Rosanna Amaka – The Book of Echoes

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Rosanna Amaka – The Book of Echoes

The new decade has just begun when life as he knows it ends for 16-year-old Michael Watson: his mother is murdered in their home and he and his little sisters find themselves alone in Brixton. The person who always told him that people of Jamaican descend have to work two times as hard as others and should keep their head down is gone and it does not take too long until his mother’s concerns are proven right. Thousands of kilometres south in a small Nigerian village, Ngozi has to say goodbye to her mother and younger sisters, she is sent to town to work as a maid and earn money for the family. Two kids who hardly have anything in common except for the very poor and hard start in life. Yet, they are born fighters and in them, they carry the echo of decades of people who had to face a similar situation and also fought for their future.

Rosanna Amaka tells the two very different stories alternatingly, you switch from Thatcher London to chaotic Nigeria and even though the surrounds could hardly differ more, there are some parallels between Michael and Ngozi. It is obvious that their lives have to collide at one point, yet, much less obvious to answer is the question if they will succeed and escape the poor life they are born in.

I totally adored the story around Ngozi even though there is not much to adore in her life. The hardship of her family who does not know how to make ends meet, a father who ignores his kids and later the families who employ and exploit her. Born and raised in Europe, one cannot really imagine the life of a girl of her background:

“’Ngozi, as a woman there are some things we have no choice in,’ she says and gets up from her chair. (…) She goes to sleep and to cry over the innocence her daughter will lose.”

Young girls are the most vulnerable and those who can just take advantage of it. Her employer, the employer’s wife, white men coming to Africa who believe to be superior and to have the right to treat people there like goods – it is not just what they have to endure but also how they seem to accept this as a fact of life, just as Ngozi’s mother put it.

For me, it took a bit too long to bring the two parts together, admittedly, the end was also a bit too foreseeable and sweet. Each on its own works perfectly well and could have done without the other actually. Nevertheless, the novel is beautifully written and I totally enjoyed reading it.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

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Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Alexander ist noch gar nicht in seine neue Minsker Wohnung eingezogen, als er auch schon die Bekanntschaft mit der scheinbar exzentrischen Nachbarin Tatjana Alexejewna macht, vor der ihn die Maklerin gewarnt hat. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte der 91-Jährigen, die an Alzheimer erkrankt ist und oftmals heute schon vergessen hat, was gestern geschehen ist. An ihre Vergangenheit kann sie sich jedoch sehr gut erinnern. Den Zweiten Weltkrieg, ihre Arbeit im Außenministerium, ihren vermissten Mann Ljoscha und die Tochter Assja, die man ihr entrissen hat, als man sie wegen Volksverrat ins Lager schickte. Ein bewegtes Leben hat sie hinter sich, das exemplarisch für viele in der ehemaligen Sowjetunion steht. Mit dem Erzählen ihrer eigenen Geschichte, bewahrt sie diese nicht nur vor dem eigenen Vergessen, das der Krankheit geschuldet ist, sondern auch vor dem kollektiven Verdrängen der Straftaten, die die Kommunisten hinter dem Eisernen Vorhang über viele Jahre verübten.

„Rote Kreuze“ ist der erste Roman des weißrussischen Autors Sasha Filipenko, der ins Deutsche übersetzt wurde. Der Journalist und Drehbuchautor sagt im Nachwort zu seinem Roman, dass für ihn ein guter Roman nicht nur eine Geschichte erzählen soll, sondern Geschichte haben muss. Die Recherche um die Gräuel des Stalin-Regimes setzt er literarisch um und schafft es, auf nicht einmal 300 Seiten ein wichtiges Kapitel der russischen Geschichte wieder ins Bewusstsein zu rufen und den Opfern mit Tatjana Alexejewna eine Stimme zu verleihen.

Trotz ihrer Geburt in London und zahlreicher Reisen in Westeuropa, wird Tatjana Alexejewna schnell eine Anhängerin des Kommunismus als sie nach Moskau übersiedelt. Rückblickend fällt es ihr schwer nachzuvollziehen, wie sie so lange die Augen vor den untrüglichen Anzeichen des sich nähernden Krieges verschließen konnte. Sie dient ihrem Land und wird doch als Verräterin hart bestraft. Nicht die Prügel und die Entbehrungen des Straflagers sind es jedoch, die ihr zusetzen, sondern die Ungewissheit darüber, was mit ihrem Mann und ihrer Tochter geschah und vor allem das schlechte Gewissen wegen einer Kleinigkeit, einem minimalen Betrug, von dem sie hoffte, dass sie so dem Schicksal ein Schnippchen würde schlagen können. Am Ende ihres Lebens angekommen, kann sie nichts mehr beängstigen, nicht einmal mehr Gott, sollte es ihn denn geben:

 „Jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“

Vergessen und Erinnern sind die zentralen Themen des Romans. Nicht nur die alte Dame, sondern auch der junge Nachbar kann und will vor der Erinnerung nicht davonlaufen. Alexanders Los ist zwar gänzlich anders gelagert, aber auch er hadert mit unabwendbaren Entscheidungen einer übermenschlichen Macht, denen er jedoch alles Menschenmögliche entgegensetzt.

Neben der historischen Relevanz des Themas begeisterte mich Filipenko mit unzähligen wundervollen, treffsicheren Formulierungen, die das Lesen zu einem Fest machen. Auch vermeintliche Nebensächlichkeiten wie die wiederholten Verbindungen von Handlung mit Musik – wie etwa Tschaikowskys 5. Symphonie, die nach Tatjana Alexejewnas Empfinden die ganze Dramatik der russischen Geschichte widerspiegelt – man mag sich die Stücke sofort anhören, um noch mehr in die Handlung einzutauchen als man das ohnehin schon tut.

Ein Roman, bei dem einfach alles stimmt – schon jetzt eins der Highlights 2020. Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.

Peter Zantingh – Nach Mattias

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Peter Zantingh – Nach Mattias

Mattias ist nicht mehr da. So selbstverständlich er früher Teil ihres Lebens war, müssen sie nun die Lücke füllen, die er hinterlässt. Wer war er? Was macht der Verlust mit jenen, die jetzt ohne ihn weiterleben müssen? Seine Freundin, die das Fahrrad in Empfang nehmen muss, das er noch bestellt hatte; die Großeltern, die sich nichts mehr zu sagen haben und so die Trauer auch nicht zum Ausdruck bringen können; der Freund, der langsam erblindet und mit dem er noch Pläne für ein gemeinsames Café hatte; die Mutter, die gar nicht begreifen kann, was da geschehen ist. Immer mehr Figuren kommen in ihrer Trauer und Wut zu Wort, um das zum Ausdruck zu bringen, was in ihnen los ist und ihre ganz persönliche Verbindung zu Mattias zu schildern, jetzt, wo er kein Teil ihres Lebens mehr ist.

Es gibt viele Bücher, in denen der Tod und Verlust eines geliebten Menschen im Fokus steht. Peter Zantingh hat einen ganz eigenen Weg gefunden, das Thema umzusetzen. Es ist omnipräsent ohne jedoch ausschließlich zu dominieren, der Autor erfasst genau das, was mit jenen passiert, deren Leben weitergeht und nicht einfach stehenbleibt, um dieses Ereignis zu begreifen und verarbeiten. Die Welt dreht sich weiter, sie müssen den Alltag bewältigen, teils banale Dinge tun und können nicht einfach stehenbleiben und innehalten. Dieser neue Gedanke ebenso wie das Nichts, das jetzt den Platz von Mattias eingenommen hat, sind auch da, drängen Mal nach vorne, halten sich mal im Hintergrund, sind aber nun Bestandteil ihrer alltäglichen Realität.

Es gibt Fragen im Leben, auf die es keine Antworten gibt. Warum ist etwas geschehen, warum hat es gerade ihn oder sie getroffen, wie soll es jetzt weitergehen? Sie haben entweder keine Antwort oder ganz viele, da jeder eine eigene für sich selbst finden muss. Genau das müssen Peter Zantinghs Figuren auch. So verschieden ihre Beziehung zu Mattias war, so verschieden sind auch ihre Wege mit der Trauer umzugehen und die Emotionen, die der Verlust mit sich bringt. Sie alle haben Erinnerungen, aber diese könnten unterschiedlicher kaum sein.

„Beim Saubermachen stieß ich ein Buch, in dem er gelesen hatte, von der Fensterbank. Auf dem Fußboden fiel das Lesezeichen heraus. Darüber habe ich eine Stunde lang geheult. Weil ich nun nicht mehr wusste, auf welcher Seite er gewesen war.“

Was vielleicht unter der Last des Kummers zu erdrücken droht, gelingt Zantingh auf eine Weise einzufangen, die einem mitfühlen lässt, aber nicht beklemmt. Gerade diese kleinen Momente, die einem in so einer Ausnahmesituation verzweifeln lassen, beschreibt er und bringt so etwas Urmenschliches hervor, das man gut nachvollziehen kann und doch bisweilen als Außenstehender womöglich leicht einmal abtut.

Die vielen Gesichter der Trauer werden feinsinnig und sensibel geschildert und irgendwie bleibt doch der Gedanke, dass es weitergeht, das mit dem Tod nicht alles aufhört, denn Mattias leben weiter in ihren Gedanken und Erinnerungen.

Ein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Autor und Buch finden sich auf der Verlagsseite.