Michaela Kastel – So dunkel der Wald

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Michaela Kastel – So dunkel der Wald

Vor Jahren schon wurden sie entführt und leben nun als Kleinfamilie fernab anderer Menschen im Wald. Jeder Fluchtversuch ist sinnlos, Paps würde sie aufhalten und dann droht ihnen das, was so viele andere Mädchen zuvor auch erlebt haben: sie bezahlen mit ihrem Leben für den Ungehorsam. Doch Ronja kann und will nicht mehr, aber Jannik kann sie nicht auf ihre Seite ziehen, obwohl er genauso gelitten hat wie sie. Doch dann ergibt sich die Chance und sie packt die beiden Kleinen ein, irgendjemand wird ihnen helfen. Doch statt der Hilfe erleben sie die Wut des Ersatzvaters, der Ungehorsam als unverzeihliche Sünde erachtet. Es kommt zur Eskalation und nur durch den Tod können sie sich befreien. Doch die Freiheit, die sie sich vorgestellt haben, wartet auch da nicht…

Michaela Kastels Thriller greift den grausamsten Alptraum aller Eltern auf: die Entführung des Kindes, jahrelange Ungewissheit und der schlimmste vorstellbare Missbrauch durch einen Psychopathen, der die Kinder manipuliert und einschüchtert, so dass diese gar nicht mehr an die Welt außerhalb der Kleinfamilie abgeschieden im Wald glauben. Die Autorin spart die furchtbarsten Szenen aus, deren Beschreibung ist auch gar nicht erforderlich, man weiß und kann es sich lebhaft vorstellen, was hinter den verschlossenen Türen geschieht. Das Grausame besteht nicht in den physischen Taten, sondern in dem, was diese mit den Seelen der Kinder machen, wie diese sich entwickeln und was sich nach der vermeintlichen Befreiung von ihrem Täter erst als Folgen offenbart.

Der Thrill ist ohne Frage gegeben, der Roman lebt jedoch nicht wie so oft vom Kampf zwischen Polizei und Täter, auch wenn dieser geschildert wird, sondern davon, wie die Kinder plötzlich selbst drohen Täter zu werden. In Ronja zeigt sich die jahrelange Qual besonders deutlich: sie weiß eigentlich, was richtig und falsch ist, aber das verschobene Weltbild erlaubt ihr und Jannik jedoch nicht, das Richtige zu tun. Zu sehr wurden sie indoktriniert als dass sie an die Menschen jenseits ihrer kleinen verqueren Familie glauben könnten. Zu groß die Angst, selbst als Täter wahrgenommen zu werden, obwohl sie doch Opfer sind. Dass ihre Eltern sie suchen oder gar vermissen könnten, daran glauben die beiden schon lange nicht mehr.

Die größte Überraschung ist ohne Frage, dass der eindeutige Täter schon früh im Roman aus dem Leben scheidet und die unmittelbare Bedrohung eigentlich gebannt zu sein scheint. Doch dann beginnt der tatsächliche Thriller erst. Eine interessante und sicher ungewöhnliche Konstruktion, die „So dunkel der Wald“ klar von anderen Romanen abhebt und mich nicht nur überraschen, sondern vor allem überzeugen konnte.