Lucy Fricke – Töchter

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Lucy Fricke – Töchter

Martha und Betty sind seit 20 Jahren befreundet, so lange teilen sie bereits Kummer und Leid, aber auch Freude und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Martha Betty bittet sie zu begleiten und den letzten Wunsch ihres Vaters Kurt zu erfüllen: er möchte in die Schweiz fahren, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen. Es beginnt ein bizarrer Road Trip, der die beiden Frauen über Glück und Unglück, über ihre Familien, aber auch ihre eigenen Ziele sinnieren lässt. Die Reise, die mit einem ganz klaren Ziel begannt, verändert ihre Route und auch die Absichten, mit denen die beiden Frauen in Norddeutschland das Auto bestiegen hatten. Plötzlich ist nicht mehr das Ende, sondern ein möglicher Neuanfang das, das sie quer durch Europa führt.

Lucy Fricke gelingt etwas, das in der deutschen Literatur eher ungewöhnlich ist: sie greift gleich mehrere ernsthafte Themen auf, die auch durchaus von den Figuren diskutiert werden, sie lässt diese aber auch Humor haben und das Leben manchmal einfach leicht sehen oder, da sie ohnehin nicht zu beseitigen sind, die Sorgen einfach vergessen trinken. So wie man die ernsthaften Momente nachdenklich verfolgt, kann man sich mit „Töchter“ auch schlichtweg auf sehr hohem Niveau amüsieren.

Ist man zu Beginn noch schockiert und verunsichert, da man nicht weiß, wie die Autorin mit dem Thema Sterbehilfe bzw. geplanter Selbstmord umgehen wird, nimmt sie einem diese Angst recht schnell. Es geht nicht ums Sterben, sondern ums Leben und vor allem die Frage, wie man lebt. Martha und Betty erfüllen beide nicht die Erwartungen ihrer Eltern und nehmen den Druck war, der auf ihrer Generation lastet:

 

„Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. Wir sollten unsere Träume verwirklichen, wir mussten welche haben, das Scheitern wurde uns zugestanden, aber erst nachdem alles, wirklich alles versucht worden war auf dem Weg zum Glück, Psychoanalyse eingeschlossen.“

 

Aber haben die Mütter und Väter die Erwartungen erfüllt? Martha kann die Entscheidungen ihres Vaters nicht nachvollziehen, Betty hingegen hatte nur temporäre Väter, die jeweils aktuellen Partner ihrer Mutter eben, die sie immer wieder auch verlassen haben. Vor allem Ernesto vermisst sie auch nach Jahrzehnten noch, weshalb sie sich auf die abenteuerliche Suche nach ihm begibt. Ist es da ein Wunder, dass beide keine Kinder haben? Ob gewollt oder ungewollt ist dabei fast egal.

Es sind Ironie und Heiterkeit, die über die Nachdenklichkeit hinwegtrösten, aber dafür auch keine Antworten liefern, die muss man als Leser schon selbst finden. Eine Welt, in der einem alles offen steht, in der es keine vorgefertigten Muster mehr gibt, die man einfach kopieren könnte, muss man sich selbst und seine Beziehungen erfinden und gestalten – und mit dem Ergebnis leben.

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