Graham Swift – Ein Festtag

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Graham Swift – Ein Festtag

Wie alle Hausmädchen hat auch Jane Fairchild am Muttertag des Jahres 1924 frei. Nur hat sie keine Mutter, zu der sie fahren könnte; als Kind ausgesetzt, wuchs sie in einem Heim auf, bevor sie ihre erste Anstellung aus Hausmädchen annahm. Doch an diesem Tag hat sie etwas vor, sie wird sich mit Paul Sheringham treffen, dem Sohn eines befreundeten Ehepaares ihrer Arbeitsgeber, den Nivens. Es wird vermutlich eines der letzten Treffen mit Paul sein, denn in zwei Wochen wird er Emma Hobday heiraten, ein Mädchen, das aus denselben Kreisen stammt und eine angemessene Gattin sein wird. Paul hat sie gebeten zu ihm zu kommen, ganz offiziell auch den Vordereingang zu benutzen. Ihr Treffen wird etwas Besonderes werden, das spürt Jane und ahnt noch nicht, dass sie diesen Tag in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird.

Graham Swift zählt zu den bedeutendsten britischen Gegenwartsautoren, seine Romane erhielten zahlreiche Literaturpreise, unter anderem den Booker Prize, den James Tait Black Memorial Prize und „Ein Festtag“ (Im Original „Mothering Sunday“) wurde mit dem Hawthornden Prize, einem der ältesten britischen Literaturpreise, ausgezeichnet.

Bemerkenswert an der Erzählung fand ich vor allem den Stil, den Swift findet. Der ganze Text erscheint sprachlich geradezu aus der Zeit gefallen und passt ganz hervorragend in das Jahr 1924, in dem die Handlung angesiedelt ist. Dabei gelingt ihm eine stilistisch bemerkenswerte Vermischung zwischen Introspektion der Protagonistin und zeitlichen Brüchen, die immer wieder in eine ferne Zukunft springen und ein Licht auf das werfen, was Jane erwarten wird, wenn dieser Tag vorbei und diese Episode ihres Lebens abgeschlossen ist.

Trotz zahlreicher Wiederholungen und Schleifen, minutiösen Detailbeschreibungen und bei realistischer Betrachtung sehr wenig Handlung bleibt der Roman immer lebendig und wird nie langatmig. Es ist dieser eine entscheidende Moment im Leben von Jane, der sich einbrennt und eine Wendung herbeiführt. Noch ist für sie alles wie gehabt, die Welt draußen ist jedoch schon einen Schritt weitergegangen, was sie noch nicht weiß. Der Leser ahnt schon, was sich zugetragen haben muss, gönnt Jane aber diese kurze Pause, die die Standesunterschiede aufhebt und ihr einen Vorgeschmack auf ihr späteres Leben gibt. Ein Leben, in dem sie viel von sich offenbaren wird, aber nicht diesen Tag im März 1924.

Graham Swift konnte mich mit diesem Roman, eher eine Novelle, vollends überzeugen. Sein Schreibstil erinnert an Ian McEwan, ebenso unaufgeregt kann er intensiv beschreiben, was seine Figur bewegt. Das Hörbuch wird von Iris Berben gelesen, was sehr gut zur reifen rückblickenden Jane passt, die die notwendige Lebenserfahrung und Weitsicht hat zu wissen, was man offenbart und was man besser als Gemeinsinns für sich bewahrt.