Karin Kalisa – Radio Activity

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Karin Kalisa – Radio Activity

Nachdem sie fluchtartig die USA und ihre Tanzcompagnie verlassen hat, kehrt Nora in ihre Heimatstadt und die Wohnung ihrer Mutter zurück. Neben dem Talent fürs Tanzen hat sie auch eine außergewöhnliche Stimme, geradezu perfekt fürs Radio und so plant sie mit zwei Freunden einen eigenen Sender. Auf 100,7 werden sie als Tee und Teer – Meer Radio der Ostfriedenküste einen neuen Sound einflößen. Aber Nora hat noch eine zweite, heimliche Agenda, die sie mit dem Sender verfolgt. Jahrzehntelang hatte ihre Mutter geschwiegen, erst auf dem Sterbebett hat sie ihr ein schreckliches Vergehen anvertraut, das zu berichten sie als Kind nicht in der Lage war: der Missbrauch durch ihren Nachhilfelehrer, einen angesehenen Bewohner der Stadt. Da das Recht nicht auf Noras Seite ist, hat sie einen nachhaltigen Plan der Rache entwickelt und dieses Mal soll nicht verschwiegen, sondern öffentlich bekannt gemacht werden.

Karin Kalisas Roman beginnt eigentlich eher heiter mit der zunächst nur gealberten Idee eines Senders, die dann aber zunehmend konkreter wird und den Figuren, genau wie dem Leser, unheimlichen Spaß bereitet. Ganz heimlich schleicht sich jedoch ein zweiter Plot ein, der um den nicht gesühnten Missbrauch und mit diesem wandelt sich auch die Stimmung von heiter-locker zu trüb-melancholisch. Man begleitet Noras Mutter in den letzten Stunden, in denen sie endlich bereit ist, über das zu sprechen, was man ihr angetan hat. Der Autorin gelingt es trotz dieser doppelt schweren Thematik, den Leser emotional nicht in ein Loch fallen zu lassen, denn die Protagonistin selbst wird nun aktiv und vor allem kreativ, um diese Tat nicht einfach mit dem Sarg der Mutter für immer zu begraben. Ein Thema, über das nicht leicht zu schreiben oder sprechen ist, das in diesem Roman aber von unterschiedlichen Seiten beleuchtet und auch informativ in die Handlung eingebaut wird, ohne diese zu erdrücken.

«Natürlich haben wir miteinander gesprochen – wie man eben miteinander spricht, wenn man zusammen in einer Schule, aber nicht befreundet ist. Über Noten und Lehrer. Aber darüber, nein, darüber haben wir nicht gesprochen.»  «Wenn ihr euch zusammengetan hättet, hättet ihr ihn fertigmachen können», sagte Nora. Ihre Mutter schwieg. «Wenn wir uns nicht so geschämt hätten, es auszusprechen», sagte sie dann. Voreinander. Jede eine Zeugin der anderen.

Noras Mutter teilt ein Erlebnis, wie es leider vielfach vorkommt und verschwiegen wird, durch Druck und Scham bleiben Täter oft unentdeckt und ganz häufig passiert es quasi vor den Augen der Eltern und Lehrer. Nein, das ist eigentlich keine Thematik, über die man an einem heißen Sommernachmittag lesen möchte. Doch, es ist eine Thematik, über die geschrieben und gesprochen werden muss, um den Opfern eine Stimme zu geben und den Danebenstehenden die Augen für das zu öffnen, was sie sehen können, wenn es schon nichts zu hören gibt. Gerade unter diesem Gesichtspunkt finde ich es hilfreich, wenn Literatur sich solcher Themen annimmt; sie erlaubt es, sie als Fiktion ein Stück weit von einem zu schieben, über die Empathie, die man mit den Figuren empfindet, aber auch ein Verständnis für die Not und die Dringlichkeit zu entwickeln – und vielleicht auch dem einen oder anderen Betroffenen Mut zu schenken.

Wunderbare, eigensinnige Figuren bringen die Handlung voran. Es sind die Introvertierten und oft Unscheinbaren, die hier Großes bewegen. Dabei begleitet einem die Autorin auf einer emotional hohen Welle, die einem jedoch gemächlich wieder in sichere Gewässer leitet. Vielschichtig und tiefgründig, dabei sprachlich auf den Punkt und federleicht. Und was bleibt am Ende: die Hoffnung, dass es immer genügend Menschen mit (vielleicht nicht ganz so viel krimineller) Energie, Kreativität und vor allem Mut gibt.

Heidi Perks – Three Perfect Liars

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Heidi Perks – Three Perfect Liars

When Laura returns to her job after six month of maternity leave, she expects Mia, who substituted her in this time, to be gone. Yet, the young woman is still there, at Laura’s desk and with Laura’s most valuable customer and: she got a permanent contract. Laura is furious and soon convinced that there is something wrong with that seemingly sympathetic colleague who makes friends with everybody easily. The more Laura digs into it, the more paranoid she gets, neglecting her husband and young son, her mind only circulating around how to dethrone the enemy. Mia actually has something to hide and yes, there was a reason why she rushed to this rural area and wanted explicitly to work in this company. Janie, Laura and Mia’s boss Harry’s wife, on the contrary, is a full time mom and at the moment totally frustrated. It is not just that she has given up a splendid career, something is nagging on her and slowly destroying her marriage. When one evening, the offices burn down, all three of them seem to have had good reasons to destroy the company. But, did they also count on killing somebody inside the building?

Heidi Perks’s mystery is a marvellous story which hooked me immediately and keep me reading on as soon as I had started. Three female protagonists are very different from each other and hard to see through at the beginning. But the more you see them interact with each other, the more suspicious you get and while I was reading, I was constantly shifting sympathies since every piece of information added to the picture and slightly changed it.

At first, I felt compassionate for Laura. Coming back after months at home now struggling with her new role as mother and having a career at the same time. Her husband’s constant criticism – even though completely justified – and having somebody younger and attractive stealing her post while her boss lacked supporting her: I could easily understand why she felt like losing all confidence in herself and increasingly getting obsessed with Mia. I didn’t really like the later at first, mainly due to the fact that she was presented through Laura’s point of view, she seemed like an intruder with evil intentions. Yet, there was also another side which she kept from the office and which told an entirely different story. I didn’t know what to do with Janie, was it just lamenting at a very high level? Having a wonderful family and lots of money, what did she have to complain about? It was herself who suggested giving up her career. She was certainly the character least tangible of the three and her motives of ending her marriage remained quite blurry until the end.

A brilliantly crafted plot with a very female and perfidious fight between the three. There was also something really tragic about the story when the motives were finally revealed which kept me pondering about the fact that how easily you put together an allegedly coherent picture of a person or a situation while you might be totally wrong.