Jana Hensel – Keinland

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Jana Hensel – Keinland

Nadja und Martin, eine ungewöhnliche Beziehung in einem nirgendwo, in Keinland. Nadja will den Unternehmer Martin Stern eigentlich nur für ihre Zeitung interviewen, doch schnell merken beide, dass da mehr ist zwischen ihnen. Aber sie sind beide nicht frei von dem, was sie als Erbe und Erfahrung mit sich tragen., Martin wächst als Kind von Holocaustüberlebenden im Feindesland in Frankfurt auf und hasst es. Als Erwachsener flüchtet er ins gelobte Land. Auch Nadja hadert mit ihrem Land, das es schon gar nicht ehr gibt. In Ostberlin groß geworden hat sie den Niedergang der DDR erlebt und findet sich nun in einem anderen Land wieder, das irgendwie nie ihres wird. Martin will nicht nach Deutschland kommen, dafür zeigt er Nadja sein geliebtes Israel. Immer wieder treffen sie sich, aber sie kommen nicht zusammen, zu viel trennt sie, trennt jeden einzelnen davon, irgendwo richtig anzukommen und bei sich selbst zu sein.

Jana Hensels Buch wird als Liebesroman kategorisiert, aber ist er das wirklich? Für mich war die Liebesgeschichte zwischen Nadja und Martin nicht wirklich greifbar, denn sie entsteht nicht wirklich. Es gibt Zuneigung und Anziehung, doch viel mehr stecken die beiden Figuren in den Fragen ihrer eigenen Definition und Orientierung fest, als dass es ihnen möglich wäre, sich aufeinander einzulassen. Zwischen ihnen steht vor allem auch die Schuld der Deutschen, die nicht nur ein Volk, sondern auch dessen Geschichte versuchten auszulöschen:

„Ich komme aus dem Nichts, Nadja. Das ist eigentlich ganz einfach. Vielleicht zeige ich dir eines Tages, wo das ist. Vielleicht auch nicht. Das weiß ich noch nicht. Ich weiß, du findest, deine Leute laufen herum und sehen unter der neuen Farbe wie Tote aus. Aber das ist mir egal. Meine Leute sind wirklich tot. Sie laufen nirgends mehr herum.”

Martins Eltern mussten nach dem Krieg als Displaced Persons in Deutschland leben, wenigstens ihrem Sohn wollten aber sie eine Zukunft ermöglichen und dies führte für diesen jedoch zum Identitätsverlust:

„Meine Eltern haben mir nach dem Krieg den Namen Martin gegeben, damit man mich nicht erkennt. Sie wollten, dass ich genauso heiße wie ein richtiger Deutscher. Aber ich werde nie ein richtiger Deutscher. Ich weiß nicht, wer ich bin.”

Er bemüht sich nicht aufzufallen und dazuzugehören, aber jemand wie Nadja kann sofort erkennen, wenn jemand am falschen Ort, im falschen Land ist. Richtig ist für ihn jedoch Israel, seine neue Heimat, die er wie eine Geliebte verehrt. Eine Liebe, die Nadja nicht kennt, denn sie liebt ihr neues Land nicht, dies bleibt für sie immer das falsche:

„mein Land ist wirklich untergegangen, und ich glaube manchmal, ich mit ihm. Vielleicht weil ich damals so jung war, habe ich nicht verstanden, was passierte. Martin, verstehst du, vielleicht bin ich ja mit diesem Land untergegangen. Man kann auch mit falschen Ländern untergehen.”

Da es auf der Welt kein Land für sie beide gibt, müssen sie nach Nadjas Vorstellung eine neue Enklave für sich schaffen, eine eigene Welt, in der sie leben können und die ihnen die Freiheit und Sicherheit gibt, nach der sie sich sehnen:

„wir haben ein Land gegründet. Eine ganze Weile schon tun wir das, seit mehr als einem Jahr tun wir das, wenn du es ganz genau wissen willst. Ein Land für dich, ein Land für mich und nun auch noch ein Land für unser Kind. Meinland, Deinland, Keinland, unser Land vielleicht. Für das Kind in mir.“

Nadja und Martin sind im permanenten Kräftemessen, wessen historisches Erbe ist schlimmer, wer ist verlorener und in diesem Tauziehen finden sie sich immer wieder. Aber ihre Liebe ist fragil, sie setzt voraus, dass beide einen Schritt weitergehen, die Vergangenheit hinter sich lassen und nach vorne blicken. Die Last abwerfen, die sie mit sich tragen, die sie sich selbst gegeben haben.

Eine Liebe vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Ein Roman, der weit über seine Figuren hinaus wirkt, nicht nur wegen der Tragweite des Rahmens, sondern auch wegen der treffenden Formulierungen Jana Hensels, die genau den richtigen Ton für ihre Figuren gefunden hat.

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