Gaël Faye – Petit Pays

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Gaël Faye – Petit Pays

Anfang der 1990er Jahre, Burundi. Gabriel lebt mit seiner kleinen Schwester Ana und den Eltern in einer großen Villa. Sein Vater ist Exilfranzose aus dem Jura, seine Mutter kommt ursprünglich aus Ruanda. Das fröhliche Kinderleben wird durch die Trennung der Eltern jäh unterbrochen. Warum genau die Ehe in die Brüche ging, hat er damals nicht verstanden. Vielleicht haben sie einfach über ihre Verliebtheit übersehen, welches Erbe sie mit sich bringen und die Unterschiede ignoriert. An einem Tag plötzlich ändert sich das Leben schlagartig: die Präsidenten von Burundi und Ruanda werden ermordet, im Nachbarland Ruanda bricht der Bürgerkrieg aus und die Frage, zu welcher Ethnie man gehört wird ein entscheidender Faktor in einem multiethnischen Land.

Gaël Faye erzählt die Geschichte seines Landes, nicht seine Geschichte, wie der französische Musiker und Autor stets betont, aber eine, die von seinen eigenen Erfahrungen beeinflusst wurde. Als Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter musste er 1995 vor dem Krieg nach Frankreich fliehen.

Es sind diese Themen, die einem in den Nachrichten oftmals drohen überdrüssig zu werden, ein Bürgerkrieg weit entfernt in Afrika. Über Tage, Wochen, gar Monate scheint immer wieder dieselbe Meldung durchzukommen. Die Schicksale der Menschen dahinter bleiben oftmals verborgen oder gar vergessen. Gaël Faye gibt einen Einblick in das Leben in Burundi, das uns doch sehr fremd ist. Durch die Augen eines Kindes erleben wir den Konflikt. Diese Perspektive ermöglicht es, die großen politischen Fragen auszuklammern, dafür ist Gabriel zu klein, sie sind auch nicht interessant, das alltägliche Leben ist viel (be)greifbarer. Nichtsdestotrotz werden die wichtigen Fragen angerissen, schon im Prolog entfaltet sich ein Dialog, der – wenn die Geschichte nicht so traurig wäre – geradezu herrlich ist: der Vater erklärt den Kinder das Prinzip der Ethnien und sie stellen fest, dass Tutsi und Hutu im selben Land leben, dieselbe Sprache sprechen, denselben Gott anbeten und sich doch bekriegen. Warum? Na weil sie unterschiedliche Nasen haben, sieht man doch. Auch der Briefwechsel mit der französischen Brieffreundin lässt die Kinder in ihrer unverblümten Naivität schreiben, aus Erwachsenensicht kann man darüber sehr schmunzeln.

So wie die ganze Region durch den Ausbruch der Kämpfe erschüttert wird, ist es auch die Familie, die am Zerbrechen ist. Die Unterschiede zwischen dem französischen Vater, der sich in Afrika wohl fühlt und immer wieder betont, dass auch Frankreich nicht das Paradies ist, unterdessen aber völlig verkennt, dass er kein wirklich afrikanisches Leben lebt und der Mutter, die unter dem Exil leidet, den Wohlstand nicht genießen kann, weil sie – genau wie ihre Mutter – die Verbundenheit zu den Ahnen spürt und in der Fremde nie eine Heimat finden wird. Für die Kinder sind diese widersprüchlichen Gefühle und Aussagen oft unbegreifbar, erst später selbst in der Fremde, wird auch Gabriel bewusst, wie stark ihn und seine Gedanken das Leben in Afrika geprägt hat.

Sowohl der Erzählton wie auch die Umsetzung des Themas sind außergewöhnlich gelungen. Nicht umsonst war der Roman in der Endrunde des Prix Goncourt 2016 und wurde mit dem Goncourt des Lycéens, dem Prix du premier roman und des Prix des étudiants France Culture geehrt. Ein Stück afrikanische Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die deutsche Übersetzung wird im Oktober bei Piper erscheinen.

Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

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Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

Samantha Kingstons Leben ist perfekt: sie gehört zur angesagten Clique der High-School, hat mit Rob einen Freund, um den sie viele beneiden, ist hübsch und reich. Der 12. Februar soll alles perfekt machen: morgens die Valentinstagsgrüße in der Schule und abends wird sie endlich mit Rob schlafen. Alles beginnt ganz normal: die Schule hat nichts Ungewöhnliches zu bieten, dann bereitet sie sich mit den Freundinnen auf eine Party vor. Doch der Abend endet anders als geplant: bei einem Unfall kommen sie ums Leben. Doch am nächsten Morgen wacht Sam wieder auf. Es ist nochmal der 12. Februar und sie kann ihren letzten Tag nochmals erleben und vielleicht was ändern. Sieben Mal wird sich dies für sie wiederholen.

Das Grundkonzept ist eher ungewöhnlich, wenn auch nicht wirklich innovativ, allerdings hat die Autorin genug Humor, die Protagonistin selbst auf „Und täglich grüßt das Murmeltier“ hinweisen zu lassen. Ansonsten bietet der Roman alles, was das Young Adult Herz begehrt: die High-School mit ihren typischen Alltagssorgen, die von allen bewunderte Mädchen-Clique, die erste große Liebe, viel Gerede über Klamotten und Schminke. Und natürlich der obligatorische erhobene Zeigefinger, dass man doch bitte nicht gemein, sondern nett zu den Mitmenschen sein soll und sich für die Außenseiter einsetzen muss. Alle Stereotypen erfüllt, Leser des Genres werden es danken.

Was jedoch auffällt, ist die Figurenzeichnung, wobei ich mich gefragt habe, ob ich einfach zu alt bin, um die Figuren so wahrzunehmen, wie sie sein sollen. Für mich ist die Protagonistin einfach ein verwöhntes Gör, dem es viel zu gut geht und die in ihren Egotrip sieben Mal erfolgreich durchzieht und dafür auch noch belohnt wird. Vermutlich soll sie cool und bewundernswert wirken, dabei wirken ihre Kleidungsbeschreibungen auf mich eher billig bis nuttig und dass sie sich permanent darüber beklagt, dass sie von den Eltern zu kurzgehalten wird (man bedenke: sie bekommt im Jahr nur zweimal 500 Euro zum Kleidershoppen!), macht sie auch nicht gerade sympathischer. Da ihre Empathiefähigkeit nur gering ausgebildet ist, braucht sie auch mehrere Anläufe um zu verstehen, dass sie genau das ist, was ein anderes Mädchen ihr vorwirft: ein Miststück. Selbst als ihr langsam aufgeht, dass ihr Verhalten vielleicht eher suboptimal ist, wird ihr Handeln immer noch von dem Gedanken geleitet, möglichst selbst zu profitieren oder zumindest kein ganz so schlechtes Gewissen mehr haben zu müssen. Das macht das Lesen zu einer gewaltigen Quälerei, da man permanent den Gedanken hegt, dass die Welt einfach eine bessere wäre, wenn sie endlich tot wär. Dass die anderen ihr da in nichts nachstehen, macht es kaum besser.

Alles in allem ein Buch, dass hervorragend auf die zu liefernden Klischees abgestimmt ist, durch besonders widerwärtige Figuren besticht und weiter nichts zu bieten hat, was für eine Leseempfehlung sprechen würde.