Christine Wunnicke – Katie

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Christine Wunnicke – Katie

Was ist los mit Florence Cook? Schon als Kind benimmt sie sich seltsam, bindet sich an ihrem Bett fest und hat komische Wahnvorstellungen. Ein Gutachten muss her, sie könnte ein Medium sein. Florence zieht also zu Familie Crookes, deren Oberhaupt Sir William Crookes viel Erfahrung mit allerlei Gutachten hat und ein gefragter Mann im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist. Im Hause Crooks zeigt sich dann, was mit Florence los ist: sie wird von Katie Morgan bewohnt, dem Geist einer seit 200 Jahren untoten Piratentochter, die den Weg ins Jenseits noch nicht gefunden hat. Katie kann regelrecht aus ihr heraustreten, wissenschaftlich ist das sogar nachweisbar, denn Florence wiegt weniger und ihre Körpertemperatur sinkt. Ein Faszinosum und Highlight der Stadt.

Was aus heutiger Sicht natürlich völliger Humbug ist, zeichnet Christine Wunnicke mit der zeitgemäßen Ernsthaftigkeit nach. Der Wissenschaftler hält seine Erkenntnis wie folgt fest:

„Die psychische Elektrizität unseres Mediums«, fuhr Crookes langsam fort, »erzeugt neuerdings ebenfalls eine Emanation von stark wechselnder Stofflichkeit. Diese sitzt einer Verkennung auf, welche wohl ein Residuum erlernten Aberglaubens des Mädchens ist. Sie hält sich für den Nachhall einer ehemals Lebenden. Sie glimmt dito. Sie bewegt auch das Radiometer. Sie geht umher und spricht.”

Der Autorin gelingt es in jeder Hinsicht, die Atmosphäre Londons vor rund 150 Jahren einzufangen und ihren Figuren in den Mund zu legen. Dabei legt sie einen ironischen Ton an, der einem beim Lesen einfach begeistert. Insbesondere in Bezug auf Katie. Die mysteriöse Erscheinung ist kein freundliches Fräulein, das man befragen könnte, sondern ein durchtriebenes Gör:

„Auch für das, was der Geist tat, fand Pratt keine Worte. Er saß auf Pratt und drückte ihn mit leibhaftigem Menschengewicht in die Matratze. Zuvor hatte er andere Dinge getan, die ein Mensch nicht tun darf oder nur im Hafen der Ehe. Pratt drehte sich mühsam um. Jetzt saß der Geist auf seinem Rücken und Pratt konnte ihn nicht mehr sehen. Das war gut so.“

Es hat durchaus seinen Grund, dass Katie gerade Florence bewohnt. Auch für alle anderen Figuren, die mit ihr Kontakt haben, spiegelt sie jeweils das wider, was sie erwarten und in ihr sehen wollen. Wie bei jeder anderen Séance ist hier der Wunsch und Eindruck des Betrachters maßgeblicher als das, was real vorhanden ist. Die Figuren basieren auf realen Tatsachenberichten, es fällt nicht besonders schwer zu glauben, dass sich vieles genau so zugetragen hat, auch wenn es heute eher amüsant bis absurd anmutet.

Die Parodie der Schauerromane ist nicht zu verkennen – das jungfräuliche Mädchen, das besessen ist, der Forscher, der ihr helfen will, der abgeschlossene Handlungsort im hause Crooks, der böse Geist – und dann ein sehr modernes Verhalten der Figuren, die den wirtschaftlichen Nutzen des Ganzen erkennen und daraus zu Profit schlagen wissen: aus dem umherwandernden Geist Katie wird „Katie King“, die in öffentlichen Auftritten vorgeführt wird.

Christine Wunnickes Roman stand auf der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis. Dies finde ich eher ungewöhnlich, denn weder Genre noch Umsetzung passen in die Reihe der üblichen Erwählten.

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