Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

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Éric Faye – Zimmer frei in Nagasaki

Erst stutzt er nur. Dann wundert er sich. Dann wird er aufmerksam. Etwas ist falsch in seiner Wohnung, als wenn in seiner Abwesenheit jemand heimlich eingedrungen wäre. Es sind nur kleine Anzeichen, aber zunehmend beschleicht Shimura Kobo doch ein ungutes Gefühl. Ok, er schließt nie ab, es wäre ein leichtes bei ihm einzudringen, aber das macht doch niemand, vor allem nicht, ohne etwas zu entwenden. Er notiert seine Beobachtungen und bringt schließlich eine Überwachungskamera an, um vom Büro aus seine Küche zu observieren. Da, plötzlich, eine Gestalt. Tatsächlich. Er informiert die Polizei und staunt nicht schlecht über das, was sie ihm berichten: schon fast ein Jahr war die Frau sein heimlicher Untermieter.

Éric Fayes Roman basiert auf einer realen Geschichte, die sich 2008 in Japan zugetragen hat. Zunächst kennt man als Leser nur die Perspektive des Meteorologen Kobo, der eigenbrötlerisch und etwas seltsam ist. Mit festen Routinen gestaltet er seinen Tag und weicht nie davon ab. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich seltsame Vorgänge nur einbildet, doch bald schon wird offenbar, dass dem nicht so ist.

Die Geschichte beginnt schon fast am Ende des Zusammenlebens und es ist gar nichts so sehr selbiges, das thematisiert wird. Interessant ist zum einen, was mit dem Protagonisten passiert, nachdem er den Eindringling entdeckt hat: er fühlt sich nicht mehr wohl zu Hause. Die Wohnung ist geradezu leer, es fehlt ihm etwas, von dem er zuvor gar nicht wusste, dass es da war. Und so entwickelt er regelrecht Gewissensbisse und macht sich Vorwürfe:

„Wenn ein Mensch in diesem Augenblick hinter Gittern war, dann wegen dieses Auges Anm. der Kamera]! Als ich verstand, dass ich meinen Fehler auf ein Ding abschieben wollte, wurde ich wütend auf mich und schimpfte laut.“

Immer mehr spitzt sich seine Situation zu, denn in dem Kokon, in dem er es sich emotional so schön eingerichtet hatte und der ihm ermöglichte, die Augen vor der Realität als einsamer Single ohne Freunde zu verschließen, sind Risse entstanden und er stellt irgendwann seine komplette Existenz in Frage:

„Nein, vergessen. Ich wollte nicht diese arme Frau vergessen, die mir nichts bedeutete, sondern meine ganze Existenz, deren Armseligkeit und Dürre sich mit einem Mal offenbarte. Da spross seit langem kein Ehrgeiz mehr, Erwartungen auch keine mehr. Verwünschen sollte ich diese Frau. Ihretwegen hatte sich der Nebel über meinem Leben verflüchtigt.”

Doch auch die Frau kommt zu Wort, im Gefängnis lässt sie den Leser daran teilhaben, wie sie in die unsägliche Situation kam, ihre Wohnung zu verlieren und schließlich bei Kobo einzuziehen. Geschickt hat sie beobachtet und ihr Leben um seins organisiert. So entsteht ein unsichtbares Band, das auch sie spürt, auch wenn es sicher keine Liebe war, die sie für ihn empfand. Doch es gab noch mehr Gründe für sie, genau diese Wohnung wieder zu besuchen und ihr Schreck ist groß, als sie wieder in Freiheit den Ort der Tat erneut aufsucht.

Ein Roman der leisen Töne, der zwei recht isolierte Figuren zusammenführt, ohne die reale Nähe als solche zu erleben. Die kurze Zeitungsmeldung wurde so mit sehr viel Leben gefüllt.

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