Volker Heise – Außer Kontrolle

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Volker Heise – Außer Kontrolle

Der Abend beginnt eigentlich vielversprechend: Ja hat einen Tisch in einem teuren Restaurant gebucht, weil er Nadine einen Antrag machen will, bevor diese die Stadt verlässt und zurück in ihr Heimatdorf fährt. Tobias Naujoks, der Besitzer des etwas exklusiveren „Paris“, versucht derweil die roten Zahlen zu verdrängen, aber vielleicht geht ja was mit der neuen Praktikantin, die gefällt ihm. Währenddessen will Polizist Weber nur endlich die Anerkennung seiner Kollegen, sie machen sich über ihn lustig, hänseln ihn, doch an diesem Abend, als er zusammen mit dem harten und anerkannten Hentschel auf Streife geht, da kann er sich endlich beweisen, hofft er zumindest. Doch Hentschel hat andere Sorgen als den jungen Trottel neben ihm im Wagen, seine Frau hat sich getrennt, bestimmt wegen einem anderen und er vermutet, dass Kostic, ihr Teamleiter, dahintersteckt. Dieser fragt sich auch, was er da eigentlich tut und weshalb er sich von seiner Frau dauernd auf die Nerven gehen lässt, vielleicht kann er bei seiner Geliebten auf andere Gedanken kommen. Ein Abend in Berlin, mehrere angespannte und gereizte Menschen, die sich zufällig begegnen und schon nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf.

Volker Heises Roman beginnt in recht moderatem Tempo. Zunächst stellt er uns Jan vor, er ist aus der norddeutschen Provinz nach Berlin gekommen, hat dort aber bald schon das Studium geschmissen. Planlos dümpelt er vor sich hin und nachdem die Eltern den Geldhahn zudrehen, übernimmt er einen Job im Callcenter, wo er in Nadine eine Seelenverwandte trifft, die sich ebenfalls mehr von der Großstadt erhofft hatte. Zu diesen beiden eher traurigen Gestalten gesellt sich Naujoks, der ohne Abschluss von der Schule flog und nur zufällig in der Küche seine Heimat und Bestimmung fand. Jan und Naujoks sind gleichermaßen schon früh durch Gewalttätigkeit und geringe Impulskontrolle aufgefallen, man kann sich vorstellen, dass diese Begegnung schwierig endet. Doch dann kann Heise überraschen, denn die Handlung wird keineswegs so geradlinig fortgeführt, wie sie sich zunächst andeutete.

Was als Psychogramm von Versagern am Rand der Gesellschaft beginnt, verwandelt sich in eine rasante unheilvolle Verkettung von Ereignissen, die von Emotionen und völligem Kontrollverlust aller Figuren gekennzeichnet ist. Man starrt fassungslos auf den Text, wie dieser sich plötzlich entwickelt und eine unheimliche Geschwindigkeit aufnimmt. Man möchte die Figuren anschreien, ihnen zurufen die Ruhe und Nerven zu bewahren, aber dazu ist an diesem Abend keiner mehr fähig und am Ende bleibt ein Schlachtfeld mit unzähligen Toten und zahlreichen zerstörten Leben.

Ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eine Demütigung zu viel. Der Autor, Volker Heise, bislang eher als Regisseur bekannt und ausgezeichnet, fängt in seinem Debut den kritischen Moment ein und lässt die Situation völlig eskalieren. Immer weiter treibt er seine Figuren und geradezu atemlos hofft man als Leser, dass sie irgendwie einen Ausweg finden und das Drama ein nicht ganz so schlimmes Ende nimmt. Ich war nach dem etwas schleppenden Beginn und der langen Vorstellung der zugegebenermaßen wenig als Sympathieträgern taugenden Protagonisten versucht das Buch nicht weiterzulesen – das wäre eine schlechte Entscheidung gelesen, denn „Außer Kontrolle“ ist einer dieser unscheinbaren Romane, die ihr Potenzial erst entfalten müssen, dann aber lange nachwirken.