Jami Attenberg – Ehemänner

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Jami Attenberg – Ehemänner

Sechs Jahre schon liegt Martin im Koma. Sechs lange Jahre steht auch das Leben seiner Frau Jarvis still. Zwischen dem New Yorker Loft und dem Pflegeheim pendelt sie, darüber hinaus hat sie eigentlich kein Leben mehr, keine Bekanntschaften, die sie pflegt, keine Freundschaften. Als sie dank einer defekten Waschmaschine in einem Waschsalon auf Tony, Mal und Scott trifft, wird plötzlich der Lebensmut wieder in Jarvis geweckt. Sie findet die drei Haus- und Ehemänner spontan sympathisch und fiebert jedem Treffen entgegen. Langsam hinterfragt sie ihr gegenwärtiges Lebenskonstrukt und als sie beginnt sich um Martins künstlerische Hinterlassenschaften zu kümmern, lernt sie zu ihrem Leidwesen auch eine Seite ihres Ehemanns kennen, die ihr bis dato nicht bekannt war. Sie muss sich entscheiden: weitermachen wie bisher oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen.

Jami Attenbergs Roman „Ehemänner“ ist bereits vor zehn Jahren erschienen, wurde jedoch jetzt erst in deutscher Übersetzung aufgelegt. Meiner Meinung nach merkt man, dass dies ihr erster Roman nach der Veröffentlichung von Kurzgeschichten war, ihr späterer Durchbruch und Erfolgsroman „The Middlesteins“ ist schon deutlich ausgereifter und im Humor subtiler. Nichtsdestotrotz erkennt man schon in diesem Roman das Potenzial der Autorin.

Dies zeigt sich vor allem in der Figurenzeichnung. Jarvis ist ein sehr eigenwilliger Charakter, der jedoch nichtsdestotrotz authentisch und lebendig wirkt. Ihre Situation ist fern von alltäglich, aber die grundsätzliche Frage, ob man in seinem Leben gefangen ist und sich ob der eigenen Passivität dem Schicksal hingibt oder den Mut besitzt, aktiv zu werden und auszubrechen, ist wiederum eine sehr weit verbreitete Problematik, der sich viele Menschen gegenübersehen. Eine kleine Begegnung, zufällig, ungeplant und kurz, bringt schließlich den Stein ins Rollen und das sorgsam aufgebaute Lebensgerüst ins Wanken. Dass dies schmerzlich sein kann, muss auch Jarvis erfahren. Jami Attenberg erspart ihrer Protagonistin nichts, der Ausbruch geht nicht ohne Leiden und Schrammen vonstatten – aber so ist das Leben und das hat die Autorin eingefangen.

Einmal mehr konnte sie mich Jami Attenberg jedoch vor allem mit der Atmosphäre überzeugen, die sie in ihrem Roman schafft. Man taucht in New York bzw. Williamsburg ein, spürt den Puls der Stadt, die jüdische und von Künstlern geprägte Umgebung, die ihren ganz eigenen Rhythmus lebt. Überhaupt hat sie für mein Empfinden speziell die kleine und recht überschaubare Artistenszene sehr glaubwürdig dargestellt: der Neid und Egoismus, mit dem die Karrieren verfolgt werden; Freundschaften und Beziehungen, die dem Erfolg untergeordnet werden. Auf der anderen Seite aber auch die noch erfolglosen Tingler wie die Ehemänner aus dem Waschsalon, die sich dank des Einkommens der Partnerinnen oder kleinerer Jobs über Wasser halten, bis vielleicht irgendwann der Durchbruch kommt – oder auch nicht. Das alles lebt von Jami Attenbergs Ausdruckstalent, bemerkenswert wie sie immer wieder kuriose Vergleiche und treffende Formulierungen findet, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Auch wenn für mich das Ende nicht ganz überzeugend ist, ein lesenswerter Roman über eine Frau am Scheideweg ihres Lebens.

Fredrik Backman – The Scandal/Beartown

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Fredrik Backman – The Scandal

A small town in northern Sweden. There is not much that connects the people in Beartown, it is too small and too insignificant to be known beyond the town’s limits. Yet, when the junior hockey boys win the semi-finals, for the first time in history, something big can happen. Beartown has always been a hockey town, if you don’t play, you are nobody. If you are not connected somehow with the local club, you are an outsider. Peter is the manager of the club and of course his wife Kira and their kids Maya and Leo also have to live for the club. Coach David has raised a generation of winners and with this junior team, they can finally pick the fruits of many years of hard work. But one evening will change everything, old friendships and loyalties will be tested, values will be questioned. The town will never be the same when the scandal comes to light.

I have read novels by Fredrik Backman before and really like his style and his eye for the detail in creating singular characters. However, “The Scandal” is so much more than interesting characters at a crucial moment of their life, it is the portrait of a community, the study of an average small town and the way these places work and how the individual is just a small cog in the machine. Admittedly, I also wouldn’t ever have imagined that a novel about ice hockey could be interesting, but it is.

First of all, the structure of the novel is full of suspense. You get to know the small town, all the important people, logically connected to the club, yet, the narrator warns you quite early that something is about to change everything, that things are not going to stay the way they are.

We have the kids, the boys playing hockey, friendships based on doing sports together, on being in a team, on standing in for one another. We have the girls who only play a minor role in the public opinion since they do not play hockey, there is no girls team, they are just a reward for the successful player, an accessory to decorate oneself with. We have the functional and the dysfunctional families, the rich and the poor, the local heroes and prestigious and the outsiders whom everybody ignores. Beartown is just like any small town anywhere in the world.

When the scandal finally becomes known, people have to take sides and have to admit to their values: is winning with the club more important than the individual’s fate? Whose side do you take, whom do you believe? What are you willing to give up and risk for a hockey team? Many are ready to forget long-time friendships, to forget their ideals, to place success before justice. It is impressive how Backman traces the development of the mood in town, how the machine finally starts and how opinions are formed.

Actually, it is not a novel about hockey. It is a novel about you and me and the question what is important in life and what you are willing to do to defend your principles or to be successful.