Jonas Lüscher – Kraft

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Jonas Lüscher – Kraft

„Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium“ – diese Fragestellung ist es, die den Rhetorikprofessor Richard Kraft aus seiner finanziellen Not retten soll. In einer guten Viertelstunde soll in der ehrwürdigen Stanford Universität von den Bewerbern die Frage erörtert werden, dem Sieger winkt eine Million Dollar gestiftet von einem Internet Milliardär. Da er sich in seinem Tübinger Zuhause nicht in der Lage sieht, angemessen konzentriert an die Arbeit zu gehen, fliegt Kraft schon zwei Wochen vor der Veranstaltung nach Kalifornien und wohnt dort bei seinem Freund István, mit dem er einst in der Westberliner Enklave das Leben studierte und die Politik diskutierte. Bei der Suche nach der Frage, weshalb alles, das ist auch notwendigerweise gut ist, kehrt Kraft gedanklich auch immer wieder in seine Vergangenheit zurück und lässt seine Zeit mit István ebenso Revue passieren, wie die Zeit mit den drei Frauen, die sein Leben geprägt haben. Je näher der Tag der Präsentation rückt, desto weiter entfernt sich Kraft von der Überzeugung, dass in seinem Leben und in der Welt alles zum Besten steht.

Der Roman des Schweizer Autors Jonas Lüschers ist vom Feuilleton direkt nach Erscheinen begeistert aufgenommen worden. Es ist vermutlich die erstaunliche Verbindung, die Lüscher in „Kraft“ schafft zwischen der philosophischen Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, der politischen Lage eines geteilten Deutschlands, das dem angloamerikanischen Neoliberalismus zu Beginn der 80er Jahre nur Helmut Kohl entgegensetzen kann, den weltbeherrschenden Internetgiganten des Silicon Valley und dem Leben eines einzelnen Mannes, der immer dann beruflich auf der Karriereleiter emporsteigt, wenn gleichzeitig die Frau an seiner Seite den Abstieg hinnehmen muss. Hierin Sinn zu finden und zu begründen, dass dies die bestmögliche aller Welten ist – kein leichtes Unterfangen, wie der Protagonist zunehmend verzweifelt feststellen muss.

Der sprechende Name des Protagonisten dient hervorragend als Ausgangspunkt zur Dekonstruktion des Romans. Richard Kraft – steht der Vorname für die Eigenschaften reich, mächtig und stark, fügt der Nachname diesen Einfluss, Wirkungsfähigkeit und Veränderungsfähigkeit hinzu. Sieht man sich die Figur an, so ist Kraft zunächst einmal finanziell abgebrannt. Zwei Ehen und vier Kinder haben ihn ruiniert, er ist dringend auf eine Geldspritze angewiesen. Macht und Stärke hat er eigentlich qua Profession, er war im frisch vereinten Deutschland eine Größe auf seinem Gebiet, scheint aber seine große Zeit hinter sich zu haben und nur wenige ergiebige Gedanken produzieren zu können. Mit dem Vortrag in Stanford erhält er die Chance seinen Einfluss geltend zu machen, eine positive Wirkung auszuüben und etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Doch statt in der Ferne neue Gedanken zu kultivieren, sinkt er Grübelei und hängt der Vergangenheit nach. Eine Lücke klafft zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte; ein Riss, der den Protagonisten selbst durchläuft und sehr passend auch auf dem Cover stilisiert ist.

Der eigentlich leistungsstarke und intelligente Mann wird überrollt – so wie in seinen Gedanken San Francisco von einer mörderischen und zerstörerischen Welle erfasst und zerstört wird, kann auch er den globalen Trends gesteuert durch die Ökonomie der Internetfirmen nichts entgegensetzen. Hat Gott den Menschen nach seinem Bild erschaffen, so erschafft nun der Mensch den Roboter, der alsbald droht die Macht zu übernehmen und als das bessere Wesen zu regieren. An dieser Stelle wird Kraft zum Sinnbild des modernen Menschen, der sich machtlos ausgeliefert fühlt und für den sich nicht erschließt, weshalb diese Welt, die bestmögliche sein soll.

Ein starker Roman, der sich nicht einfach nebenbei weglesen lässt, sondern immer wieder komplexe Diskurse mit dem Leser führt und ihn so mit der Ausgangsfrage konfrontiert.

Ein herzlicher Dank geht an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar. Mehr Informationen zum Buch finden sich auf der Seite des Verlags.

Karen McManus – One Of Us Is Lying

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Karen McManus – One Of Us Is Lying

Five students of Bayview High School have to go to detention for having a cell phone with them. They all swear that the mobiles do not belong to them and that they don’t have the least idea how they ended up in their backpacks. Bronwyn, the perfect student with a flawless record and surely a place at one of the Ivy League colleges; Nate, the constant loser who is currently on probation for drug dealing; Cooper, a promising baseball player; Addy, the girlfriend of one Bayview High’s most wanted boys; and Simon, on the one hand an outsider, on the other the creator and head behind the school’s gossip app who seems to know all the secrets of his class mates. Just a couple of minutes later, Simon is dead and the four remaining students are the prime suspects. Actually, all of them have something to hide as the police soon finds out and their secrets might have lead each single student to murder. They all plead innocent, but apparently one of them must be lying.

I really enjoyed this combination of young adult with crime novel. Karen McManus’ four protagonists are interestingly drawn, very singular characters which – of course – show some stereotypical features but which I think is normal for their age where you try to play some role and fit in. The author plays with the reader in bit by bit revealing more about the teenagers and their individual flaws and weaknesses. I did not really expect all of them having these secrets which, in fact, are everything but harmless and could really destroy their lives – well, that’s what happens when they are a finally revealed.

I liked the arc of suspense a lot. First of all, there has been a murder quite at the beginning of the story and of course you want to know who committed the crime. But then, all protagonists one after the other tell you that they have something to hide without immediately illuminating you. So apart from the search for the murderer, there is much more you want to find out and which makes you keep on reading.

For me, “One of US is Lying” can easily equal novels such as Jay Ashers “Thirteen Reasons Why”, Celeste Ng’s “Everything I Never Told You” or E. Lockhart’s “We Were Liars”.