Georges Simenon – Striptease

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Georges Simenon – Striptease

Frankreich 1950er Jahre, Cannes, Hauptstadt der Schönen und Reichen – und der schönen, aber nicht so reichen und erfolgreichen Mädchen wie Célita. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Marie-Lou arbeitet sie als Stripteasetänzerin im „Monico“. Wie immer bevor der Inhaber Léon Tourmaire ein Mädchen anstellt, testet er auch ihre Fähigkeiten im Bett, doch Célita macht es ihm nicht leicht, was ihn besonders reizt, eine Affäre mit ihr zu beginnen, obwohl seine Frau Florence ebenfalls im Monico arbeitet und beide stets im Blick hat. Célita wartet auf ihre Chance die Gattin zu ersetzen, doch als die junge Maud Leroy auftaucht, ist nicht nur ihr Platz in Gefahr, sondern sie droht auch noch einen gefährlichen Fehler zu begehen.

Wer Georges Simenon von dem Commissaire Maigret Krimis kennt, wird etwas überrascht sein von seinem roman dur, einer Bezeichnung, die Simenon selbst für die Werke jenseits des Pariser Ermittlers gewählt hat. Kennzeichnen dieser Geschichten ist vielfach, dass man auf der anderen Seite des Verbrechens steht und die Person hinter der Tat kennenlernt. Weniger das einschneidende Ereignis steht im Fokus als das, was letztlich dazu geführt hat. So ist auch „Striptease“ kein Kriminalroman, obwohl gedroht wird, Waffen besorgt werden und es am Ende auch eine Leiche gibt.

Die Handlung wird im Wesentlichen aus Sicht der 32-jährigen Célita geschildert. Über ihren Werdegang vor ihrer Ankunft in Cannes erfährt man nur wenig, auch da gab es schon Affären mit verheirateten Männern, die für sie nicht gut endeten. Die Mädchen im Monico sind trotz immer wiederkehrenden Streitereien eine eingeschworene Gemeinschaft, mit dem Rest der Bevölkerung der Kleinstadt haben sie nicht viel zu tun, es wäre auch undenkbar, denn zu dieser Zeit war öffentlich zur Schau gestellte Nacktheit noch ein absolutes Tabu. Célita hofft auf das bessere Leben, aber sie setzt dabei immer auf Männer statt sich ihrer eigenen Fähigkeiten zu bemächtigen. Vermutlich ist ihr gar nicht klar, dass nur sie selbst der Schlüssel aus dieser Situation sein kann. Entsprechend ausweglos scheint die Lage, als Maud ihren Platz als Geliebte einnimmt. Dass sie dennoch das Herzen am rechten Fleck hat, sieht man vor allem im zweiten Teil des Buchs, der Célita auch von ihrer verletzlichen Seite zeigt und den langsamen, aber unaufhaltsamen Verfall beschreibt.

Simenon hatte die Geschichte eigentlich als Drehbuch angelegt, der Inhalt hätte jedoch zu seiner Zeit niemals die Zensur passiert, weshalb die Idee einer Verfilmung bald wieder aufgegeben wurde. Es gibt sicherlich Romane, die intensiver das Gefühlsleben und den Niedergang einer Protagonistin schildern, aber gerade in der Kürze und Fokussierung liegt Simenons überzeugende Stärke. Eine ganz andere, aber nicht minder lesenswerte Seite des Autors.

Eric Ambler – Epitaph for a Spy

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Eric Ambler – Epitaph for a Spy

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gönnt sich Josef Vadassy seinen ersten Urlaub seit vielen Jahren. Lange lebte der Sprachenlehrer in England, die zunehmend schwierige politische Lage brachte ihn schließlich nach Paris und nun an die Côte d‘Azur. Der gebürtige Jugoslawe mit ungarischem Pass will seine geliebte Kamera testen, auf die er lange gespart hat. Als er jedoch seine entwickelten Bilder abholen will, wird er verhaftet. Auf den Bildern waren nämlich nicht nur Eidechsen, wie er angab, sondern auch Aufnahmen von militärischen Einrichtungen, was den Mann mit der ungeklärten Nationalität sehr verdächtig macht. Offenkundig hat jemand die Kameras vertauscht und wenn er kein Spion ist, dann muss es einer der anderen Gäste sein. Der französische Geheimdienst zwingt ihn zur Zusammenarbeit und droht mit der Deportation, die unweigerlich im Tod enden wird. Josef Vadassys Ermittlertätigkeiten sind mehr als dilettantisch und statt dem wahren Täter auf die Spur zukommen, scheint er viel eher sein eigenes Grab zu schaufeln.

Eric Ambler gehört zu den Erfindern der Spionageromane, die sich insbesondere durch einen hohen Grad an Realismus auszeichnen. „Epitaph for a Spy“ (in der ersten Übersetzung „Die Stunde des Spions“, in der späteren „Nachruf auf einen Spion“) war sein dritter Roman, den er 1938 verfasste und der die angespannte Lage auf den europäischen Kontinent authentisch einfängt. Kein Urlaubsgast kann einfach mehr die französische Riviera genießen, alle beobachten argwöhnisch die Mitbewohner und stellen Vermutungen über deren Hintergründe und Motive an.

Der Roman folgt erwartungsgemäß einem sehr klassischen Setting und sowohl die Figuren wie auch das Setting sind hervorragend aufeinander abgestimmt. Der über allem drohende Weltkrieg macht die Hotelgäste nervös. Die schweizer Besitzerin führt offenbar mit dem deutschen Schimler oder Heimberger – weshalb benutzt er zwei Namen? verdächtig! – etwas im Schilde, die Geschwister Skelton werden plötzlich küssend am Strand gesehen, die Liste der Verdächtigen wird immer länger, je näher Vadassy sie kennenlernt. Auch wenn die Geschichte klar ein Spionageroman ist, muss man doch immer wieder über die Unfähigkeit des Protagonisten, aber auch über das seltsame Vorgehen der scheinbar korrumpierten Polizei schmunzeln. Allein schon der Gedanke eine Person wie Vadassy ermitteln zu lassen, erscheint absurd. Doch die wahre Verstrickung zeigt sich erst am Ende der Geschichte und alle Fragen lösen sich sauber auf.

Unterhaltsamer Krimi aus längst vergangener Zeit. Eher mit humorvollen Passagen und auch durch die politischen Anspielungen überzeugend als durch eine hochspannende und komplexe Story. Erwartungen dennoch voll erfüllt.