Cihan Acar – Hawaii

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Cihan Acar – Hawaii

Eine brütende Hitze, die die Menschen langsam zermürbt, liegt über Heilbronn. Auch Kemal Arslan leidet unter den unerträglichen Temperaturen, doch nicht nur diese machen ihm zu schaffen. Einst stand ihm die große weite Welt offen, das junge Fußball-Talent, dass es zu den renommierten Vereinen schaffen würde, doch ein Unfall hat all diese Hoffnungen zunichtegemacht und nun streift er durch seine Heimatstadt ohne zu wissen, was er sucht oder wohin er will. Er trifft ehemalige Freunde, verabschiedet sich von seinen Eltern, die auf dem Weg in die Türkei sind, landet in einem Striplokal und einem Spielcasino. Er sucht seine Ex-Freundin Sina auf, doch die will auch nichts mehr von ihm wissen. Während Kemal den Sinn im eigenen Dasein sucht, bricht derweil in dem Problemstadtteil Hawaii der Krieg aus. Neonazi wollen ihren Lebensraum zurück und Kemal sieht sich zwischen allen Fronten.

Cihan Acars reflektiert die Frage nach dem Dazugehören gleich auf mehreren Ebenen. Er lässt seinen Protagonisten drei Tage und einen Morgen durch die schwäbische Stadt streifen und in unterschiedlichsten Begegnungen wird diesem immer klarer, dass er weder weiß, wer er ist, noch wohin er gehört. Je mehr Menschen ihn vereinnahmen wollen, desto stärker wehrt er sich gegen eine Zuordnung und muss letztlich feststellen, dass er nirgendwo so richtig hineinpasst. Er muss seine Heimat vermutlich ganz woanders suchen. Die Grenzen verlaufen auf ganz unterschiedlichen Ebenen, es gibt Türken, Deutsche und Deutschtürken, es gibt Reiche, Arme und die Dazwischen, man spricht Deutsch und Schwäbisch und Türkisch und irgendwas aus allem. Jedes kleine Merkmal kann die Gemeinschaft definieren oder zur Abgrenzung dienen, ein andauernder Tanz auf dem Vulkan, der jederzeit auszubrechen droht.

„Manche meinen, die Amis hätten den Namen eingeführt, also die Soldaten, die hier früher stationiert waren. Andere sagen, dass es ironisch gemeint ist, nach dem Motto: Was für eine miese Gegend, sind wir doch mal witzig und benennen sie nach einem Paradies.“

Hawaii, Heilbronn. Nicht die Inseln mit den Traumstränden, sondern das Problemviertel, das der Autor selbst gut kennt, stammt er doch aus Heilbronn. Eine Zukunft ist dort nicht zu erwarten, dies teilt der noch junge Protagonist mit der Stadt. Wo sich einst große Träume hinter den Augen abspielten – die zugewanderten Arbeiter, die in Deutschland gutes Geld für ein besseres Leben verdienen wollten, und Kemal Arslan, der davon träumte Fußballstar zu werden – ist nun nur noch Verfall. Am Ende ist die Hälfte niedergebrannt und lediglich Ruinen lassen erahnen, dass es einmal hoffnungsvolle Zeiten gab. Der Trümmerhaufen der Stadt spiegelt den Trümmerhaufen wieder, den Kemal empfindet. Doch um sich selbst wieder aufzubauen, müsste er wissen, nach welchem Plan er vorgehen muss.

Die Identitätsfrage wird das leitende Motiv in der Suche. Er ist nicht mehr der Fußballstar, der bei einem türkischen Club spielt und echte Fans hat. Doch er kann auch nicht mehr nur der Sohn eines türkischen Gastarbeiters sein, der in einer Reinigungsfirma sein bescheidenes Geld verdient. Um von der türkischen Community anerkannt zu werden, muss er deren Codes und Sichtweisen übernehmen, doch diese sind ihm fremd geworden. Von der Exfreundin und deren Familie und Freunden wird er als Sportler und damit Leistungsträger akzeptiert, sobald jedoch aus dem Star nur noch der verletzte Türke wird, sieht es mit der Akzeptanz dünn aus. In der ultimativen Konfrontation mit den Nazis und der Frage, zu welcher Seite er mit seinem untypischen, nicht unmittelbar zu identifizierenden Aussehen gehört, erkennt er, dass genau da der Knackpunkt liegt: er gehört nirgendwohin.

Bisweilen komisch, manchmal bizarr schildert Acar die Rastlosigkeit Kemals und erlaubt in seinen Konfrontationen einen Einblick in das komplexe Innenleben des Protagonisten, das man zu Beginn nicht erwartet hätte.

Amy Engel – The Familiar Dark

amy engel the familiar dark
Amy Engel – The Familiar Dark

Two 12-year-old girls have been murdered, but except for their parents, nobody really seems to care about it. Maybe they had it coming, that’s how it is with girls their age, they should have paid more attention to whom they mingle with. Eve Taggert is not willing to simply accept that her daughter Junie has gone and nobody is hold responsible for the senseless death. What did she and her friend Izzy do in the park at that time and bad weather? She starts to ask questions even though her brother Cal, a policeman and close to the investigation, tries to keep her away and out of trouble which her private research soon causes. The more Eve learns, the closer she also gets to her own family and especially her mother with whom she had cut all contact before Junie was born because she never wanted to be like her. But in the course of the events, Eve must realise that she shares more traits with her mother than she ever expected.

Amy Engel’s mystery novel deals with the greatest horror that parents could ever go through: learning about the death of their beloved child and having the impression that nobody bothers to find the culprit and to bring him or her to justice. However, it is also about life in small and remote community where poverty and precarious standards of living are a daily occurrence. Growing up in trailer homes or small, run-down apartments where children only get a nook for themselves and see the adults drink alcohol or being addicted to drugs of all kinds – this is not the childhood one could ever wish for. Even if some want the best for their children, just like Eve, getting out of this isn’t as easy as it seems.

The story is narrated from Eve’s point of view which gives you a deep insight in the emotions she goes through. Not just losing her daughter and thus the sense of life, but she also falls back into old patterns she had given up and totally loses her footing. Even though she could not offer Junie much, she put an effort in her daughter’s education and she lead a decent life and loved her – more than she herself had experienced as a kid. To see such a woman being hit by fate is especially bitter.

Amy Engel does a great job in showing the development of Eve, going from being totally blinded by mourning and anger to gaining strength – even if she becomes a bit too reckless and headless at times – and in the end, fearlessly doing what she needs to do.

Notwithstanding that a lot is going wrong in the small town of Barren Springs, what I liked a lot is that the author did not paint the characters in black and white. The greatest villains do also show their positive and human sides – just as the “good” ones suddenly are capable of quite some crime.  Albeit a murder investigation is at the centre of the novel, for me it was much more a psychological study of small town life and people who struggle in life. It does not lack suspense though and several unexpected twists and turns keep you reading on.