Marijke Schermer – Unwetter

marijke-schermer-unwetter.jpg
Marijke Schermer – Unwetter

Ein Leben, aufgebaut auf einem Geheimnis, das nach vielen Jahren wieder an die Oberfläche drängt. Emilia hat es sich mit ihrem Ehemann Bruck und den beiden Söhnen nahe Amsterdam gemütlich in einem alten Häuschen eingerichtet. Ihr Job erlaubt es ihr viel von zu Hause zu arbeiten und ihren Interessen nachzugehen, während Bruck als Arzt Schichten im Krankenhaus schiebt. Zwei Ereignisse bringen das fragile Gebilde jedoch plötzlich ins Wanken: ein Hochwasser ist angekündigt, das ihr geliebtes Häuschen hinterm Deich ebenfalls bedrohen könnte und Emilias Arbeitskollege wird von einer Praktikantin des Missbrauchs beschuldigt. Emilia wehrt sich gegen die Erinnerung, doch diese ist übermächtig und raubt ihr zunehmend die Kraft, den Alltag zu bewältigen. Soll sie nach zwölf Jahren doch noch offenbaren, was damals geschah?

Marijke Schermer widmet sich in ihrem kurzen Roman im Wesentlichen zwei ganz essentiellen Fragen: was geschieht mit einem Menschen, wenn die mühsam aufgebaute psychologische Stabilität plötzlich aus dem Gleichgewicht gerät und ein unaufhaltsamer Abwärtsstrudel beginnt? Wie viel Wahrheit und wie viel Geheimnis verträgt eine Beziehung? Beides stellt sie eindrücklich in „Unwetter“ dar.

Als Leser weiß man schon früh um Emilias Erlebnis: sie wurde in ihrer Wohnung überfallen, verprügelt und vergewaltigt. Dies war zu der Zeit als sie Bruck kennenlernte, dem sie das Geschehen jedoch nie berichtete, weil sie von ihm nicht als Opfer wahrgenommen werden wollte. Verschiedene Ereignisse rufen die Erinnerung jedoch wach und sie leidet nach all den Jahren plötzlich an etwas, das einem posttraumatischem Belastungssyndrom stark gleicht. Angst überfällt sie, sie hat gedankliche Aussetzer, Erinnerungslücken und stellt plötzlich ihr ganzes Leben in Frage. Ihr Mann kann in dieser Situation keine Stütze sein, denn er ist kein Vertrauter wie ihr Bruder. Man kann Emilias Entscheidung zu schweigen nachvollziehen, doch es war auch zu erwarten, dass dies sich irgendwann rächt – an ihr und an ihrer Beziehung.

Spiralförmig nähert sich Schermer dem Höhepunkt: das Wasser steigt und ebenso die Krise in der Familie. Die Ausgangssituation erlaubt keinen einfachen Ausweg; man weiß als Leser nicht, was man der Protagonistin wünschen oder raten sollte, dass es zu einer Entscheidung kommen muss, ist offenkundig. Auf der Inhaltsebene unerwartet spannend, in der Figurenzeichnung überragend und sprachlich rundum überzeugend. Emilias Gedankenwelt ist vielschichtig und differenziert, was es leicht macht, ihren Überlegungen zu folgen und die psychische Ausnahmesituation nachzuempfinden. Keine leichte Kost, aber gerade deshalb so lesenswert.