Peter Middendorp – Du gehörst mir

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Peter Middendorp – Du gehörst mir

Tille Storkema wächst in einem niederländischen Dorf auf einem abgeschiedenen Bauernhof auf. Seine Eltern leben so, wie es seit Generationen der Fall war, bestimmt durch den Wechsel der Jahreszeiten, dem natürlichen Gang der Dinge folgend. Als er Ada kennenlernt, wirbelt diese sein Leben durcheinander, sie hinterfragt die nie in Frage gestellten Regeln, fügt sich letztlich aber in die kleine Gemeinschaft ein, denn so etwas wie Familie hat sie selbst nie kennengelernt und vielleicht ist das der Preis für ein Zuhause. Doch dann geschieht etwas, das Tille als er bereits Vater ist, von seinem üblichen Weg abbringt. Ein junges Mädchen, eine Wiese, ein Verbrechen. Doch er wird nicht gefasst. Zwei Jugendliche Asylbewerber verdächtigt man. Und Tille muss mit der Schuld leben.

Schon wenn man den ersten Satz von Peter Middendorps Roman liest, ist einem klar, dass der Autor seine Leser nicht schonen wird. Mit dem grausamen Unfall mit dem Mähdrescher, der Tilles Vater beinahe das Leben gekostet hätte, beginnt die Geschichte und legt den Grundstein für die völlige Verstörung des Jungen, die in dessen Erwachsenenleben erst richtig dramatische Züge annehmen wird. Der Blick in den Kopf eines Mannes, dessen Horizont begrenzt ist, der nie aus seinem Dorf herausgekommen ist und an dem jede Entwicklung vorbeigegangen ist. Keine leichte Lektüre und bisweilen grenzwertig bis verstörend.

Der Roman basiert lose auf dem Mord an der 16-jährigen Marianne Vaatstra, die 1999 in der Nähe ihres Elternhauses in Zwaagwesteinde vergewaltigt und ermordet wurde und deren Tod zu Ausschreitungen gegenüber den Bewohnern eines Asylbewerberheims führten. Der Täter wurde erst 2012 dank einer großangelegten DNA Analyse ausfindig gemacht. Bis dahin lebte der Bauer unbehelligt in der Nähe des Tatortes. Bei der Verhandlung sagte er aus, dass ihm, als er das Mädchen auf dem Fahrrad sah, plötzlich der Gedanke „Du gehörst mir“ durch den Kopf geschossen war und er nicht anders handeln konnte.

Middendorp findet die passende Sprache für dieses verstörende Verbrechen, für diesen gestörten Protagonisten. Starke Parallelen zur Natur ruft er hervor, um die Verbundenheit der Bauernfamilie zu unterstreichen; kurze Sätze und knappe Dialoge versinnbildlichen das schlichte Gemüt Tilles, der das Geschehen als Unfall sieht, der leider unvermeidlich war. Unfälle passieren halt, ohne dass jemand etwas dafür könnte. Ein schockierendes Buch, das so manchem Leser auch schwer zusetzen dürfte.

Ivna Žic – Die Nachkommende

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Ivna Žic – Die Nachkommende

Auf dem Weg zurück nach Kroatien, das bei ihrer Geburt noch Jugoslawien war, davor hieß es auch schon einmal Kroatien. Das Land, aus dem der Großvater einst vor dem Krieg flüchten wollte, die Eltern vor einem anderen Krieg flohen und das sie nur noch in den Ferien bereist. Um die Großeltern zu sehen, die Verwandten, die Kindheitsfreundinnen, zu denen sie aber weitgehend den Kontakt verloren hat. Quer durch Europa, über mehrere Grenzen, mehrere Sprachen hinweg. Und doch finden sich in ihr die Geschichten der früheren Generationen, spürt sie das, das da ist, über das man nie gesprochen hat, über das man nicht mehr sprechen will. Doch es bleiben Bilder und Erinnerungen, die sie in sich trägt und die auch sie überdauern werden.

Ivna Žics Roman ist für den Österreichischen Buchpreis 2019 nominiert und bietet genau das, was man von einem Kandidaten für diese Auszeichnung erwarten würde: ein Text, den man sich erarbeiten muss, der nicht unmittelbar und leicht zugänglich ist, der aber, wenn man sich daran macht ihn zu entfalten, viele Schichten an Denkanstößen bietet und trotz der Kürze eine unheimliche Tiefe erreicht. Es ist die Geschichte einer Generation, in deren Leben nichts stabil zu sein scheint. Weder Beziehungen noch Orte bieten Halt, immer auf der Reise zu oder weg von etwas, ohne genau zu wissen, wo man herkommt und wohin man geht.

„Jede Ankunft und jede Abreise lassen diese alte Geschichte noch älter werden. Und zugleich von vorne beginnen.“

Der sommerliche Familienbesuch der Erzählerin bietet den Hintergrund der Erzählung. Abfahren, Ankommen, die Zeit dazwischen zusammengepfercht mit Fremden in Bus oder Zug aushalten. Immer wieder dasselbe Spiel im Sommer, zu Ostern, zu Weihnachten, zu Beerdigungen und Hochzeiten. Zurück zu einer Kindheit, die langsam verblasst, in eine inzwischen fremde Welt. Die Häuser haben die Geschichte konserviert, unter vielen Lagen Farbe findet sich die vielen Lagen der politischen Systeme, der rivalisierenden Gruppen, der immer wieder neu beginnenden Zeit. Nur die Menschen schweigen:

„Der Großvater und dieses Land schwiegen bis zum nächsten Krieg und der Großvater noch etwas länger. Die Eltern, die Verwandten, alle, die gefragt werden, hören weg, winken müde ab (…)“

Die spezifische Beziehung zwischen Mensch und Raum, die dem Begriff „Heimat“ ihren individuellen Sinn verleiht, ist für diese Generation im Schwebezustand. Früh entwurzelt, um dem Krieg zu entkommen, fehlt den älteren Generationen die Kraft, ihnen das mitzugeben, was sie verorten könnte. Ganz anders als Saša Stanišić, der in seinem Roman „Herkunft“ dieselbe Thematik aufgreift – und dafür auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht – beleuchtet Ivna Žic das Schicksal der Generation von Kindern aus allen Teilen des früheren Jugoslawien, die heute über die Welt verstreut sind. In das öffentliche Bewusstsein dringt dies nicht vor, zu sehr sind sie an die neuen Länder angepasst und inzwischen von anderen Kriegsgeflüchteten abgelöst worden. Aber in der Literatur scheint ihr Thema wenigstens einen Ort zu finden.

Dror Mishani – Drei

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Dror Mishani – Drei

Drei Frauen, drei Schicksale. Orna ist von ihrem Mann verlassen worden und nun mit dem Sohn Eran, der wegen seiner multiplen Auffälligkeiten permanent in psychologischer Behandlung ist, alleine. Über eine Dating-App lernt sie einen Mann kennen, der in einer ähnlichen Trennungssituation zu stecken scheint und der in ihr die Hoffnung weckt, dass auch sie wieder einen Partner finden könnte, mit dem sie glücklich sein kann. Emilia sucht weniger nach dem Glück, nachdem der Mann, den sie mehrere Jahre lang gepflegt hat, verstorben ist. Die gebürtige Lettin benötigt dringend eine neue Arbeit, um in Israel bleiben zu können. Doch die Familie ihres neuen Pflegefalles ist ihr nicht wohlgesonnen. Auch Ellas Leben schenkt ihr gerade wenig Freude, die drei Kinder stressen sie und mit Mitte 30 hat sie immer noch nicht ihr Studium abgeschlossen. Eine zufällige Begegnung in einem Café bringt wenigstens wieder etwas Reiz in den Alltag.

Mir ist Dror Mishani bereits als Autor der Avi Avraham Reihe bekannt, die mich mit jedem Band begeistern konnte. In seinem aktuellen Roman „Drei“ kommt der Ermittler nicht vor, insgesamt erweckt der Roman zunächst ohnehin nicht den Anschein, überhaupt ein spannendes Element zu enthalten. Doch dann lässt Mishani sein ganzes Können zum Vorschein kommen und bietet dem Leser eine unglaublich clever konstruierte Geschichte, die einem immer wieder auf falsche Fährten schickt und die alle scheinbar losen Teile perfekt zusammenlaufen lässt.

Es ist nicht einfach zu diesem Roman eine Rezension zu schreiben ohne zu viel von der Handlung zu verraten und die wirklich gelungenen Überraschungsmomente für potenzielle Leser kaputtzumachen. Mishani brilliert auf allen Ebenen: der geniale Handlungsverlauf, der auf einer ausgeklügelten Figurenzeichnung basiert, wird durch den ruhigen, bisweilen fast monotonen Erzählton unterstützt, der vor sich hinplätschert, bis der Autor den Leser brutal aus der Lethargie reißt. Glaubt man ein Schema zu erkennen, hat man sich geirrt, so leicht lässt er einem nicht davonkommen.

Ein außergewöhnlicher Roman, der durchaus auch gesellschaftskritische Züge aufweist und so Spannung mit Anspruch gekonnt kombiniert und nur unterstreicht, weshalb Mishani aktuell als einer der besten israelischen Krimiautoren gilt.