Veikko Bartel – Mörderinnen

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Veikko Bartel – Mörderinnen

Wer einen Menschen tötet, ist ein Mörder und schuldig. So einfach. Und manchmal genauso falsch. Veikko Bartel ist Strafverteidiger und schildert vier Fälle von Frauen, die ohne Frage einem Menschen das Leben genommen haben, aber die Frage nach ihrer Schuld ist keineswegs so einfach zu beantworten. Elvira P. tötet ihr Kind, ein grausames und verabscheuungswürdiges Verbrechen, doch was vor Gericht geschieht, lässt ihr Leben und die Tat in einem anderen Licht erscheinen. Hertha F. ist schon jenseits der 70, als sie den Mord an ihrem Mann begeht – doch wirklich daran erinnern kann sich die einstige Karrierefrau nicht mehr. Gina S. hingegen weiß sehr genau, was sie getan hat, aber die Sichtweise des Opfers ihres Mordversuchs verblüfft die Ermittler. Und Natascha G. scheint ebenfalls zwei Gesichter zu haben: das, das die Polizei sieht und das, das die Männer in ihrem Leben sehen wollen. Vier eindeutige Fälle, bei denen am Ende gar nichts mehr eindeutig ist.

„So unterschiedlich die Fälle, so verschieden meine Mandanten in Alter, Motiven, Lebensläufen waren, auf welchem Wege sie wem das Leben nahmen – eine Erkenntnis ist allumfassend: Jeder Mensch kann töten. Und er wird es tun, kommt er nur an eine ganz bestimmte Grenze.”

Das Zitat stammt aus der Einleitung des Buchs und zu diesem Zeitpunkt mag man es dem Autor noch nicht ganz glauben. Die Fälle jedoch, die er beschreibt, sind eindeutige Belege hierfür. Keine der Frauen war durch und durch böse, keine hatte Tötungsabsichten aus reiner Mordlust. Sie alle vier sind das Ergebnis der Umstände, in denen sie aufgewachsen sind bzw. leben. Sie begehen Taten, die sie sich selbst vermutlich nie hätten träumen lassen und die kaum zu dem Bild passen, das man sonst von ihnen hat. Der erste Eindruck, nachdem man von der Tat hört, muss revidiert werden und am Ende des Prozesses fragt man sich tatsächlich, ob nicht die Täterinnen die eigentlichen Opfer sind.

„Fast 20 Jahre Strafverteidigung haben mir zwei fundamentale Erkenntnisse beschert. Zum einen (das ist mein vollster Ernst): Das Gute wird siegen. Immer.
Zum anderen: Es gibt Paralleluniversen. Wenn ich am Tag nach einem Prozess, in dem ich verteidigt hatte, die Zeitungsberichte über genau dieses Verfahren las, wusste ich oft: In diesem Verfahren habe ich definitiv nicht verteidigt.”

Dies ist die andere Erkenntnis, zu der Bartel kommt und die man leicht nachvollziehen kann. Der voyeuristische Boulevard benötigt Meldungen, die in ein bestimmtes Schema passen und die sensationelle Schlagzeilen produzieren. Die Fälle der Frauen passen nicht dazu, weshalb die Darstellung in der Presse entweder verkürzt und zugespitzt wird, so dass man die Menschen dahinter gar nicht mehr erkennen kann, oder die Fälle verschwinden genauso schnell wieder in der Schublade wie sie aufgepoppt waren.

Ein lesenswertes Buch, das zwar viele intime Details offenlegt, aber den Schmalen Grat zwischen Voyeurismus und erläuternder Darstellung locker meistert. Für mich nicht nur informativ und interessant, sondern vor allem bereichernd und zum Nachdenken anregend.