Davit Gabunia – Farben der Nacht

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David Gabunia – Farben der Nacht

„An diesem 21. September 2012 hat sich die Welt verändert und wird nie wieder sein wie zuvor. Auf geht’s, an die Arbeit, denkt er.“

 

Vier Wochen zuvor. Surab kann nicht schlafen, zu heiß ist der Sommer in Tiflis, weshalb er und Tina die Kinder auch zur Oma aufs Land geschickt haben. Gegenüber wohnt ein neuer Mieter, ein junger Mann, der nachts regelmäßig Besuch bekommt. Von anderen Jungen. Und Männern. Surab beobachtet sie, beginnt irgendwann Fotos zu machen und auszukundschaften, wer wann kommt und wer diese Männer sind. Tina schläft derweil, zu lange und anstrengend sind ihre Tage im Büro. Und bei der Hitze hat man eh keine Lust auf körperliche Nähe. Je näher Surab den Menschen in der gegenüberliegenden Wohnung kommt, desto weiter entfernen er und Tina sich voneinander. Und dann kommt der 21. September, der alles verändern wird in ihren beiden Leben.

Davit Gabunia gilt derzeit als einer der populärsten georgischen Autoren. „Farben der Nacht“ ist der erste Roman, den man in deutscher Übersetzung von ihm lesen kann. Im Zuge des Gastlandauftritts Georgiens auf der Frankfurter Buchmesse 2018 ist auch er hierzulande bekannt geworden und mit diesem Roman konnte er mich überzeugen.

Man weiß von Beginn an, dass die Geschichte auf einen dramatischen Höhepunkt hinlaufen wird. Zunächst wird die Handlung durch die Großstadthitze und das nächtliche Wachsein bestimmt. Surab hat das Wort, neben der Beschreibung seiner Beobachtungen ist jedoch auch die Introspektion und die Analyse seines Daseins etwas, das ihn beschäftigt. Er hat keine Arbeit, seien Frau muss mit ihrem Bürojob die Familie ernähren und er kümmert sich um die beiden Söhne. Was als Lebensmodell für unzählige Frauen völlig in Ordnung geht, kratzt jedoch an seinem männlichen Ego, dass sein Freund den Haushalt und die Kundenbetreuung nicht als Arbeit anerkennt, macht dies nicht einfacher. Erst durch das Treiben in der fremden Wohnung bekommt er wieder eine Aufgabe und sein Tag eine Struktur – wenn auch eine gänzliche gegensätzliche als die seiner Frau.

Aber auch die anderen Figuren kommen zu Wort: Merab, der nächtliche Besucher, dessen homoerotischen Abenteuer unter keinen Umständen öffentlich werden dürfen. Die alte Nachbarin, die glaubt, dass man ihr übel mitspielt und sie nicht mehr ernst nimmt. Schotiko, der junge Mieter, dem scheinbar gar nicht auffällt, dass er heimlich beobachtet wird. Und Tina, die eine ganz andere Geschichte zu erzählen hat als Surab. Fünf Figuren, die alle ihrem Leben nachgehen und deren Wege sich unbewusst kreuzen. Fünf Figuren, die nach der unheilvollen Nacht nicht mehr in ihr altes Leben zurückkehren können. Der Fokus liegt auf den Menschen, die politischen Umwälzungen in Georgien, die täglichen Demonstrationen in Tiflis kommen nur als Randnotiz vor.

Ein typischer Großstadtroman der modernen Welt. Auf engstem Raum sitzt man zusammen und doch könnte man kaum weiter voneinander entfernt sein. Man teilt unweigerlich das Leben miteinander, aber letztlich ist sich jeder selbst am nächsten.