Flavia Amabile/Marco Tosatti – Das Hotel von Aleppo

Das Hotel von Aleppo von Flavia Amabile
Flavia Amabile/Marco Tosatti – Das Hotel von Aleppo

Die Feindseligkeiten gegenüber den Armeniern veranlassen Krikor Mazloumian Ende des 19. Jahrhunderts die Türkei zu verlassen und sich in Aleppo niederzulassen. Er will ein Hotel eröffnen, das erst direkt im Suk, noch bescheiden, doch die Geschäfte laufen gut und so wird 1911 zum großen Staunen der Bevölkerung das Hotel Baron ganz im Stile der europäischen Gästehäuser eröffnet. Es wird Zeuge der Entwicklung der Stadt und des Landes sein, wird Engländer und Franzosen sehen, zwei Weltkriege überleben und bis in die Gegenwart erhalten bleiben. Filmstars, Abenteurer und Autoren werden ebenso absteigen wie Politiker willkommen geheißen werden. Und immer ist es mit dem Namen der Familie verbunden, die über Generationen die Geschicke je nach Lage des Landes versucht zu lenken.

Man ahnt es schon, wenn man zu dem Roman greift, die Geschichte kann kein wirklich gutes Ende nehmen. Die deutsche Ausgabe enthält Photographien, die den Zerfall und Niedergang dokumentieren, es ist fast tröstlich zu wissen, dass das letzte Familienoberhaupt inzwischen auch verstorben ist und das totale Chaos im Land und in Aleppo selbst nicht mehr erleben muss.

Doch es gab auch glanzvolle Zeiten und geschickt verbinden die beiden Autoren diese mit der Geschichte der Familie. Ähnlich wie bei anderen großen Dynastien sind es mutige Entscheidungen und tatkräftige Entschlossenheit, die den Grundstein bilden und so das Fundament für ein das eigene Leben überdauernde Imperium legen. Trotz der Verschiedenheiten der Väter und Söhne bleibt das Hotel und sein Erhalt immer oberste Priorität und auf ihre unterschiedlichen Weise gelingt es ihnen, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

Besonders interessant fand ich die geschichtlichen Entwicklungen. Die gegenwärtige Lage ist hinreichend durch die Nachrichtenmeldungen dokumentiert, Aleppos historische Rolle an der entscheidenden Bahnstrecke zwischen Istanbul und Bagdad gelegen, eine Verbindung zwischen Orient und Okzident schaffend, wird allzu leicht vergessen. Es sind Randnotizen wie jene um Agatha Christie, die ebendort weite Teile des „Mord im Orient-Express“ verfasste, die die Bedeutung Stadt und des Hotels bezeugen. Auch die Orientierung an den europäischen Hauptstädten und ihrem gesellschaftlichen Leben, sind vor dem Hintergrund der letzten Jahre kaum vorstellbar.

Das Hotel Baron kannte nie wirklich leichte Zeiten, ebenso wie die Stadt immer wieder von neuen Mächten unterworfen wurde, mussten auch die christlichen Armenier sich mit den neuen Herrschern arrangieren. Flavia Amabile und Marco Tosatti gelingt es mit leichtem Ton, die Geschichte der Familie und ihres Hotels nachzuzeichnen und einen Blick auf das Aleppo vor den Gräueltaten des aktuellen Bürgerkriegs zu werfen. Gerade weil das Leben dort pulsierend und betörend erscheint, trifft einem die heutige Situation umso mehr. Das Aleppo von einst gibt es nicht mehr und man wird keine Gelegenheit mehr haben, dieses zu besuchen. Wenigstens literarisch wurde ein Denkmal gesetzt.

 

Ein Dank geht an die Verlagsgruppe Random House und das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zu Buch und Autor finden sich auf der Verlagsseite.

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James Wood – Upstate

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James Wood – Upstate

Alan Querry lives a modest life in Northumberland, he is moderately successful as a developer and after the hard time of the divorce and death of his first wife, he found a new love. When his daughter Helen informs him that her sister Vanessa obviously has another depressive episode, Alan makes his way from England to Saratoga Springs upstate New York where Vanessa lives with her boyfriend Josh and where she teaches philosophy. Alan has never visited her, too many things kept him from crossing the ocean.  Helen joins him and thus, the family is united in a wintry small town and faced with the uncomfortable truths they have avoided for years.

James Wood is best known for being a literary critic for The Guardian and The New Yorker Magazine and teaching literature at Harvard. “Upstate” is his latest novel which focusses on philosophical dilemmas and the bonds of a family.

Clearly, the incident that triggers the family reunion was Vanessa’s accident during which she broke her arm. Yet, this was only the sad climax of a depressive period – something she has known all her life. How come that her younger sister Helen, who had to go through the same hardships as a child and is also struggling with her career, does not know these moody periods and can embrace happiness much easier? Why are some people just stronger, more resilient than others?

It has never been easy for the family members to openly talk about their feelings. Thus, they need to find other topics to layer what they want to say and to make it expressible. For Helen it is music, for Vanessa it has always been philosophy and for Alan, nature seems to be the clue.  At the end, the wintry ice is melting, after it was a cause for a minor road accident of Alan, that also the ice between father and daughter finally melts and gives way for a new spring, a new beginning.

What I enjoyed about the novel is the gentle pace at which it moves and the tenderness with which Wood talks about his characters. The impressive American landscape contrasts with the critical look at the people and especially American politics – we are around 2007 immediately before Obama announced his candidacy. Where nature is a lot more extreme, everything created by man is poorer there than the European counterpart, which more conservative but also more reliable. Such as the people – in the end, the family bonds are stronger and more dependable than the love bonds.