Lawrence Osborne – Denen man vergibt

lawrence-osborne-denen-man-vergibt
Lawrence Osborne – Denen man vergibt

David und Jo verlassen die Fähre, die gerade in Marokko angelegt hat. Sie sind auf dem Weg zu einer 3-tägigen Party bei Freunden am Rand der Wüste. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich und David hat zu viel getrunken. Es passiert, was passieren muss: Mitten in der Nacht überfahren sie einen jungen Mann. Unentschlossen, was zu tun ist, packen sie die Leiche in ihr Auto und nehmen sie mit zum Anwesen von Richard und Dally, die sicherlich wissen, was zu tun ist. Die Polizei wird verständigt, doch auch diese hat wenig Interesse an einem Fall, in den Ausländer verwickelt sind und ein namenloser Fossilienverkäufer hat ebenfalls keine Priorität. David und Jo erholen sich dank Alkohol und Drogen schnell von dem Schreck, doch am nächsten Tag taucht die Familie des Toten auf und verlangt nach Wiedergutmachung. Während Jo sich weiter der ausgelassenen Feier hingibt, muss David den Vater des Jungen begleiten, an ein unbekanntes Ziel mit unbekanntem Ausgang.

Lawrence Osbornes Roman kommt einem vor wie aus der Zeit gefallen. Erschienen 2012 im Original unter dem Titel „The Forgiven“ und 2017 in der deutschen Übersetzung, hat man von der ersten Seite an den Eindruck, ein Werk der 1920er in den Händen zu halten. Würden die Figuren nicht immer wieder ihr Handy benutzen, ließen sie sich auch kaum in der Gegenwart verorten. Erzählstil, Setting, Themen – vieles erinnert an die Roaring Twenties und ihre großen Autoren wie F. Scott und Zelda Fitzgerald, E.M. Forster, Ernest Hemingway, Edith Wharton oder auch die später schreibende Patricia Highsmith.

Das Setting des Romans ist das zunächst augenscheinlichste Moment. Fernab des Alltags treffen sich eine Gruppe von Schönen und Reichen in dem Anwesen der beiden Homosexuellen Richard und Dally, um dort ausgelassen mehrere Tage eine rauschende Party im Stile eines Gatsby zu feiern. Es mangelt an nichts; das Personal, ausschließlich aus Marokkanern bestehend, umsorgt die Gäste rund um die Uhr und erfüllt jeden Wunsch. Der Alkohol fließt reichlich und bald schon werden die Konventionen, die man mit dem Übersetzen nach Afrika hinter sich gelassen hat, vollends vergessen. Einzig störend wirken der Wüstenwind und die Gluthitze. Hier kommt Osbornes große erzählerische Stärke zum Vorschein: die Beschreibung des aufkeimenden Windes, der den Wüstensand überall verteilt:

„Über Nacht war der Sand zu einem ernstzunehmenden Gegner geworden. Einem Gegner, der so klein, so heimtückisch war, das sie ihn nicht bekämpfen konnten. Nichts erbost mehr als ein ungleicher Kampf. Die Frauen beklagten sich, die Männer bissen auf die Zähne und baten das Personal um Hilfe.”

Keine alltagsweltlichen Probleme können die Figuren belasten, aber in der Fremde sind sie plötzlich ihrer Macht beraubt und müssen sich auf die Marokkaner verlassen. Diese beobachten mit ausdrucksloser Mine das Treiben und die Oberflächlichkeit der in ihren Augen Ungläubigen – Alkohol, Drogen, Homosexualität, Ehebruch. Erst der Unfall scheint die Verhältnisse umzukehren: die mit Verachtung gestraften Landsleute sind plötzlich an der Macht zu bestimmen, welche Strafe der Engländer bekommen soll. Und das Personal erwartet von der Familie, dass sie den Mord gerecht ahnden werden.

Hier beginnt der zweite, spannungsgeladene Aspekt des Romans. David wird nicht entführt, er begleitet die Männer freiwillig an den unbekannten Ort und weder kann er sie verstehen noch weiß er, was dort geschehen wird. Wie der Protagonist ist auch der Leser plötzlich herausgerissen aus der unbeschwerten Leichtigkeit der Feier hinein geworfen in eine lebensbedrohliche Situation. Vieles kann man sich vorstellen und hier holt einem der Autor bei der stärksten Frage des Romans ab: welche Erwartungen haben wir an das Handeln dieser nach westlicher Norm unzivilisierten Wüstenmänner und wie ausgeprägt sind auch im 21. Jahrhundert unsere Vorurteile?

Zwei Kulturen treffen aufeinander: einerseits die Gläubigen Marokkaner, die nur in Form von Bediensteten an der Party teilnehmen oder als Rache suchende Familie des Opfers auftreten; andererseits die Globetrotter, die das schöne Leben kennen und pflegen und ihrem Hedonismus freien Lauf lassen. Die gegenseitige Verachtung wird von Osborne nicht subtil, sondern ganz offen thematisiert und die Angst vor dem nicht abzuschätzenden Handeln der Familie weicht mehr und mehr der Empörung über das Handeln der Partygäste. Am Ende wird die Haltung sehr prägnant auf den Punkt gebracht und lässt einem als Mitglied dieser Kultur durchaus beschämt zurück:

„Aber er hatte ihm nie auch nur eine einzige Frage zu den Berbern gestellt, die für ihn offenbar ausschließlich Teil einer unveränderlichen Kulisse waren. Lebendes Inventar sozusagen. Natürlich äußerte er ihretwegen Bedenken und war wie jedermann heutzutage darauf konditioniert, ihnen zu misstrauen. Doch in Wahrheit war ihm jedes Wort über sie zu viel. Natürlich galten sie als Reservoir des Terrorismus, was sie dann wiederum doch für hitzige Diskussionen interessant machte.”

Ein wirklich beachtenswerter Roman in klassischer Tradition, der den großen Vorgängern in nichts nachsteht.

Advertisements