schul- und Bildungssystem gewagt. Zu kritisieren gibt es sicherlich einiges, schön wäre gewesen, wenn es noch fundiert gewesen wäre. Die Methoden sind Mist, auch wenn sie bei den Kolleginnen funktionieren – dass es daran liegen könnte, dass sie sie nicht verstanden hat und falsch ansetzt, steht natürlich außer Frage. Es klappt alles total gut, auch wenn sie feststellt, dass viele Kinder gar nichts lernen und nur die, die sowieso gut sind und gar keinen Lehrer bräuchten, weiterkommen. Dann kennt sie noch einen Fall, in dem ein Lehrer in der Grundschule keine Empfehlung fürs Gymnasium gegeben hat, aus dem Junge ist aber inzwischen ein Ingenieur geworden. Ein klares Indiz dafür, dass Lehrer gar keine Ahnung haben und falsche Prognosen erstellen. So reiht sich eine Episode an die Nächste ohne je das Stammtischparolenniveau zu verlassen.

Wider Erwarten ist der Alltag anstrengend und eine Horde Kinder zu bändigen klappt nicht mit zweimal in die Hände klatschen. Nach langen Schilderungen des ungeahnt stressigen und arbeitsintensiven Lehrerdaseins schließt sich das große Reformprojekt an. Noten abschaffen, Fächer abschaffen, Sitzenbleiben abschaffen. Dass vor ihr noch nie jemand etwas infrage gestellt hat! Da braucht es schon Frau Kuhn, um zu erkennen, dass Schulen keine Orte der Glückseligkeit sind und man doch einfach nur nach Finnland gucken müsste. Joa, ein bisschen weniger Selbstbeweihräucherung und Auseinandersetzung mit der Materie (man kann Finnland nämlich nicht mal eben kopieren, aber immerhin hätte man sie dort niemals auf Schüler losgelassen – es ist vielleicht doch ein Blick wert) hätten dem Thema gut getan.