Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

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Lea-Lina Oppermann – Was wir dachten, was wir taten

Mitten in die Mathearbeit platzt die Durchsage, dass es einen Vorfall gäbe und die Klassen die Türen verschließen und auf weitere Anweisungen warten sollen. Was ist los? Doch nicht etwas ein Amoklauf? An die Klausur ist nicht mehr zu denken. Herr Filler, selbst mir 32 noch recht jung, weiß auch nicht, was zu tun ist. Auf so etwas wurde er nicht vorbereitet. Mark ist froh, dass wenigstens die Arbeit ausfällt, wohingegen Fiona durch die Situation mehr als irritiert ist. Als es an der Tür klopft und offenbar ein junges Mädchen Hilfe sucht, öffnen sie und müssen schnell ihren Fehler erkennen: nun ist der Amokläufer mit ihnen im Raum und er hat ein perfides Spiel vorbereitet, damit dieser Tag für alle zum unvergesslichen Trauma wird.

Lea-Lina Oppermann greift in ihrem Debütroman auf ein immer noch aktuelles Thema zurück, das viele Schüler bewegt und vor dem sie eine schwer greifbare Angst empfinden: einen Angriff auf die Schule, dem Ort, wo sie Schutz finden und in Ruhe lernen sollten und der sich schlagartig in einen Tatort der schlimmsten Sorte verwandeln kann. Reale Vorbilder geben genügend Ideen, was alles geschehen kann.

Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven des Lehrers und der beiden Schüler. Alle anderen Figuren lernen wir nur durch ihre Augen und Kommentare kennen. Diese Konstruktion bietet zwar eine gewisse Abwechslung und erhöht auch das Tempo, allerdings blieben mir beim Lesen die Figuren fremd. Dies lang vor allem daran, dass sie für mein Empfinden überhaupt nicht adäquat auf die Situation reagiert haben. Eigentlich müssten sie voller Angst und Panik sein, bleiben aber erstaunlich gelassen und gar mutig. Die Bedrohung, die sie an den Rand der Handlungsfähigkeit bringen und im Normalfall klares Denken verhindern müsste, hindert diese drei nicht daran, ganz normal weiterzumachen. Schnell wird die Gesamtlage auf von dem vermeintlichen „Spiel“ des Täters überlagert und auch die anderen Figuren sind mehr auf sich konzentriert und die Aufgaben als auf die Gefahr, die von dem Menschen mit den Schusswaffen ausgeht.

Die Emotionen, die bei diesem Setting das wichtigste sind, verlagern sich auf alltägliche Schulkinkerlitzlichen, den üblichen Streitigkeiten unter Jugendlichen, den Sorgen darum, wer am hübschesten und am schlanksten ist.  Diese haben zwar in Jugendbüchern auch ihre Berechtigung sind hier aber völlig deplatziert. Der Lehrer ist ebenfalls gänzlich überzeichnet in seinem egoistischen Streben nach akademischen Weihen und seiner Verachtung für und Belustigung über alle Schüler.

Es gibt viele Vorbilder in der Jugendliteratur, die dieses Thema ebenfalls behandelt haben und die ich allesamt deutlich gelungener finde. Anna Seidl hat in „Es wird keine Helden geben“ sehr eindrücklich die Situation aus der Sicht einer Überlebenden geschildert, die das Erlebte kaum verarbeiten kann. Marieke Nijkamp wählt in „This is where it ends“ eine minutiöse Beschreibung eines Überfalls, der unmittelbar die Angst der Betroffenen einfängt, ähnlich wie auch Heather Gudenkauf in „One Breath Away“, die mich beide viel betroffener machten als Lea-Lina Oppermanns kurzer Roman.

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