Han Kang – Menschenwerk

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Han Kang – Menschenwerk

Dass Studentenbewegungen selten friedlich enden und die jungen Menschen auch meist ihre Ziele nicht erreichen, ist bekannt. Die Autorin Han Kang, weltweit 2016 mit dem Gewinn des Man Booker Prize International für ihren Roman „The Vegetarian“ bekannt geworden, greift in ihrem nunmehr 13. Roman die eskalierenden Studentendemonstrationen ihrer Heimatstadt Gwangju in Südkorea auf. Entstanden aus Protest gegen die herrschende Militärdiktatur fanden die Tage der Eskalation im Mai 1980 mit dem Massaker in Gwangju ihren traurigen Höhepunkt. Die Zahl der Toten schwankt je nach Quelle zwischen 150 und 2000, die der Verletzten geht bis an die 4000. Die Verhaftungen sind vielfach nicht nachvollziehbar, auch über 25 Jahre später vermissten viele Familien immer noch angehörige.

Hat man Han Kang schon einmal gelesen, weiß man, dass man auf vieles gefasst sein muss und dass die Autorin dem Leser nur wenig erspart. Wir erfahren vom Schicksal verschiedener Figuren, die alle irgendwie in die Tumulte geraten sind. Zuerst der junge Dong-Ho, der die Aufbahrung unzähliger Toter bestaunt und bald selbst dabei hilft, diese zu waschen und für die Identifizierung vorzubereiten. Auch Jeong-Dae berichtet von seinem Schicksal, ebenso Eun-Suk, die Verlagsmitarbeiterin, deren Folter sogar noch schlimmere seelische Wunden hinterlassen hat, als die physischen, die viele ihrer Mitbürger in dieser Zeit und auch in den Jahren danach noch erleiden mussten. Auch die Berichte der anderen sind voller Brutalität des Regimes – viel mehr als man oftmals als Leser ertragen kann.

Es sind vor allem die Gedanken der Figuren, die sich beim Lesen einbrennen, vor allem jene von Eun-Suk, die einstmals große Pläne für ein Studium hatte. Das Leben jedoch hatte einen anderen Plan für sie:

Sie jedoch will nur so schnell wie möglich alt werden. Sie wünschte, dieses verdammte Leben würde keine Sekunde länger dauern als nötig.

Den Lebenswillen hat sie längst verloren, was kann ihr dieses Dasein auch bieten?

Von Anfang an war es nicht ihre Absicht gewesen, alles zu tun, um zu überleben.

Schon während der Proteste konnten viele sehr realistisch ihre Lage einschätzen, aber was hatten sie faktisch zu verlieren?

Rückblickend war es ein idiotisches Unterfangen, aber wir wollten daran glauben. Unsere Chancen zu sterben waren ebenso hoch wie die zu überleben. Entweder wir hielten uns oder wir gingen unter.

Das Gewissen verleiht ihnen Kraft und Macht, das Gefühl keine Angst mehr zu haben, verleiht ihnen Flügel. Zum Scheitern verurteilt, können sie nicht aufgeben. Und wer überlebt, wird Zeuge der Absurdität und Willkür des Regimes.

Inwieweit der Roman faktisch korrekt ist bzw. das Geschilderte exakt so hätte geschehen können, kann ich nicht einschätzen. Aber es wirkt authentisch und glaubwürdig, keine Sekunde zweifelt man daran, dass sich alles genau so zugetragen haben könnte. Schließlich ist ein grausames Zeitzeugnis entstanden, das hoffentlich diejenigen trifft, die daran mitgearbeitet haben.