Edward St. Aubyn – Never Mind

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Edward St. Aubyn – Never Mind

Ein Sommertag in der französischen Provence. Eleanor und David haben sich eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen, sie ist eine einzige Enttäuschung für ihn, hat sie sich seinem Willen doch sofort unterworfen. Allerdings erfordert der britische Adelsstand gewisse Standrads auch in ehelichen Fragen und so bleibt diese Ehe zumindest nach außen bestehen und mit ausreichend Alkohol schon am frühen Morgen kann Eleanor ihren Mann auch halbwegs ertragen. Zwei ihrer Gäste sind bereits angekommen, zwei weitere reisen mit dem Zug an und Eleanor wird sie trotz deutlich messbarem Alkoholspiegel mit dem Auto abholen. Der Tag nimmt seinen Lauf, doch bevor das Mittelschichten-Bashing während des abendlichen Diners seinen Höhepunkt erreicht, muss der junge Patrick Melrose, gerade einmal fünf Jahre alt, noch seinen persönlichen Tiefpunkt durchleben: der Missbrauch durch Vater David, der sich danach nicht der geringsten Schuld bewusst ist.

Edward St. Aubyn, derzeit sicherlich einer der bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, dessen Sprachgewalt unbestritten seinesgleichen sucht, hat in der Patrick Melrose Serie autobiografische Erlebnisse verarbeitet. „Never Mind“ (deutscher Titel: „Schöne Verhältnisse“) ist der erste Band, der auf die Kindheit Patricks blickt, den Missbrauch durch den Vater bezeugt und die psychischen Folgen der Vernachlässigung durch die Eltern bereits andeutet. Genau wie sein kleiner Protagonist ist auch St. Aubyn in ein altes englisches Adelsgeschlecht hineingeboren und zwischen britischen Privatschulen und Südfrankreich pendelnd aufgewachsen. Auch er erlebte Misshandlung und Vernachlässigung durch die Eltern und hat diese literarisch verarbeitet. Für „Never Mind“ erhielt er 1992 den Betty Trask Award, eine Auszeichnung für den Erstlingsroman eines Autors unter 35 aus dem Commonwealth. Nebenbei: für Benedict Cumberbatch war die Rolle von Patrick Melrose in einer Miniserie neben der des Hamlet eine der absoluten Wunschfiguren seiner Schauspielkarriere.

Man muss den Roman mit einem gewissen inneren Abstand lesen, sonst ist er nicht leicht zu ertragen. Die Figuren, allen voran David, sind kaum auszuhalten ob ihrer Arroganz und Versnobtheit. Auch ihr Umgang miteinander, vor allem zwischen den Paaren, ist fernab von gesunder Beziehungsführung und muss zwangsweise in Ausflüchten wie Alkohol oder Drogen enden. Wenn nicht Edward St.Aubyn ein Händchen für Sprache hätte, könnte man all dies kaum durchhalten. Obwohl er unsägliche Zustände schildert, die leider vermutlich so tagtäglich in vielen Haushalten vorkommen, von denen man eigentlich nicht lesen will, ist es doch gerade seine Ausdruckskunst, die Dinge als das zu benennen, was sie sind, sie auf den Punkt zu bringen, das den Roman letztlich so lesenswert macht. Die Dialoge sind scharfzüngig und entlarvend, das Verhalten der Figuren eröffnet Abgründe, die man sich kaum vorstellen vermag. Nur wenigen Autoren gelingt es, so ein Setting zu einem wirklich guten Roman zu machen.