Pierre Lemaitre – Opfer

pierre-lemaitre-opfer
Pierre Lemaitre – Opfer

Ein Missgeschick mit einem Füller führt Anne Forestier in ein Einkaufszentrum. Auf dem Weg zu den Toiletten stört sie eine Gruppe von Räubern, die ein Juweliergeschäft überfallen wollen und die Zeugin niederstrecken. Doch die Frau überlebt und könnte eine Aussage machen. Aber noch viel brisanter: sie ist nicht einfach eine Frau, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war, sondern auch die Partnerin von Camille Verhoeven, Pariser Kommissar, der den Fall zugleich an sich zieht, denn nicht nur die privaten Gründe, sondern auch eine offene Rechnung mit dem vermuteten Täter treiben ihn an. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt und wer die Oberhand behält, ist völlig offen.

„Opfer“ ist nicht mein erster Roman von Pierre Lemaitre und bisher konnte er mich durch clevere Geschichten mit unerwarteten Wendungen und interessante Charaktere überzeugen. Dieser Thriller jedoch bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und so manche Länge hat die Spannung etwas leiden lassen.

Zunächst schien mir die Grundidee, den Kommissar ganz persönlich mit dem Fall zu involvieren und die private Wut als weiteren Antrieb zu verwenden, ein überzeugendes Motiv. Dass Verhoeven dadurch bekannte Pfade verlässt, sich selbst schuldig macht und Vorschriften ignoriert, war passend und glaubwürdig. Auch dass die Figur von Anne Forestier nach und nach in einem anderen Licht erscheint, konnte die Spannung steigern. Allerdings haben Verhoevens Trauer um seine verstorbene Ehefrau und das scheinbar kopf- und ziellose Umherirren immer wieder die Zielstrebigkeit der Ermittlung und der Handlung vermissen lassen.

Auch der Schreibstil, der durch ein Stakkato an kurzen Sätzen geprägt ist und eher wie Gewehrsalven daherkommt als dahinzufließen, hat das Lesen doch erheblich holpriger gestaltet als ich das vom Autor gewohnt bin. Die minutenweise dokumentationsartige Kapitelgestaltung und die Perspektivenwechsel sind zwar grundlegend eine gute Idee, um das Tempo zu erhöhen und eine gewisse Atemlosigkeit in der Handlung entstehen zu lassen, haben hier aber nicht ganz ihre intendierte Wirkung entfalten können.

Ein starker Einstieg und durchaus cleverer Plot, die jedoch im Laufe der Geschichte etwas zerfleddern und unter dem Stil leiden, daher leider ein eher verhaltenes Fazit.